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Missbrauch in der Katholischen Kirche: Geheime Paralleljustiz

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Ein Mädchen meldet einen nicht verjährten Missbrauch, der in Verbindung mit dem Berliner Canisius-Kolleg steht. Doch die Kirche informiert erst zehn Monate später die Staatsanwaltschaft.

Pater R. gilt als ein Haupttäter im Fall des jahrelangen sexuellen Missbrauchs am Canisius-Kolleg in Berlin. Vor Gericht musste sich der katholische Geistliche jedoch nie verantworten, straf- und zivilrechtlich waren die Taten verjährt. Nun stellt sich heraus: Ein Mädchen erhob bei der Kirche auch schwere Vorwürfe gegen den Pater, die nicht verjährt waren. Doch das Bistum Hildesheim, bei dem sich die Jugendliche gemeldet hatte, verschleppte die Aufklärung, wie die WDR-Dokumentation "Richter Gottes" zeigt.

Das Mädchen hatte sich in Begleitung seiner Religionslehrerin im März 2010 an das Bistum gewandt und von einem Besuch bei dem Pater vier Jahre zuvor in Berlin erzählt. Erst habe der Geistliche mit ihr ein Straßenfest besucht und ihr eine Panflöte geschenkt. Dann gingen sie in seine kleine Wohnung und aßen gemeinsam Abendbrot. Später habe sie sich im selben Raum schlafen gelegt, schließlich sei der Pater mit ihrer Familie in Hildesheim befreundet gewesen. Sie war ihren Angaben zufolge noch nicht ganz eingeschlafen, da sei Pater R. wieder aufgestanden, habe sich auf sie gelegt und begonnen, sie zu küssen und zu befummeln.

Als das Mädchen dies berichtete, kannte die Bistumsleitung Pater R. schon bestens, nicht nur als mutmaßlichen Serientäter vom Berliner Canisius-Kolleg. Auch auf einer eigenen Pressekonferenz, nur vier Wochen zuvor, hatte das Bistum zwei andere Missbrauchsfälle von Pater R. im Bereich des eigenen Bistums zugegeben, denen man "leider nicht nachgegangen sei".

Die Missbrauchsdebatte war da schon im vollen Gange. Das Bundesjustizministerium hatte die katholische Kirche ermahnt, enger mit den staatlichen Ermittlungsorganen zu kooperieren. Die Bischöfe hatten sich gegen derartige Kritik verwahrt und ab sofort Besserung gelobt.

"Umso verantwortungsloser ist es da, was erst heute bekannt wird", sagt Matthias Katsch, Sprecher der Missbrauchsopfer vom Canisius-Kolleg. Denn wie die WDR-Doku zeigt, meldeten die Verantwortlichen aus dem Hildesheimer Bistum den Fall des Mädchens nicht gleich an die staatlichen Ermittler in Berlin.

Erst als die Jugendliche im Oktober 2010 in eine Kinderpsychiatrie eingewiesen wurde und sich ihre Familie daraufhin beim Bistum Hildesheim meldete, informierte das Bistum Ende des Jahres auch die Ermittlungsbehörde. Dass es vermutlich kein Einzelfall war, sondern Pater R. bereits bekannter Hauptverdächtiger des jahrelangen Missbrauchs am Canisius-Kolleg, verschwieg die Kirche offenbar.

Die Staatsanwaltschaft habe damals keine Hinweise darauf gehabt, dass es sich bei dem Beschuldigten um eine der Hauptpersonen des Missbrauchsskandals um das Canisius-Kolleg handeln könnte, sagte der Berliner Oberstaatsanwalt Martin Steltner dem Filmteam.

"Das Verfahren lief geheim ab"

Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen damals wegen geringen öffentlichen Interesses gegen Zahlung einer Geldauflage ein. "Wir haben es daher bis heute mit einem Serientäter zu tun, der sich in keinem staatlichen Prozess einem Gericht stellen musste, obwohl diese Tat nicht verjährt ist", sagt Katsch.

