Missbrauch im Kinderheim Die "Bestie von Jersey" kam als Weihnachtsmann

Einzelhaft, Züchtigung, Vergewaltigung: In einem Kinderheim auf Jersey wurden Waisen systematisch gequält und einige von ihnen vermutlich getötet. Auch der pädophile Serientäter Edward Paisnel, die "Bestie von Jersey", soll das Heim besucht haben - im Weihnachtsmannkostüm.

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London - Er attackierte seine Opfer mit nägelbewehrten Armbändern, sein Gesicht verbarg er hinter einer handgefertigten Gummimaske: Der notorische Pädophile Edward Paisnel versetzte in den sechziger und siebziger Jahren ganz Jersey in Panik. Über einen Zeitraum von elf Jahren soll er Kinder nachts in ihren eigenen Betten brutal überfallen und vergewaltigt haben. Jetzt bringen britische Medien die "Bestie von Jersey" in Verbindung mit den ungeklärten Knochenfunden in einem ehemaligen Kinderheim auf der Kanalinsel.

Bereits 1972 hatte Paisnels Ehefrau Joan in einem Buch von Besuchen ihres Gatten in dem Waisenhaus Haut de la Garenne berichtet. Er habe sich in den sechziger Jahren oft als Weihnachtsmann verkleidet, mit den Kindern gespielt und sie gebeten, ihn "Onkel Ted" zu nennen, hieß es. Die örtliche Polizei wies jede Spekulation über einen Zusammenhang mit der derzeit laufenden Leichensuchaktion zurück. Es gebe "keine Beweise" für eine Verbindung Paisnels mit dem Schädel- und Knochenfund vom Samstag. Paisnel war 1971 wegen Körperverletzung, Vergewaltigung und Unzucht in 13 Fällen zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. Er starb 1994.

Jahrelang hatte es im beschaulichen St. Martins Gerüchte über schwere Misshandlungen in dem Kinderheim gegeben. Doch erst seit Polizisten am Samstag einen Kinderschädel und weitere Leichenteile auf dem Gelände des Haut de la Garenne fanden, kommen immer mehr grausige Details ans Licht.

"Mit einem Stock den Finger abgetrennt"

Ein ehemaliger Insasse, der in den sechziger Jahren dort untergebracht war, berichtete, dass sein damals 14-jähriger Freund Michael Collins aus dem Heim floh und kurz darauf erhängt an einem Baum gefunden wurde. In zwei weiteren Fällen seien Jungen als vermisst gemeldet worden und nie wieder aufgetaucht. Sie seien "wieder nach Hause gegangen", habe es damals geheißen. "Das ist aus heutiger Sicht fraglich", sagte der Zeuge laut "Times". Der heute 60-Jährige erklärte, die Gewalt sei sowohl vom Wachpersonal als auch den älteren Insassen ausgegangen.

"Das waren alles Kinder, die niemand wollte", sagte ein ehemaliger Anwohner. Alle hätten gewusst, dass im Heim hart durchgegriffen wurde, aber damals habe man "das auch erwartet". Seine erschütternde Bilanz: "Es wundert mich gar nicht, dass einige Kinder von dort verschwunden sind, sie waren ja schon halb verschwunden, als man sie dorthin brachte."

Der inzwischen verstorbene ehemalige Heimbewohner Frank Lewis hatte den "Jersey Evening News" berichtet, Direktor Badham sei bekannt gewesen für seine Gewalttätigkeit: "Er hat mich vor versammelter Mannschaft so lange verkloppt, bis ich blutete. Einem Jungen hat er mit einem Stock den Finger abgetrennt."

Der heute 57-jährige Kenny Le Quesne hatte Glück: Er musste Mitte der Sechziger nur sechs Wochen in die Anstalt. Im "Guardian" beschreibt er die Atmosphäre der Unterdrückung und der Furcht in Haut de la Garenne: "Ein Junge warf einen Fettklumpen in den Eintopf, den ich gerade in der Kantine aß. Einer der Wachleute sah, wie ich den Klumpen herausnahm und schlug mich daraufhin. Dann forderte er mich auf, ihn zu essen. Als ich mich weigerte, schlug er mich erneut."

