Missbrauch in Saudi-Arabien Ungewollt, gequält, getötet

Er quälte seine Tochter Ariedsch mit glühenden Löffeln und einem heißen Bügeleisen: In Saudi-Arabien wurde ein Mann zum Tode verurteilt, weil er seine Tochter bestialisch zu Tode folterte. Fälle wie dieser sind dort keine Seltenheit - die wenigsten von ihnen kommen je vor Gericht.

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Hamburg - Ein Gericht in Saudi-Arabien hat den Vater der kleinen Ariedsch zum Tod durch das Schwert verurteilt. Er hatte seine neun Jahre alte Tochter aus einer früheren Ehe zu Tode gefoltert. Ariedschs Stiefmutter, die an den Taten beteiligt war, schickte das islamische Strafgericht der Stadt Dschidda für fünf Jahre ins Gefängnis.

Saudi-Araberin: "Frauen haben keine Rechte"
AP

Saudi-Araberin: "Frauen haben keine Rechte"

Wie die Zeitung "Arab News" am Mittwoch berichtete, hatten der Vater und seine zweite Ehefrau das Mädchen mit Stöcken und einem heißen Bügeleisen sowie glühenden Löffeln misshandelt. Die Leiche der kleinen Ariedsch, die im Sommer 2007 an den Folgen der Misshandlungen gestorben war, warfen sie aus einem der oberen Stockwerke ihres Hauses.

Mitarbeiter des Roten Halbmonds, dem muslimischen Ableger des Roten Kreuzes, hatten das tote Mädchen vor dem Haus gefunden und die Polizei informiert.

Öffentliche Enthauptung in Mekka

Das Schicksal von Ariedsch ist kein Einzelfall: In Saudi-Arabien hatten Kindesmisshandlungen in den vergangenen Monaten mehrmals für Schlagzeilen gesorgt. Bereits im vergangenen Januar waren ein Mann und seine zweite Frau in Mekka öffentlich enthauptet worden, weil sie eine neun Jahre alte Tochter des Mannes aus erster Ehe gequält und ermordet hatten.

Dass Fälle wie diese überhaupt vor ein Gericht kommen und in einer Strafe für die Täter mündeten, sei, so Clarisa Becomo von Human Rights Watch, eine absolute Ausnahme. Bencomo, bei der Hilfsorganisation zuständig für die Wahrung der Rechte von Kindern im Nahen Osten und Nordafrika, kennt viele vergleichbare Fälle, "aber die Dunkelziffer in Sachen häuslicher Gewalt in Saudi-Arabien ist enorm hoch".

Das Schicksal der gefolterten Ariedsch gelangte nach Meinung von Bencomo auch nur deshalb an die Öffentlichkeit, weil sich die leibliche Mutter zuvor mehrfach hilfesuchend an die National Society of Human Rights gewandt hatte, eine Organisation, die in Saudi-Arabien ein Hilfsprogramm speziell für Frauen betreibt.

Der Mann hat das Sagen, die Frau keine Rechte

Nichtstaatliche Institutionen sind in Saudi-Arabien für Frauen oft der einzige Weg, auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen, so Bencomo. "Frauen haben dort keine Rechte. Sie unterstehen zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens der Vormundschaft eines Mannes, sei es der Vater, der Ehemann oder ein anderes, männliches Familienmitglied. Ohne ihren Vormund dürfen sie sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen, können also auch keinen Missbrauch bei der Polizei zur Anzeige bringen". Wenn der Vormund gleichzeitig auch der Täter ist, stehen die Chancen auf Hilfe für die Opfer entsprechend schlecht.

Das saudi-arabische Vormundschaftssystem sei, so Bencomo, indirekt auch verantwortlich für Kindesmisshandlungen wie im Fall von Ariedsch. "Werden Ehen geschieden, fällt das Sorgerecht automatisch den Vätern zu. Diese wollen die Kinder aber in vielen Fällen gar nicht, von ihren neuen Frauen ganz zu Schweigen". Deswegen komme es in diesen Konstellationen besonders häufig zu Misshandlungen der Kinder, so Bencomo.

Größtes Problem sei dabei das fast vollständige Fehlen von Unterstützung seitens des Staates. "Es gibt zwar ein Auffangprogramm für Opfer häuslicher Gewalt vom saudi-arabischen Ministerium für Soziales. Doch es ist sehr klein, bietet nur für sehr kurze Zeit Schutz und es ist unglaublich schwer, dort hineinzukommen. Es gibt zwar Gesetzesinitiativen, die sich mit dem Problem beschäftigen, aber bislang helfen die den Opfern auch nicht konkret weiter."

Die meisten Täter kommen davon

Weil es kaum entsprechenden Anlaufstellen gibt, und die Polizei - wenn überhaupt - nur sehr unwillig ermittelt, werden die Opfer häuslicher Gewalt deswegen oft postwendend dorthin zurückgeschickt, wo ihr Leid zwangsläufig weitergeht - zum Ehemann.

Bencomo hat sich im Rahmen ihrer Arbeit in den letzten Jahren intensiv mit Ärzten der großen saudi-arabischen Krankenhäuser ausgetauscht. Sie alle berichten von ähnlichen Fällen wie dem von Ariedsch und davon, wie frustrierend es sei, diese Menschen nach ihrer Behandlung zurück in ihr Verderben zu schicken. "Ein Arzt erzählte mir von einer Frau, die er mehrfach wegen Schussverletzungen behandeln musste. Weil es keine Alternative gab, schickte er sie jedes Mal nach ihrer Genesung zurück nach Hause. Als sie zum dritten Mal eingeliefert wurde, war sie tot - erschossen".

Anders als bei Ariedsch gab es in diesem Fall keine Gerichtsverhandlung - und keine Strafe für den Täter.

Mit Material von dpa



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