Missbrauch in der katholischen Kirche Französischer Kardinal unter Vertuschungsverdacht

Heftige Vorwürfe gegen den Erzbischof von Lyon: Kardinal Philippe Barbarin soll einen missbrauchsverdächtigen Geistlichen vor Strafverfolgung geschützt haben. Barbarin dementiert.

Der Lyoner Erzbischof Philippe Barbarin dementiert Vertuschungsvorwürfe
REUTERS

Der Lyoner Erzbischof Philippe Barbarin dementiert Vertuschungsvorwürfe


Wegen seiner Agilität bekam Kardinal Philippe Barbarin einst den Spitznamen "Monseigneur 100.000 Volts" verpasst. Jetzt ist Frankreichs Primas in Erklärungsnot geraten. Dem 65-Jährigen wird vorgeworfen, in seiner Diözese Missbrauchsvorwürfe nicht angezeigt zu haben.

Konkret geht es um einen Fall aus dem Jahr 1990. Ein heute 42-Jähriger wirft einem Priester vor, ihn auf einer Ferienfreizeit im südfranzösischen Biarritz masturbiert zu haben. Das mutmaßliche Opfer war zum Tatzeitpunkt 16 Jahre alt. Es wandte sich 2009 an die Justiz, der Fall war aber verjährt. Barbarin soll von dem Verdacht gewusst haben. Jetzt kommt es zu einer Voruntersuchung gegen ihn - wegen Verdachts auf Nichtanzeige eines Verbrechens.

Das mutmaßliche Opfer gibt an, sich mit Barbarin getroffen zu haben, der ihm versichert habe, den Fall zu kennen und zu wissen, dass der mutmaßliche Täter vorbestraft sei wegen Exhibitionismus. Zwar habe sich Barbarin "im Namen des Priesters entschuldigt". Er habe aber keinerlei Maßnahmen ergriffen, um weitere Kinder zu schützen und den mutmaßlichen Missbrauchstäter auch nicht suspendiert.

Der Skandal schlägt derzeit in Frankreich große Wellen. Sogar Premierminister Manuel Valls meldete sich zu Wort: Er forderte Barbarin auf, "seiner Verantwortung gerecht zu werden". "Ich erwarte nicht nur Worte, sondern auch Taten", sagte der Regierungschef im Sender RMC.

Barbarin (r.) beim Treffen der französischen Bischofskonferenz in Lourdes
AFP

Barbarin (r.) beim Treffen der französischen Bischofskonferenz in Lourdes

Der Vertuschungsverdacht war das beherrschende Thema am ersten Tag des Frühlingstreffens der französischen Bischofskonferenz im Pilgerort Lourdes. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Erzbischof von Marseille Georges Pontier, forderte "die Wahrheit für die Opfer".

Barbarin bestritt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe in Lourdes vehement: "Ich will mit aller Deutlichkeit sagen, dass ich nie, nie, nie auch nur den geringsten pädophilen Akt gedeckt habe", sagte er bei einer Pressekonferenz. Er betonte, die meisten Fälle seien bereits verjährt gewesen, als er von ihnen gehört habe.

Bereits im Januar war in der Diözese ein Ermittlungsverfahren gegen einen weiteren Priester wegen Missbrauchs eröffnet worden: Der Geistliche soll zwischen 1986 und 1991 Pfadfinder sexuell missbraucht haben, aber erst Ende August 2015 seines Amtes enthoben worden sein. Auch hier wird untersucht, ob der Straftatbestand des Nichtanzeigens eines Verbrechens durch die Kirchenleitung vorliegt.

Die katholische Kirche war in der Vergangenheit in einer Reihe von Ländern von schweren Missbrauchsskandalen erschüttert worden, unter anderem in den USA und in Irland. In Frankreich wurde 2001 ein Bischof verurteilt, weil er die pädophilen Übergriffe eines Priesters nicht gemeldet hatte.

ala/AFP/AP



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