Von Hans-Jürgen Schlamp
Die Kirchenoberen sind, trotz allen göttlichen Beistands in sonstigen Fragen, bei diesem Thema ratlos. Seit Jahren brechen immer neue Enthüllungen über den sexuellen Missbrauch Jugendlicher und Kinder in der Sakristei, im katholischen Internat oder auch im Ferienheim über sie herein. Und sie wissen nicht, was sie tun sollen.
Früher wurde alles gnadenlos vertuscht. Das geht nicht mehr. Also wird alles weggeschoben - in die Zukunft, an die weltliche Justiz, an Wissenschaftler. Eigene Zuständigkeit? Fehlanzeige.
Ein typisches Beispiel dafür bot sich vor ein paar Tagen. Da wurde ein katholischer Pfarrer in Braunschweig zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, weil er sich über viele Jahre hinweg an drei Jungen vergangen hatte. Als die Mutter eines Jungen sich beim Bistum wegen des distanzlosen Verhaltens des Pfarrers beschwerte, belegte der zuständige Bischof den Geistlichen mit einem "Kontaktverbot" zu seinem Opfer. Der Priester gehorchte - und nahm sich fortan zwei andere kleine Jungs vor, mal im Pfarrhaus, mal beim Skifahren im Salzburger Land. Insgesamt 250 sexuelle Übergriffe wies die Staatsanwaltschaft dem "Seelsorger" nach.
"Was sollen wir mit ihm machen?"
Der gerade mit Haft bestrafte Pfarrer sei ja erst 46 Jahre alt, also noch "arbeitsfähig", wenn er entlassen würde, klagte der Sprecher des zuständigen Bistums Hildesheim im Kreise von Journalisten, noch im Gerichtssaal. "Was sollen wir dann mit ihm machen? Sagen Sie es mir?" Altenpflege, Archiv, Bibliothek? Auch dort könnten ja Kinder vorbeikommen. Armer ratloser Kirchenmann!
Dabei hätte es durchaus Gelegenheit gegeben, Erfahrung mit dem pädophilen Kirchenmilieu zu sammeln. Denn seit 1940 vergingen sich allein im Bistum Hildesheim 25 Priester an insgesamt 40 Kindern.
In ihrer Hilflosigkeit angesichts des ebenso skandalösen wie existentiellen Themas sucht "Mutter Kirche" nun Rat bei der Wissenschaft. Mediziner und Medienfachleute, Politikprofessoren und natürlich Theologen sollen den mehr als 100 aus aller Welt angereisten Bischöfen und vielen anderen ranghohen Kirchenmanagern in einem mehrtätigen Seminar in der "Päpstlichen Universität Gregoriana" in Rom neue Wege weisen. Sogar ein Missbrauchsopfer ist geladen: Die Irin Marie Collins, die mit zwölf Jahren im katholischen Krankenhaus missbraucht wurde.
Regionale Konferenzen, Seminare und Diskussionen an Runden Tischen hat es zu Hauf gegeben. Herausgekommen ist dabei wenig.
Jetzt nimmt sich das Top-Management der globalen Organisation mit etwa einer Milliarde Mitgliedern der Sache an. Die Kirche müsse sich ihrer Verantwortung stellen, so der Jesuitenpater und Psychologe Hans Zollner, einer der Organisatoren der Konferenz. Im Interview mit Radio Vatikan sagte er, der Missbrauch sei verdrängt worden, man habe Opfer und Täter falsch behandelt und Schuld auf sich geladen.
Als der Papst noch Bischof war
Das Eingeständnis gilt wohl auch für allerhöchste Kirchenkreise - bis hin zum Papst. Denn auch Joseph Ratzinger war, in seiner Zeit als Bischof in München, an der stillen Erledigung zumindest eines Missbrauchsfalls beteiligt, dem des Messdieners Winfried Fesselmann. Der wurde bei einer Ferienfreizeit in Essen von einem jungen Kaplan missbraucht. Als das Verbrechen innerkirchlich ruchbar wurde, 1980, wurde der Täter schnell versetzt. Nach München, zu Ratzinger. Und basta. Dort durfte er weiterarbeiten. Auch, so heißt es, mit Kindern.
Erst dreißig Jahre später, 2010, änderte sich das. Als die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg publik wurden und eine ganze Serie von Enthüllungen aus dem sexuell-abartigen Teil des Kirchenlebens auslösten, wagte sich auch Winfried Fesselmann an die Öffentlichkeit. Nun wurde der Täter vom Dienst suspendiert. Aber er wohne weiter in München und beziehe auch sein Kirchengehalt weiter, schrieb die "Berliner Morgenpost" vor ein paar Monaten.
Dem Opfer geht es weniger gut. Ärzte attestierten eine posttraumatische Störung, seit zwölf Jahren ist Fesselmann arbeitslos. "Die Opfer leben von Hartz IV", sagt er verbittert. Vermutlich viele jedenfalls.
"Unaufgeklärt und ungesühnt"
Erst Ratzingers Nach-Nachfolger im Münchner Amt, Erzbischof Reinhard Marx, nahm das heikle Thema ernster. Als erster deutscher Bischof ließ er den kirchlichen Umgang mit Tätern und Opfern wissenschaftlich unter die Lupe nehmen, zum Ärger vieler seiner Kollegen. Und die renommierte Juristin Marion Westpfahl stellte bei dieser Untersuchung eine "ausgeprägte Bereitschaft" fest, "selbst gravierende Vergehen unaufgeklärt und ungesühnt zu belassen".
Aber das gilt ja nicht nur für Deutschland:
Immerhin glaubt die belgische Kirche, das Übel demnächst an der Wurzel packen zu können. Katholische Priesteranwärter sollen sich dort fortan psychologischen Tests unterziehen, um so mögliche pädophile Neigungen zu offenbaren. Test-Beauftragter Jozef Corveleyn will dabei vor allem das Thema "Zölibat" erkunden. Denn die Priesteranwärter seien kaum aus dem Jugendalter heraus, wenn sie sich für lebenslange Keuschheit entscheiden müssen. Und manche, so fürchtet der Psychologe Corveleyn, zöge es womöglich nur "aus Angst vor Sexualität oder Intimität" ins Priesteramt. Generell, so der belgische Priester-Screener, solle auch der Zölibat überdacht werden.
Aber damit dürfte er bei seinen Auftraggebern und deren Chefs in Rom ganz schlecht ankommen: Der Vatikan weist entschieden zurück, dass das den Priestern verordnete lebenslange Sexualitätsverbot etwas mit den Missbrauchsfällen zu tun haben könnte. Am Zölibat darf nicht gerüttelt werden.
Da sucht man lieber weiter nach anderen Ursachen - auf Kongressen wie jetzt in Rom.
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