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Kirchengerichts-Urteil zu Missbrauch: "Das ist beschämend"

"Eckiger Tisch"-Sprecher Katsch: "Da läuft vieles im stillen Kämmerlein ab" Zur Großansicht
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"Eckiger Tisch"-Sprecher Katsch: "Da läuft vieles im stillen Kämmerlein ab"

Ausschluss vom Priesterdienst, 4000 Euro Geldbuße - zu dieser Strafe hat ein Berliner Kirchengericht einen ehemaligen Jesuitenpater verurteilt, der als mutmaßlicher Haupttäter des Missbrauchs am Canisius-Kolleg gilt. Ein betroffener ehemaliger Schüler sagt im Interview, warum dieses Urteil so enttäuschend ist.

Berlin - Der Skandal um jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch vieler Kinder und Jugendlicher in Einrichtungen der katholischen Kirche erschütterte 2010 ganz Deutschland. Erste Verdachtsfälle kamen damals am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten ans Licht.

Am Mittwoch wurde bekannt, dass das Kirchengericht des Erzbistums Berlin einen der mutmaßlichen Haupttäter verurteilt hat. Der heute 72-jährige ehemalige Jesuitenpater wurde auf Lebenszeit vom Priesterdienst ausgeschlossen, zudem muss er eine Geldstrafe in Höhe von 4000 Euro an einen Fonds für Missbrauchsopfer zahlen.

"Ein sehr mildes Urteil", kritisiert Matthias Katsch im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Der 50-Jährige war einst Schüler am Canisius-Kolleg, ist selbst Betroffener des Missbrauchs an dem Gymnasium und Sprecher der Gruppe "Eckiger Tisch", in der sich Missbrauchsopfer zusammengeschlossen haben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Katsch, wie bewerten Sie das Urteil?

Katsch: Einerseits ist es natürlich gut, dass es überhaupt ein Urteil gibt. Eine Instanz hat festgestellt: Das ist ein Täter. Aber andererseits ist es beschämend, dass am Ende ein einziger Fall aus seiner Zeit in Hildesheim verhandelt worden ist. Die Taten am Canisius-Kolleg wurden gar nicht berücksichtigt. Laut einer Liste der Jesuiten müssten das 50 bis 60 Fälle sexuellen Missbrauchs an Jungen sein. Wir schätzen die Zahl der Betroffenen sogar auf mehr als hundert.

SPIEGEL ONLINE: 4000 Euro an einen Fonds für Missbrauchsopfer und Ausschluss vom Priesterdienst - halten Sie das für eine gerechte Strafe?

Katsch: Das ist ein sehr mildes Urteil. Der Ausschluss vom Priesterdienst ist keine Strafe, sondern eine Selbstverständlichkeit. Einen Lehrer, der Schüler missbraucht, würde man doch auch nicht mehr unterrichten lassen. Und eine Strafe sollte ja auch wehtun. Das kann ich mir bei einem Mann, der sein Priesteramt über Jahrzehnte hinweg verraten hat, in dem er sich an Minderjährigen verging, in diesem Fall nicht vorstellen. Es ist geradezu läppisch, dass er das Amt nicht mehr ausüben darf.

SPIEGEL ONLINE: Und finanziell?

Katsch: 4000 Euro für einen einzelnen Fall sind möglicherweise sogar ein üblicher Satz. Aber er hat ja noch viel mehr Taten begangen. Finanziell tut ihm das sicher nicht weh. Er war Gemeindepfarrer, dürfte mit einer guten Pension ausgestattet sein. Und dann darf er die Zahlung auch noch in Raten abstottern.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft so ein Kirchenprozess eigentlich ab? Haben Sie da in den vergangen Jahren Einblicke gewinnen können?

Katsch: Nein. Da läuft alles im stillen Kämmerlein ab. Das Verfahren ist vollständig intransparent, die Kirche bemüht sich, die Öffentlichkeit möglichst rauszuhalten. Es wird nicht einmal bekanntgegeben, dass überhaut ein Verfahren stattfindet. Und im Nachhinein erfährt man dann, dass ein Urteil gefallen ist. Ich habe mehrfach meine Bereitschaft erklärt, an dem Verfahren mitzuwirken - keine Chance. Die ganze Vorgehensweise ist undurchschaubar.

SPIEGEL ONLINE: Erwarten Sie weitere Kirchenprozesse dieser Art?

Katsch: Das könnte ich mir schon vorstellen. Aber dafür bräuchte es wohl Anstöße von außen. Denn in der Kirche wird zu oft nur reagiert, nicht gehandelt. Die Kirche muss sozusagen zum Jagen getragen werden.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich in den vergangenen Jahren, seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle, etwas daran verändert?

Katsch: Für mich selbst und für viele andere Betroffene hat die Aufarbeitung sehr viel ausgelöst und in Gang gebracht. Allein, über den Missbrauch zu sprechen, hilft enorm. Auch die Öffentlichkeit und die Politik haben reagiert. Aber es geht alles sehr zäh und langsam voran. Wir brauchen dringend eine koordinierte Anstrengung, die Missbrauchsfälle aufzuarbeiten. Dass man diese Aufgabe nicht den Institutionen wie der Kirche überlassen darf, zeigt dieser Fall.

Das Interview führte Jens Witte

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