Missbrauch bei Ferienfreizeit Sadismus im Schlafsaal

Wieso tun Jugendliche anderen so etwas an, wieso werden sie nicht gestoppt? Teenager sollen bei einer Ferienfreizeit auf Ameland 13-jährige Jungen missbraucht haben. Die Organisatoren sind erschüttert und ratlos. Die mutmaßlichen Täter waren eigentlich zu alt für die Tour, durften nur auf Drängen der Eltern mit.

Buren auf Ameland: Bei einer Freizeit soll es zu schwerem Missbrauch gekommen sein
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Buren auf Ameland: Bei einer Freizeit soll es zu schwerem Missbrauch gekommen sein

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Hamburg - Stefan Müller* traut sich kaum vor die Tür an diesem Tag. Im Lokalradio hört er Menschen sagen, Jugendfreizeiten seien gefährlich, die Betreuer kriminell. Er gehöre eingesperrt, lässt man ihn per E-Mail wissen. Ihn, der noch 2003 mit der Bürgermedaille der Stadt Osnabrück ausgezeichnet wurde für seinen außerordentlichen ehrenamtlichen Einsatz im Sport.

Doch das ist lange her, und an diesem Mittwoch scheint es eine Ewigkeit zu sein.

Seit 1973 fährt Stefan Müller nach Ameland, Tausende Jugendliche hat er dort in all den Jahren betreut, unzählige Strandspaziergänge organisiert, Hunderte Elterngespräche geführt, und nun, nach Fahrt 37, sitzt der Freizeitleiter in seinem Haus und sagt: "Eine handvoll fehlgeleiteter Jugendlicher bringt das alles zum Einsturz." Er sagt auch: "Für mich ist eine Welt zusammengebrochen."

Der Tag, an dem seine Welt eingestürzt ist, war Freitag, der 9. Juli. 170 Jugendliche und rund 60 Betreuer waren tags zuvor mit Bussen von Buren auf der niederländischen Insel Ameland nach Osnabrück heimgekehrt. Dann erhält Müller einen Anruf von Wolfgang Wellmann, dem Leiter des Stadtsportbundes Osnabrück. Eine Mutter, deren Sohn mit nach Ameland gereist war, hat von

sexuellem Missbrauch

während der Tour berichtet, Wellmann informiert ihn darüber. Müller fällt "aus allen Wolken", wie er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagt. Er hat als Leiter der Freizeit alles organisiert, wie immer, aber, sagt er, von den Exzessen auf Ameland nichts mitbekommen.

Müller telefoniert mit Betreuern und besucht noch am selben Tag Familien, deren Kinder auch mitgefahren sind. Nach Stunden ist klar: Der Verdacht scheint sich zu bestätigen. Auch andere Mädchen und Jungen erzählen, was sich im Schlafsaal des Hauses "De Zilvermeeuw" ("Die Silbermöwe") abgespielt haben soll.

In dem Raum im ersten Stock des grau geklinkerten Gebäudes sollen mindestens sechs bis acht 13-jährige Jungen von anderen Jugendlichen missbraucht worden sein, nachmittags und auch abends, mit Gegenständen. In einigen Fällen sei der Missbrauch nur gescheitert, weil sich die Opfer "an Betten festkrallten", über "Feuerleitern flüchteten" oder "erheblichen Widerstand leisteten", sagte Berndt Klose, Leiter des Osnabrücker Jugendschutzkommissariats.

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft lauten nun auf gefährliche Körperverletzung, schweren sexuellen Missbrauch und auch auf Vergewaltigung. Fünf Jugendliche werden als Haupttäter eingestuft. Die insgesamt elf mutmaßlichen Täter sind den Ermittlern zufolge zwischen 13 und 16 Jahre alt; zwei Opfer haben sich womöglich selbst an anderen vergangen. Drei Jungen haben die Taten inzwischen bei der Polizei zugegeben.

Die mutmaßlichen Täter haben sich gebrüstet

Was bringt Jugendliche dazu, anderen Jugendlichen so etwas anzutun? Diese Frage beschäftigt nun die Betroffenen, und auch Stefan Müller.

