Missbrauchsvorwürfe: Anklage gegen Schwimmtrainer überrascht DSV

Nichts gehört und nichts gewusst: Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) gibt sich ahnungslos, was die Missbrauchsvorwürfe gegen einen seiner Olympia-Trainer betrifft. Obwohl bereits seit 2009 ermittelt und schon 2011 Anklage erhoben wurde, habe niemand Alarm geschlagen.

London/Berlin - Die Anklage gegen einen seiner Olympia-Trainer wegen sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener hat den Deutschen Schwimm-Verband (DSV) völlig überrascht. "Es ist uns völlig neu. Der Verein hat sich nicht gemeldet, der Landesverband hat sich nicht gemeldet. Wir haben überhaupt keine Informationen bekommen, obwohl die Sache schon länger hätte bekannt sein müssen. Das wundert mich", sagte DSV-Generalsekretär Jürgen Fornoff am Samstag in London.

Am kommenden Dienstag muss sich der Coach vor dem Kieler Amtsgericht verantworten. Ihm wird nach einem Bericht der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vorgeworfen, sich zwischen August 2004 und März 2006 in 18 Fällen an einer damals minderjährigen Schwimmschülerin vergangen zu haben. Laut Anklage kam es im August 2004 bei einem Schwimmtraining auf Kreta zu einem ersten Übergriff. Der Trainer habe vor Olympia die Erklärung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) unterschrieben. "Wir müssen uns darauf verlassen, dass er richtige Angaben macht", sagte Fornoff und betonte, dass er nicht mitgenommen worden wäre, wenn der Sachverhalt bekannt gewesen wäre.

Der Trainer ist nicht erreichbar

Seit Bekanntwerden der Nachricht versuchte der DSV vergeblich, den Trainer zu erreichen. Sollte der Angeklagte verurteilt werden, wäre das "ein K.o.-Kriterium als Trainer", sagte Fornoff weiter. Doch selbst wenn er freigesprochen würde, bliebe es wohl nicht folgenlos. "Wir werden dann mit unseren Juristen im Hause intern beraten, wie wir vorgehen. Aber für mich ist das ein Vertrauensbruch.

Laut Anklage nutzte der Mann das besondere Betreuungsverhältnis als Trainer zu der jungen Sportlerin aus. Die Frau ist in dem Verfahren Nebenklägerin. Dagegen sagte Anwalt Dupré, dass im Prozess geklärt werden müsste, ob tatsächlich ein Betreuungsverhältnis bestanden habe. "Dies ist rechtlich nicht so eindeutig", sagte der Anwalt. Der Angeklagte hat sich bis zum Zeitpunkt der Anklageerhebung nicht zu den Vorwürfen geäußert, sagte Oberstaatsanwalt Bieler.

Wie die Staatsanwaltschaft ermittelte, kam es 2004 auf Kreta bei einem gemeinsamen Urlaub zu einem ersten sexuellen Kontakt zwischen dem Trainer und der jungen Frau. Der Urlaub habe mit Zustimmung der Eltern stattgefunden, sagte Bieler. Die Staatsanwaltschaft sei überzeugt, dass der sexuelle Kontakt zwar einvernehmlich stattfand, aber unter Ausnutzung des Betreuungsverhältnisses als Schwimmtrainer.

Die Ermittlungen laufen seit 2009

Nach Darstellung des Anwalts war die junge Schwimmerin zum Zeitpunkt des ersten sexuellen Kontaktes bereits über 16 Jahre alt gewesen. "Wenn das Gericht in der Beweisaufnahme zu dem Schluss käme, der sexuelle Kontakt war einvernehmlich und es habe kein besonderes Betreuungsverhältnis bestanden, dann bliebe mein Mandant straflos," sagte Dupré. Nach seinen Worten sei "Einiges noch ungereimt". Es müsse im Verfahren auch geklärt werden, warum erst 2009 eine Strafanzeige erstattet worden sei.

2009 hatten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft begonnen. Im September 2011 wurde Anklage erhoben, sagte Oberstaatsanwalt Bieler.

