Missbrauchsfall in Staufen Hundert Seiten Grausamkeit

Die Schilderungen im Freiburger Missbrauchsprozess sind kaum zu ertragen. Die angeklagte Mutter verfolgt alles regungslos, der Stiefvater gibt sich selbstsicher - bis es um seine eigene Kindheit geht.

Justizbeamte mit Angeklagter Berrin T.
DPA

Justizbeamte mit Angeklagter Berrin T.

Von und , Freiburg


Der Mann wird als Erster in den Saal geführt: Christian L. kommt in Handschellen, aber mit federndem Gang und erhobenem Kopf, ein Mann mit scharf geschnittenem Gesicht, der auf sein Äußeres achtet. Er trägt unter einer Weste ein dunkelblaues Hemd mit wappenförmigen Aufnähern, fast wie ein Polizei-Uniformhemd. Seine Körpersprache: lässig. Als die Fotografen sich vor ihm aufbauen, reckt er sein Kinn in die Höhe, es scheint, als unterdrücke er ein Lächeln.

Dann kommt Berrin T. herein, eine Frau mit aufgedunsenem Körper, ihr dunkles Haar hat sie notdürftig zurückgebunden, zwischen den fettigen Strähnen zeigen sich große lichte Stellen. Berrin T. wirkt verwahrlost, als habe sie sich aufgegeben. Auch sie verbirgt ihr Gesicht nicht, aber als sie auf der Anklagebank sitzt, senkt sie den Kopf so tief sie kann.

Sie schaut den Mann nicht an, und auch er hat für sie keinen Blick. Er war wohl auch eindeutig mehr an dem Kind interessiert als an ihr.

Angeklagter Christian L. (r.)
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Angeklagter Christian L. (r.)

Vor dem Freiburger Landgericht hat die juristische Aufarbeitung eines zutiefst verstörenden Verbrechens begonnen: Berrin T., 48 Jahre alt und Mutter eines neunjährigen Jungen, und ihr 39-jähriger Lebensgefährte Christian L. sind angeklagt, den Jungen und die Tochter einer Bekannten sexuell schwer missbraucht zu haben.

Den Jungen boten sie laut Anklage mehr als zwei Jahre lang im Internet an und überließen ihn mehreren pädosexuellen Freiern zur Vergewaltigung.

Manche Zuhörer halten es nicht aus

Insgesamt gibt es acht Tatverdächtige. Weil jeder Fall einzeln angeklagt wird, ist der Hauptprozess der insgesamt vierte in der Reihe, den die Justiz in Freiburg zu bewältigen hat. Es ist der einzige, in dem alle Taten zusammenlaufen: Gemeinschaftlich begangener schwerer sexueller Missbrauch von Kindern, Vergewaltigung, Freiheitsberaubung, schwerer Menschenhandel, schwere Zwangsprostitution, Herstellung, Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornografischer Schriften - all das legt die Staatsanwaltschaft den beiden Angeklagten zur Last.

Die Frage ist: Wie verteilten sich bei all dem die Rollen von Mutter und Stiefvater?

Etwa drei Dutzend Zuhörer sind gekommen. Es dauert nicht lang, da verlassen einige den Saal: Zu unerträglich, was die Staatsanwältinnen Nikola Novak und Sabrina Haberstroh im Wechsel vortragen: Wie Christian L. sich mit der alleinerziehenden Berrin T. zusammentat, die laut Anklage "von Anfang an wusste", mit wem sie zu tun hatte - mit einem verurteilten pädophilen Sexualstraftäter. Wie Berrin T. bereitwillig Gelegenheiten geschaffen haben soll, die entwicklungsverzögerte Tochter einer Freundin gemeinsam zu missbrauchen. Wie Christan L. die Rolle des Familienoberhaupts übernommen habe. Der Junge nannte ihn Papa.

Novak trägt vor, sachlich und nüchtern, Missbrauchstaten in allen Variationen. Oral, anal, mit Fesseln und Gewalt. Der Junge sei von Mutter und Stiefvater beleidigt, beschimpft und erniedrigt worden. "Papas kleine Hure" habe die Mutter ihr Kind genannt.

Berrin T. verfolgt das alles mit reglosem Gesicht. Von den Taten stellten die beiden Videoaufnahmen her, die sie im Darknet verbreiteten, zur eigenen sexuellen Befriedigung und um potenzielle Interessenten anzulocken. Sie zeigen, wie sehr sich der Junge ekelte. Er hatte Schmerzen, würgte, weinte.

