Missbrauchsfall in Staufen Die Welt des Christian L.

Vor Gericht sagt der Angeklagte Christian L. umfassend zum dutzendfachen Missbrauch an einem Jungen aus - ungerührt und ausschweifend korrigiert er die Anklage in Details. Seine Worte sind verstörend.

Angeklagter Christian L.
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Angeklagter Christian L.

Von , Freiburg


Es ist der Ton dieser Aussage, der so ungemein verstört - er ist ungerührt, sachlich, monoton. Dazu die Akribie, die Christian L. an den Tag legt: Über Stunden spricht er an diesem zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Freiburg über die Missbrauchstaten, die er an einem Jungen beging. Manche verübte er gemeinsam mit dessen Mutter, seiner Lebensgefährtin Berrin T., 49 Jahre alt, andere gemeinsam mit Freiern, die er über das Darknet kannte. Mehr als drei Jahre ging das so. Die Schilderungen sind kaum zu ertragen.

In der vergangenen Woche brauchten zwei Staatsanwältinnen am ersten Verhandlungstag mehr als drei Stunden, um die Anklageschrift gegen Christian L. und Berrin T. vorzulesen: Es geht um schweren sexuellen Missbrauch von Kindern, besonders schwere Zwangsprostitution, Herstellung, Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie - unter anderem. Seither hat Christian L. die über hundert Seiten noch mal durchgearbeitet, 58 Taten sind darin aufgelistet: "Im Prinzip stimmt alles so", sagt er. Aber an vielen Punkten habe er die Darstellung der Anklägerinnen "verfeinert", wie er sagt.

Christian L. müsste nicht reden, schon gar nicht so ausführlich. Die Frage ist: Warum tut er es trotzdem?

"Das fehlt in der Anklage"

Er blättert geschäftig in der Anklageschrift, er wippt mit dem Fuß, es drängt ihn offenkundig, sich zu äußern. In bisher drei Verfahren hat er gegen Freier, die anreisten um den Jungen zu missbrauchen, umfassend als Zeuge ausgesagt.

Nun geht es um ihn selbst, um seine Korrekturen: Also, bei der Tat unter Anklageziffer 52 sei nicht verzeichnet, dass der Junge nicht nur den Freier zu befriedigen hatte, sondern anschließend auch noch ihn selbst. "Das fehlt in der Anklage." Ein anderes Treffen hingegen mit einem Mann aus Spanien, Anklageziffer 44, sei korrekt wiedergegeben: "Was aber falsch ist, ist die Preisangabe, die drunter steht, es waren nicht 5000, sondern nur 3000 Euro."

Insgesamt bezahlte der Mann mehrere zehntausend Euro für den Jungen. "Er bot uns an, ein Haus für uns zu kaufen, dazu eine Förderung von 2000 Euro im Monat", ergänzt L. die Anklage. Im Gegenzug dazu hätte er den Jungen missbrauchen können, wann immer er wollte. Die Verhaftung kam dazwischen.

Seit Christian L. begonnen hat, auszupacken, nimmt er die Hauptschuld auf sich. In einem der Verfahren gegen einen Freier etwa ließ das Gericht Videos vorführen, die Christian L. bei der Tatortbegehung zeigen: Am Rande eines Maisfelds, an einer Bank, am Waldrand. Man sieht Christian L. in lilafarbenen Sportklamotten, Hände in Handschellen, wie er die Polizisten beinahe beflissen zu einem Baumstamm führt und beschreibt, wie er den gefesselten Jungen dort missbrauchte. Berrin T. stand daneben und feuerte ihn an.

Angeklagte Berrin T.
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Angeklagte Berrin T.

Christian L. nimmt sie in Schutz: "Ich hab sie schon unter Druck gesetzt. Indem ich ihr gesagt hab, ich würde sie verlassen, wenn sie nicht einwilligt in die Sachen mit dem Jungen." Dabei sei der Mutter nicht egal gewesen, was mit dem Kind passiert. "Vor jeder Tat hat sie mich gebeten, dem Kind nicht wehzutun. "Da bin ich dann schon drauf eingegangen, teilweise."

Und die selbstgedrehten Missbrauchs-Videos? Auf manchen ist die Mutter allein in Aktion zu sehen. Das, sagt L., seien "Auftragsarbeiten" gewesen. Die Kunden des Paars hätten gesagt, was sie sehen wollten - "und das habe ich dann durchgeführt oder habe die Frau T. angewiesen, was sie machen soll." Obwohl: Als er den Jungen zum ersten Mal missbrauchte, habe er sich gewundert, wie leicht der sich fügte: "Ich habe mich gefragt, ob da vorher schon was war."

Besonders verstörend wird es, als L. über seine Rolle dem Kind gegenüber spricht. In der vergangenen Woche hatte er von Vatergefühlen gegenüber dem Jungen gesprochen. Er habe versucht, sich um ihn zu kümmern. Er wolle, dass das Kind abschließen könne mit den Taten. Und dass alle ihre gerechte Strafe bekommen.

"Er hat mir ja auch ziemlich vertraut"

Die Schlimmsten, sagte L. in der Vorwoche, seien die Freier K. und W. gewesen. "Sie haben ihn am häufigsten missbraucht", hielt ihm der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin entgegen. "Was waren denn dann Sie?" - "Wenn man das so sieht, wär ich wohl der Schlimmste gewesen", antwortet L. "Wobei ich sagen muss, das Verhältnis zwischen uns war sehr gut. Er kam auch tatsächlich auf mich zu, wenn was war." Als der Junge zum Beispiel weinte, weil er ihm ankündigte, mit dem Kunden aus Spanien sei Oralverkehr geplant, habe er ihm erklärt, "dass es da um hohe Geldbeträge geht."

Wie soll man so einen Menschen verstehen?

Manchmal habe er sich beim Missbrauch dem Jungen gegenüber schlecht gefühlt, sagt L. "Es gibt auch Videos wo ich doch Mitleid entwickelt hab und sofort aufgehört hab."

"Hat der Junge auch mal geweint bei einem Missbrauch durch Sie?", will die Beisitzerin wissen. "Ein, zwei Mal kam das vor." - "Wie sind Sie damit umgegangen?" - "Es gab Situationen, wo ich nicht drauf geachtet hab, sondern weitergemacht." Normalerweise sei es aber so gewesen: "Man hat mit ihm abgesprochen, was passieren soll und warum. Dann wusste er Bescheid. Und da hat er dann nicht geweint." Er glaube nicht, dass der Junge einen Hass gegen ihn hege: "Er hat mir ja auch ziemlich vertraut, sonst hätte er ja nicht mitgemacht."

Manchmal erscheint Christian L., nach eigenem Bekunden selbst ein Missbrauchsopfer, schonungslos offen. Die Sicherungsverwahrung steht im Raum. "Die ganze Zeit während des Verfahrens hab ich nie gesagt, es geht um meinen Arsch", sagt er. "Ich hab nie was gefordert", außer Schutz für seine Familie vielleicht.

Also, warum redet er dann?

Ein Kommissar, dem Christian L. stundenlang Rede und Antwort stand, hat dazu in einem Verfahren gegen einen der Freier eine Vermutung geäußert: "Ich habe ihn so verstanden, dass er zum Team gehören will." Zum Ermittlerteam. Zu den Aufklärern, zu den Guten.

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