In der WDR-Dokumentation äußert sich Pater R. auch erstmals selbst. Das Hildesheimer Mädchen habe er vielleicht mal geküsst, mehr sei nicht gewesen. Ein Straftäter sei er nicht. R. musste sich lediglich der kircheninternen Justiz stellen. 2014 wurde er auf Lebenszeit vom Priesterdienst ausgeschlossen und zur Zahlung von 4000 Euro an einen Kirchenfonds verurteilt. "Die kircheneigene Paralleljustiz brauchte vier Jahre, um dann nur Milde gegenüber Pater R. walten zu lassen", klagt Katsch.

Weder das Mädchen noch andere Opfer seien als Zeugen vernommen worden, so Katsch. "Das Verfahren lief geheim ab. Das Bistum informierte am Ende nicht einmal das missbrauchte Mädchen, es erhielt auch keine Entschädigung."

Katsch fordert nun den Rücktritt des Hildesheimer Bischofs Norbert Trelle. "Er und das Hildesheimer Bistum haben entgegen den Versprechungen der Kirche gehandelt und einen Serientäter geschützt, ohne sich um das Opfer zu kümmern."

Die Kirche könne sich nicht darauf berufen, dass das Mädchen Diskretion gewünscht habe: "Eine Schweigepflicht gilt in Deutschland nur für Mitarbeiter von Fachberatungsstellen, Ärzte und Anwälte", sagt Katsch. Die Vorgesetzten von Missbrauchstätern hingegen müssen handeln, auch um Schaden von möglichen künftigen Opfern abzuwenden."

Die Staatsanwaltschaft will die Aufnahme neuer Ermittlungen prüfen.


Mehr zu dem Thema: "Richter Gottes", Montag, 30. November, 22.45 Uhr in der ARD. Ein Film von Eva Müller.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
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1.
Vex 30.11.2015
Wäre es nicht sinnvoll hier den Bischof anzuklagen wegen Verschleierung einer Straftat. Ausserdem sollten Verjährung grundsätzlich abgeschafft werden bei allen Straftaten.
2. So ist das eben,..
spigalli 30.11.2015
...wenn der Sport eine Sportgerichtsbarkeit (ggf. im Ausland) hat, die christliche Kirche eine Kirchengerichtsbarkeit, die islamischen Gemeinden ihre Friedensrichter, etc... dann entstehen schnell mal juristische Parallelgesellchaften, die ein Rechtstaat streng genommen nicht dulden kann. Aber immerhin hat der Betroffene nicht schnell noch die vatikanische Staatsbürgerschaft samt Diplomatenpass angeboten bekommen.
3. Die Selbstgerechtigkeit dieser Kirche...
nimue15 30.11.2015
... ist einfach unglaublich. Umso dringlicher ist der Staat gefordert - zumindest im Rahmen des Möglichen - deutlich die Grenze aufzuzeigen. Darüber hinaus brauchen wir wahrscheinlich eine Grundgesetzänderung, um diese juristische Parallelgesellschaft in unser allgemein gesetzliches System einzugliedern.
4. Diskretion wird manchmal gewünscht
mundi 30.11.2015
Zitat von VexWäre es nicht sinnvoll hier den Bischof anzuklagen wegen Verschleierung einer Straftat. Ausserdem sollten Verjährung grundsätzlich abgeschafft werden bei allen Straftaten.
Nicht jedes Opfer eines sexuellen Missbrauchs möchte in die Öffentlichkeit gehen. Deshalb werden auch nicht alle Vergewaltigungen angezeigt. Ausnahmen gibt es, siehe Polanski, wenn hohe finanzielle Entschädigungen erwartet werden.
5. Besonders widerlich...
Angelheart 30.11.2015
...finde ich, dass das deutsche Parlament es bis heute nicht für notwendig befunden hat, das Grundgesetz dahingehend zu ändern, dass den Kirchen eine unerträgliche Paralleljustiz zugestanden wird, die immer wieder Menschen - die aus unerfindlichen Gründen glauben, Kirchen seien erforderlich - ins Unglück stürzen, wie zum Beispiel geschiedene Wiederverheiratete!
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