In den Jahrzehnten der Jugendarbeit hat der 65-Jährige manchen Begriff aufgeschnappt - nicht aber "Fisting", sagt er. Auf Ameland fiel unter den Kindern und Jugendlichen immer wieder dieses Wort. Es erschließt sich den Betreuern erst jetzt und steht für eine Sexualpraktik mit der Faust (englisch "fist"). Die mutmaßlichen Täter sollen sich nach der Rückkehr auf Internetseiten mit dem Wort und den Geschehnissen auf Ameland gebrüstet haben.

Müller sagt, das alles sei schwer zu begreifen. Eigentlich will er nicht mehr mit Journalisten sprechen, er ist misstrauisch geworden. Er hat seinen Urlaub, seine Zeit, sein Geld in die Jugendfreizeiten gesteckt. Immer wenn Jugendliche kritisiert wurden, habe er gesagt: "Sie sind nicht an sich schlecht, sondern wir Erwachsenen haben sie so gemacht." Nun fühlt er sich unwohl in seinem eigenen Haus, wenn er über das nachdenkt, was im Jungenschlafsaal auf Ameland passiert ist.

Die mutmaßlichen Täter stammen nicht aus schlechten Familien, sagt Müller. Er kennt sie, sie waren schon früher auf Ameland dabei. In diesem Jahr hätten einige von ihnen eigentlich nicht mitkommen sollen - das Programm ist für Jugendliche bis 14 ausgelegt, doch die Jungen waren schon 16. "Ich habe sie erst auf nachdrückliches Bitten der Eltern mitgenommen", sagt Müller SPIEGEL ONLINE. "Sie haben gesagt, den Jungen habe die Freizeit in den vergangenen Jahren so gut gefallen, sie würden gerne noch mal mitfahren." In den vergangenen Jahren seien sie "nie negativ aufgefallen", sagt der Leiter. Und setzt nach: "Nie!"

"Ich nehme die ganze Schuld auf mich"

Im Haus "De Zilvermeeuw" kamen auf rund 60 Kinder zwölf Betreuer. Diese schliefen im Anbau im Erdgeschoss, hatten dort auch ihren Aufenthaltsraum, und einer hielt immer Nachtwache. Was haben sie mitbekommen von den Übergriffen unter dem Dach?

Diese Frage treibt Müller und die Polizei um. Diese ermittelt auch wegen unterlassener Hilfeleistung. Der Verdacht steht im Raum, dass sich Kinder an die Betreuer gewandt haben - und diese nicht angemessen reagierten. In welcher Form die Kinder um Hilfe baten und über die Taten sprachen, ist bislang nicht geklärt.

"Ich bin nicht informiert worden", sagt Müller. Er gehe davon aus, dass die Betreuer die Hilferufe der Kinder nicht richtig gedeutet hätten. Alle hatten ihm zufolge eine Jugendleitercard und waren zwischen 18 und 25, einige hat er selbst ausgebildet. Er hat bei Vorbereitungstreffen mit den Betreuern diskutiert, was zu tun und was zu lassen ist. "Es war klar, dass die Betreuer nicht bei einem Blues mit einer anderen Betreuerin tanzen, es war klar, dass keine Jungen in die Mädchenräume gehen. Aber den Begriff 'Fisting' kannte keiner", sagt er. Wussten die Betreuer einfach nichts mit dem Wort anzufangen? Oder gab es auch andere Hinweise, die nicht ernst genug genommen wurden?

Sätze wie "Die Großen ärgern uns" habe es gegeben, heißt es beim Sportbund Osnabrück. Hätten sie die Betreuer misstrauisch machen müssen? Fest steht: Falls es Hinweise gab, wurden sie entweder falsch eingeschätzt oder ignoniert. "Ich stelle mich vor meine Betreuer und nehme die ganze Schuld auf mich", sagt Müller. Ihn erwartet womöglich ein Verfahren wegen Verletzung der Aufsichtspflicht.

Bislang gab es für Müller vor allem "Lob und Anerkennung" - im Moment ist von alldem wenig übrig. "Es tut weh", sagt er. "Das ist das Ende dieser Art von Arbeit."

Er ist von all seinen Ämtern zurückgetreten.

*Name von der Redaktion geändert

Nachtrag der Redaktion: Das Verfahren gegen den Betreuer wegen unterlassener Hilfeleistung wurde mangels hinreichendem Tatverdacht eingestellt.



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