Einer bezahlte Tausende Euro und einen Fernseher

In anderen Fällen soll Berrin T. im Freien die Männer befriedigt haben, während das Kind zusehen musste. Ein Spanier, der eigens mit dem Flugzeug anreiste, bezahlte laut Anklage mehrere Tausend Euro für den Jungen und spendierte dem Paar einen neuen Fernseher.

Berrin T. sieht kaum zur Staatsanwältin hin, stattdessen liest sie in ihrem Exemplar der Anklageschrift. Christian L. spielt, während Novak spricht, mit einem Kugelschreiber, trommelt ungeduldig mit den Fingern auf die Armlehnen seines Stuhls, späht ins Publikum, setzt die Lesebrille auf und wieder ab, zupft sich am Ziegenbart. Aus dem Publikum ist zunächst kaum ein Laut zu hören, später vereinzeltes Aufstöhnen.

Staatsanwältinnen Sabrina Haberstroh (l.) und Nikola Novak
AFP

Staatsanwältinnen Sabrina Haberstroh (l.) und Nikola Novak

Mehr als hundert Seiten umfasst die Anklageschrift. Nach rund einer Stunde ist die Staatsanwältin bei Tat Nr. 19 angekommen, festgehalten von Kameras, die ein Freier aus der Schweiz zuvor am Tatort installiert hat. Christian L. hat mit ihm zusammen eine Art Drehbuch entwickelt. Die Handlung: Christian L. lässt sich von dem Jungen, den Berrin T. ihm zu einer Bank am Waldrand gebracht hat, oral befriedigen. Nach einer Weile springt der Schweizer aus dem Gebüsch, er gibt sich als Polizist aus, der den Jungen befragt, ihm Angst einjagt, ihn manipuliert und dann ebenfalls missbraucht.

Dreieinviertel Stunden lesen Novak und Haberstroh im Wechsel, dann sind sie endlich bei Tat Nr. 58 angekommen, der letzten. Das Martyrium des Kindes endete mit der Festnahme des Paares am 16. September 2017.

Für beide Angeklagte, sagt Staatsanwältin Novak in einer Verhandlungspause, komme Sicherungsverwahrung in Betracht. Die Taten seien durch zahlreiche Filmaufnahmen und Dokumente dokumentiert. Das Kind, das sich zeitweise in Selbstgespräche und Scheinwelten flüchtete, sei nun an einem "sicheren Ort" untergebacht.

"Ich bin der Haupttäter"

Am Nachmittag dann beginnt Christian L. mit seiner Aussage. Stationen einer desolaten Kindheit: Mutter psychisch krank, Stiefvater gewalttätig, Aufenthalte bei Pflegeeltern, Kinderheim, ambulante Betreuung in der Kinder-und Jugendpsychiatrie.

Alle Taten räumt er bereitwillig ein, aber stehen lassen will er die Anklage so trotzdem nicht - nicht, was die Mutter des Jungen betrifft: Alle Initiative sei von ihm ausgegangen, in keinem Fall von ihr: "Ich bin der Haupttäter, keine Frage. Es ist für mich schlimm genug, dass die Frau T. jetzt hier sitzt und alles verloren hat. Mehr als um Verzeihung bitten kann ich da nicht."

Und: Der Junge sei ihm nicht gleichgültig, so der Angeklagte. Es gehe ihm darum, dass der Junge aufarbeiten könne, was geschehen sei. "Dass er damit abschließen kann."

Christian L. kann aus eigener Erfahrung einschätzen, wie schwer das wird. Er sei, so sagt er, selbst ein missbrauchtes Kind: Als er sechs, sieben Jahre alt gewesen sei, habe ihn über Jahre ein Onkel missbraucht. Und noch etwas teilt er mit: "Ich selbst bin ja durch eine Vergewaltigung entstanden." Das habe ihm seine eigene Mutter als Kind im Streit eröffnet.

Christian L. wirkt jetzt gar nicht mehr selbstgewiss: "Ich hab mich öfters gefragt, ob das, was mein Erzeuger mit meiner Mutter gemacht hat, ob das vererblich ist. Ich hab mich gefragt, ob ich genauso werden kann wie mein Erzeuger."

In der kommenden Woche setzt Christian L. seine Aussage fort.

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