Missbrauchsprozess in Antalya: Türken lassen Marco Weiss frei

Marco Weiss ist aus türkischer Untersuchungshaft entlassen worden und kann sofort nach Deutschland zurückkehren. 247 Tage lang war der 17-jährige Schüler inhaftiert. Ihm wird vorgeworfen, eine 13-Jährige sexuell missbraucht zu haben. Der Prozess wird am 1. April fortgesetzt.

Antalya - Der Tag begann so, wie sich die gesamte Causa Marco bislang gestaltet: als Geduldsspiel. Am Morgen wurden am Gericht im türkischen Antalya die Verhandlungen aufgenommen, der Fall Marco jedoch war selbst Stunden später noch nicht aufgerufen worden. Erst nach der Mittagspause wurde verhandelt - mit überraschendem Ergebnis.

Marco kommt aus der Untersuchungshaft frei. Das Gericht habe seine Entscheidung damit begründet, dass es noch weitere Informationen benötige und unter diesen Umständen eine Fortdauer der Untersuchungshaft nicht angemessen sei, sagten Marcos Anwälte in Antalya.

Der 17-Jährige könne sofort ins heimatliche Uelzen zurückkehren, auch eine Kaution habe nicht hinterlegt werden müssen. Der Prozess wird am 1. April 2008 in Antalya fortgesetzt.

Wann Marco die Heimreise antreten wird, ist noch unklar.

In Marcos Heimatstadt Uelzen wurde die Nachricht von der Freilassung mit großem Jubel aufgenommen. Die Menschen, die dort Mahnwachen abgehalten hatten, skandierten nur wenige Sekunden nach Bekanntwerden der Nachricht "Marco ist frei! Marco ist frei!". Es bildete sich sogar ein Autokorso, Deutschlandfahnen wurden geschwenkt.

Auch die Bundeskanzlerin nahm die Nachricht von Marcos Freilassung mit Freude zur Kenntnis: "Ich freue mich, dass Marco erst einmal frei ist, dass er nach Hause kann", erklärte Merkel am Rande des EU-Gipfels in Brüssel.

Der heutige Prozesstag war mit besonderer Spannung erwartet worden: Immerhin lagen nun die Aussagen des angeblichen Opfers, der 13-jährigen Britin Charlotte, in vollständiger Übersetzung dem Gericht vor. Das Fehlen dieser Aussage hatte dazu geführt, dass an den zurückliegenden Verhandlungstagen der Prozess kurz nach Beginn sogleich wieder vertagt worden war - insgesamt sieben Mal.

Im Vorfeld des heutigen Verhandlungstages war von der Verteidigung vehement ins Feld geführt worden, man solle Marco ein gemeinsames Weihnachtsfest mit seiner Familie - auf freiem Fuß in der Türkei oder in Deutschland - ermöglichen. Marcos Anwalt Michael Nagel hatte in Interviews wiederholt darauf hingewiesen, sein Mandant sei in einem psychisch sehr schlechten Zustand.

Marco wurde am 12. April in Side festgenommen, nachdem Charlottes Eltern Anzeige gegen ihn erstattet hatten. Marco gab zu, mit dem Mädchen geflirtet und geschmust zu haben. Die 13-Jährige behauptet dagegen, der Junge habe sie sexuell missbraucht.

Die Anklage wirft dem Realschüler aus dem niedersächsischen Uelzen vor, die 13-jährige Britin Charlotte M. im April in der Türkei sexuell missbraucht zu haben. Marco Weiss bestreitet die Vorwürfe. Ihm zufolge war es im Einvernehmen mit dem Mädchen zu Zärtlichkeiten in deren Hotelzimmer gekommen.

Im Verlauf des Prozesses war es zu harscher Kritik an den langsam arbeitenden türkischen Justizbehörden gekommen. Mit jedem Verhandlungstag hatten Weiss' Anwälte gehofft, ihren Mandanten aus der Untersuchungshaft frei zu bekommen - vergeblich.

Gestern Abend dann hatten die Anwälte des 17-Jährigen wie angekündigt den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingeschaltet. Wie eine Sprecherin des Gerichts heute mitteilte, macht die Verteidigung unter anderem einen Verstoß gegen das Grundrecht auf Freiheit durch die lange Untersuchungshaft geltend. Außerdem argumentieren sie, die lange Haft stelle eine Gefahr für die Gesundheit des Jugendlichen dar.

ARD-Informationen zufolge hatte sich zuletzt der deutsch-türkische Politiker und Tourismusunternehmer Vural Öger in den Fall eingeschaltet. Der SPD-Europaparlamentarier Öger habe Marco im Gefängnis in Yeniköy 30 Kilometer nördlich von Antalya besucht, hieß es. Auch mit dem zuständigen Richter Abdullah Yildiz soll Öger gesprochen haben.

pad/ala/dpa/ddp/AFP

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