Verbrechen verjährt, Verschleierung nicht

Seit den Knochenfunden in der vergangenen Woche haben sich weitere zehn Personen gemeldet, die Aussagen zu sexuellem und physischem Missbrauch in dem Heim gemacht haben. Damit stieg die Zahl der Zeugen auf 150 - viele von ihnen leben längst nicht mehr auf der Insel, sondern in Deutschland, Thailand oder Australien.

Immerhin 40 Verdächtige haben die Ermittler bisher identifiziert - doch nur einer von ihnen wurde bisher angeklagt. Seit Januar muss sich der heute 76-jährige ehemalige Wachmann Gordon Wateridge wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht verantworten. Zehn Jahre lang arbeitete er in Haut de la Garenne, seine Aussage wird mit Spannung erwartet.

Jerseys Gesundheitsminister Stuart Syvret, 42, war im November von seinem Posten entlassen worden, seiner eigenen Aussage zufolge, weil er Vermutungen über behördliche Verschleierung in Sachen Haut de la Garenne angestellt hatte. Er ist der festen Überzeugung, dass der am Samstag gefundene Kinderschädel im Jahr 2003 umgebettet wurde: "Vermutlich hat jemand gedacht, dass der Umbau des Gebäudes in eine Jugendherberge eine gute Gelegenheit sei, die Knochen für immer verschwinden zu lassen", sagte er laut "Guardian".

Die Polizei sucht nun mit Spezialausrüstung und Leichenspürhunden in einem Keller des viktorianischen Gebäudes nach weiteren Leichen. Eben hier wurden die Kinder einst bei schlechtem Betragen eingesperrt, berichteten ehemalige Insassen. Insgesamt inspizieren die Beamten innerhalb und außerhalb des Gebäudes sechs "Hot Spots", an denen Leichen vermutet werden. Der Leiter der Aktion, Polizeiinspektor Lenny Harper, bestätigte gestern, die Polizei nutze Listen mit den Namen vermisster Kinder.

Harper erklärte dem "Guardian" zufolge, es gebe keinerlei Beweise für irgendeine Form von Vertuschung von Seiten der Behörden. Teil der Ermittlungen sei es allerdings, zu klären, warum einige Opfer der Polizei von Übergriffen berichteten, aber "aus dem einen oder anderen Grund nicht angemessen gehört wurden". Bereits vor fünf Jahren waren in dem Haus Knochen gefunden, aber als Tierknochen klassifiziert worden - obwohl sie in unmittelbarer Nähe zu Kinderschuhen entdeckt wurden. Diese Knochen sollen laut Polizei jetzt noch einmal untersucht werden.

Für den geschassten Minister Syvret eine klare Sache: "Der Missbrauch im Heim mag Jahrzehnte zurückliegen - die Verschleierung hingegen ist neueren Datums."

Syvret behauptet, dass selbst mit der Schließung des Heims der Horror kein Ende fand. Der Missbrauch sei auch nach Verlegung der Kinder im Jahr 1986 weitergangen, mutmaßte er. Und damit nicht genug: Syvret ist sich sicher, dass nicht nur Haut de la Garenne betroffen war, sondern noch weitere Institutionen.

"Dunkle Wolke über der Insel"

Jetzt hat sich Jerseys Ministerpräsident Frank Walker eingeschaltet. Er erklärte heute auf einer Parlamentssitzung, eine "dunkle Wolke" hänge über der Insel, und betonte: "Jersey ist kein Versteck für Kinderschänder." Jeder, der Straftaten gegen Minderjährige begehe oder unterstütze, werde von den Behörden verfolgt. Walker wies zudem den Verdacht auf systematische Vertuschung von Straftaten zurück.

"Keiner von uns konnte sich je vorstellen, dass Kinder in Jersey auf die vermutete Art und Weise missbraucht und misshandelt wurden", sagte der Ministerpräsident laut BBC. "Ich bin schockiert und entsetzt darüber, dass diese Dinge auf unserer Insel offenbar geschehen sind."

Laut Syvret ist das keine überzeugende Haltung. Er bemängelte bereits vor Tagen: "Das vorherrschende Interesse der Politik ist es, den guten Ruf von Jersey zu bewahren."

Haut de la Garenne wurde 1867 als Schule für "junge Menschen der unteren Klassen und vernachlässigte Kinder" gegründet. Anfangs besuchten etwa 100 Jungen zwischen sechs und 15 Jahren die Institution. Ab 1959 wurden auch Mädchen aufgenommen. Heute wird das Gebäude als Jugendherberge genutzt.



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