Das Schöffengericht kann bei einer Verurteilung eine Haftstrafe von maximal vier Jahren verhängen. Bei einem höheren Strafantrag müsste der Fall vor dem Landgericht verhandelt werden. Für das Verfahren wurde ein Verhandlungstag anberaumt.

kuz/SID/dpa

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Behauptung gegen Urteil?
plang 11.08.2012
Doch selbst wenn er freigesprochen würde, bliebe es wohl nicht folgenlos. "Wir werden dann mit unseren Juristen im Hause intern beraten, wie wir vorgehen. Aber für mich ist das ein Vertrauensbruch. Welchen Stellenwert hat ein gerichtliches Urteil ?
2. optional
pooldeck 11.08.2012
Es geht wohl auch darum, dass der Trainer von den Ermittlungen und auch von der Anklageerhebung schon vor Abreise nach London gewusst haben wird. Und der DSV meint, dass der Trainer den DSV über diese Geschichte, bzw. die Ermittlungen in Kenntnis hätte setzen müssen. Dass er das nicht getan hat, wird jetzt als Vertrauensbruch gewertet - unabhängig von einer Verurteilung.
3. Vorverurteilende Sprache
pinatz 11.08.2012
Ihm wird vorgeworfen, sich an dem Mädchen "vergangen" zu haben. Das ist eine völlig unangemessene Formulierung, wenn selbst der Staatsanwalt davon ausgeht, dass die Kontakte einvernehmlich zustande kamen! Ich schreibe übrigens "Kontakte", weil mir nicht bekannt ist, wie weit dies denn ging, also ob es überhaupt zu Verkehr gekommen ist. Ich will also damit keineswegs etwas verharmlosen.
4. Missbrauch?
vhn 11.08.2012
"Die Staatsanwaltschaft sei überzeugt, dass der sexuelle Kontakt zwar einvernehmlich stattfand, aber unter Ausnutzung des Betreuungsverhältnisses als Schwimmtrainer." 2004 mit Ü16 passiert und 2009 Strafanzeige erstattet. Wollte die junge Frau dem Trainer nachträglich eins auswischen? Soll schon vorgekommen sein, muss aber in dem Fall nicht so sein... Allerdings wird mir als Nicht-Juristen nicht ganz klar, wo in dem Fall (Einvernehmen vorausgesetzte) der strafrechtliche Anknüpfungspunkt liegen soll (siehe unten): StGB 174c Sexueller Mißbrauch unter Ausnutzung eines Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses (1) Wer sexuelle Handlungen an einer Person, die ihm wegen einer geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung einschließlich einer Suchtkrankheit oder wegen einer körperlichen Krankheit oder Behinderung zur Beratung, Behandlung oder Betreuung anvertraut ist, unter Mißbrauch des Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses vornimmt oder an sich von ihr vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer sexuelle Handlungen an einer Person, die ihm zur psychotherapeutischen Behandlung anvertraut ist, unter Mißbrauch des Behandlungsverhältnisses vornimmt oder an sich von ihr vornehmen läßt. (3) Der Versuch ist strafbar.
5. Ohne C
Barbapaps 11.08.2012
Zitat von vhn"Die Staatsanwaltschaft sei überzeugt, dass der sexuelle Kontakt zwar einvernehmlich stattfand, aber unter Ausnutzung des Betreuungsverhältnisses als Schwimmtrainer." 2004 mit Ü16 passiert und 2009 Strafanzeige erstattet. Wollte die junge Frau dem Trainer nachträglich eins auswischen? Soll schon vorgekommen sein, muss aber in dem Fall nicht so sein... Allerdings wird mir als Nicht-Juristen nicht ganz klar, wo in dem Fall (Einvernehmen vorausgesetzte) der strafrechtliche Anknüpfungspunkt liegen soll (siehe unten): ... (3) Der Versuch ist strafbar.
"§174 StGB (1) Wer sexuelle Handlungen 1. an einer Person unter sechzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut ist, 2. an einer Person unter achtzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut oder im Rahmen eines Dienst- oder Arbeitsverhältnisses untergeordnet ist, unter Mißbrauch einer mit dem Erziehungs-, Ausbildungs-, Betreuungs-, Dienst- oder Arbeitsverhältnis verbundenen Abhängigkeit oder" Ob ein solches Verhältnis vorliegt ist nun auslegungsbedürftig.
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