Missbrauchsfall bei Freiburg "Die Richter haben sich überschätzt"

Ein Junge wird missbraucht und online für Vergewaltigungen angeboten - offenbar auch von Christian L., der gar keinen Kontakt zu dem Neunjährigen haben durfte. Warum hat den Mann niemand kontrolliert?

Landratsamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald
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Über Jahre hinweg wurde ein Junge aus Baden-Württemberg schwer sexuell missbraucht - laut Polizei von seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten Christian L. Das Paar soll den heute Neunjährigen zusätzlich über das Internet für Vergewaltigungen an mehrere Männer verkauft haben. Für Tausende Euro.

Bevor L. bei der Mutter und ihrem Kind einzog, saß er im Gefängnis. Vier Jahre und drei Monate verbrachte der 39-jährige wegen Kinderpornografie und sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen hinter Gittern. Trotz dieser Vorgeschichte gelang es der Justiz nicht, L. von dem Jungen fernzuhalten.

Nach einem Hinweis der Polizei nahm das Jugendamt den damals Achtjährigen im März 2017 in staatliche Obhut. Die Mutter widersprach, daraufhin schaltete die Behörde das Freiburger Familiengericht ein.

Das Gericht entschied im April 2017, dass der Junge bei der Mutter bleiben darf. Mit Auflagen: Um den Kontakt von L. zu dem Jungen zu verhindern, wurde dem 39-Jährigen untersagt, die Wohnung zu betreten; die Mutter sollte darauf achten, dass es keine gemeinsamen Freizeitaktivitäten mehr gibt.

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Der Beschluss liegt dem SPIEGEL vor. Darin wird deutlich, dass die Richter die Gefahr für den Neunjährigen durchaus sahen: Ohne Maßnahmen des Familiengerichts lasse sich eine "erhebliche Schädigung des Kindes mit ziemlicher Sicherheit voraussehen". Es müsse dringend vermieden werden, heißt es weiter, dass sich L. in der Wohnung der Mutter aufhalte.

Dennoch - auch das wird in dem Beschluss klar - glaubte man, dass die Mutter nur das Beste für ihr Kind wollte. Die Rede ist von einem "ernsthaft geäußerten Bestreben, das Wohl ihres Sohnes nicht aus dem Blick zu verlieren". In einem Telefongespräch habe sich die Mutter "ausdrücklich einverstanden erklärt", die Auflagen zu befolgen.

Doch sie tat es offensichtlich nicht. Nach der Entscheidung durfte der Junge zurück in die Familie - und wurde zu Hause weiter missbraucht.

"Abschottung" sei nicht zu befürchten

Die 47-Jährige legte kurz darauf Beschwerde ein. Das Oberlandesgericht Karlsruhe (OLG) bestätigte im Juli 2017, dass L. nicht in die Wohnung der Mutter und keine gemeinsamen Freizeitaktivitäten mit dem Kind ausüben dürfe.

Gleichzeitig kippte das OLG die Verpflichtung der Frau, sich erzieherische Hilfe zu holen. Aus dem Beschluss geht hervor, dass das Jugendamt mehrfach versucht hatte, der Frau einen Erziehungsbeistand zur Seite zu stellen. Doch die Mutter wollte das nicht - es blieb bei einem Angebot.

Diese Maßnahme sei auch unter dem Aspekt einer "Außenkontrolle" nicht erforderlich, hieß es in der Entscheidung des Gerichts, denn die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt sei gut. Der Junge besuche eine Schule, die seinen Bedürfnissen optimal entgegenkomme, das Amt unterstütze eine wöchentliche Ergotherapie.

Eine "Abschottung" der Familie sei nicht zu befürchten. Die Mutter habe vor dem Senat ihr "Bestreben, das Wohl ihres Sohnes nicht aus dem Blick zu verlieren" betont. Man sehe die Mutter nicht als Gefahr für den Jungen.

Kontrolliert worden seien die Auflagen nicht, räumt ein Sprecher des Jugendamtes Breisgau-Hochschwarzwald ein. "Das Gericht hat uns keinen Auftrag dazu gegeben", sagt er.

"Eklatanter Fehler"

Das Familiengericht verweist dagegen auf das Jugendamt. Die Familie habe damals ohnehin Kontakt mit der Behörde gehabt. Deswegen sei man davon ausgegangen, dass das Jugendamt kontrolliere, ob L. sich an das Kontaktverbot halte, so ein Sprecher.

Eine entsprechende Auflage verfügte das Gericht allerdings nicht. "Für mich ist das mit Blick auf das Kindeswohl ein eklatanter Fehler", sagt Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftrager der Bundesregierung.

Das gilt für ihn auch, obwohl die Mutter vor Gericht versicherte, das Kontaktverbot einzuhalten. "Eine Auflage wäre bei dieser Fallkonstellation trotzdem geboten gewesen", sagt er.

Ludwig Salgo, Professor für Familienrecht, sieht das anders. "Weder Polizei noch Jugendamt können das wirksam kontrollieren", sagt er. Dazu müssten sie 24 Stunden vor Ort sein. Der 71-Jährige ist Experte für behördliche und gerichtliche Verfahren bei Kindesmissbrauch.

Er übt Kritik an den Beschlüssen der Gerichte. Aus der Missbrauchsforschung sei bekannt, dass es pädophile Täter gebe, die ein Interesse an alleinerziehenden Müttern nur vorgäben - und in Wirklichkeit an den Kindern interessiert seien.

In einer solchen Konstellation sei es wichtig, dass Richter ihre Prognosen absicherten. Ein Psychologe hätte Salgo zufolge prüfen müssen, ob die Frau überhaupt dazu imstande ist, die Auflagen umzusetzen. "Die Richter haben sich überschätzt", sagt er. Zwei weitere Versäumnisse aus seiner Sicht: Das Kind wurde nicht angehört. Und es bekam auch keinen Verfahrensbeistand, wie es bei solchen Konstellationen Salgo zufolge nötig wäre.

Die Mutter argumentierte bei ihrer Beschwerde, dass von ihrem Lebensgefährten keine Gefahr für das Kind ausgehe. Einer Mutter, die selbst unter diesen Umständen dieser Auffassung sei, hätte das Gericht den Schutz des Kindes nicht anvertrauen dürfen, sagt Salgo.


Betroffene können sich kostenfrei und anonym an das Hilfetelefon des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung wenden: 0800-22 55 530

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