Missbrauchsskandal um Jimmy Savile: BBC in akuter Erklärungsnot

Jimmy Savile war ein beliebter TV-Star Großbritanniens - doch nach seinem Tod ist vom Ruhm kaum mehr etwas übrig: Er soll jahrelang Minderjährige missbraucht haben. Nun gerät die BBC massiv in die Kritik. Sie wusste schon früh von den Vorwürfen, doch ein eigener Beitrag wurde offenbar gestoppt.

Jimmy Savile (Foto von 1973): Was wusste die BBC von seiner kriminellen Vergangenheit? Zur Großansicht
Getty Images

Jimmy Savile (Foto von 1973): Was wusste die BBC von seiner kriminellen Vergangenheit?

London - Jimmy Savile war schon zu Lebzeiten eine Legende des britischen Fernsehens: Er begann als DJ und wurde Mitte der sechziger Jahre der erste Moderator der Sendung "Top of the Pops", er war Gastgeber der "Beatles", Größen wie " The Who" spielten bei ihm. In den siebziger Jahren startete Savile "Jim`ll Fix It", in der Sendung erfüllte er Wünsche von Zuschauern, es waren vor allem Kinder.

Saviles Karriere war steil, aber sie wurde begleitet von Gerüchten: Er komme Minderjährigen immer wieder zu nahe. Das hinderte die Queen nicht daran, ihn zum Ritter zu schlagen. Im Oktober 2011 starb Savile. Und inzwischen denken einige laut darüber nach, ob man den "Sir" nicht posthum tilgen sollte.

Anfang Oktober strahlte der britische Sender ITV einen Film aus, in dem mehrere Frauen behaupteten, sie seien als junge Mädchen in den sechziger und siebziger Jahren von dem TV-Star missbraucht worden. Nach der Ausstrahlung der Doku meldeten sich weitere angeblich Betroffene. Die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen, Chefermittler Peter Spindler sagte, nach den Aussagen der Frauen sei es im derzeitigen Ermittlungsstand ziemlich klar, "dass Savile ein rücksichtsloser Sexualtäter war".

Manche Missbrauchsfälle, von denen die Frauen auf ITV berichteten, sollen sich auf dem Gelände der BBC abgespielt haben. Nicht nur deshalb fragen sich nun viele: Was wusste der Sender davon? Am Montagabend wird die BBC einen eigenen Beitrag senden, über Savile, aber auch über sich selbst.

Das kommt reichlich spät. Britische Medien berichten, dass BBC-Journalisten der Nachrichtensendung "Newsnight" bereits im November 2011 ein Script zu einem Film geschrieben hatten. Darin kommen vier frühere Schülerinnen zu Wort, die behaupten, Savile habe sich an ihnen vergangen.

"Wenn wir das Vertrauen verlieren, ist es sehr gefährlich für die BBC"

Die BBC hätte der erste Sender sein können, der umfangreich über die Schattenseite ihres Stars berichtet. Doch sie tat es nicht, der Bericht wurde gestrichen. Nun werden Mitarbeiter von "Newsnight" zitiert, die sagen: Der Leiter der Sendung, Peter Rippon, habe den Beitrag erst unterstützt, sich dann aber abrupt umentschieden. Druck von oben soll ihn zum Umdenken bewegt haben. Der Vorwurf war bereits im Februar laut geworden, damals hatte der Sender dementiert: Die Entscheidung sei alleine aus "redaktionellen Gründen" gefällt worden.

Doch laut einem Bericht des "Daily Telegraph" wird der BBC-Film am Montagabend zeigen: Der "Newsnight"-Beitrag wurde abgeblasen, weil er nicht zu den Hommagen an Savile im Programm passte. Rippon habe seinen Leuten befohlen, die Arbeit an dem Beitrag über Savile einzustellen, nachdem sie die Aussagen von den ehemaligen Schülern eingeholt hatten.

Nun geraten die Oberen des Senders unter Druck. George Entwistle, Generaldirektor der BBC, wird am Dienstag dem Parlament erklären müssen, ob sein Sender das Andenken an seinen Star rein halten wollte - trotz besseren Wissens. In britischen Medien wird schon gemutmaßt, wie lange sich Entwistle halten kann. Er kam zwar erst im September auf den Posten, war aber schon zuvor für die wichtigsten BBC-Kanäle verantwortlich.

Die BBC hat mittlerweile selbst zwei Untersuchungen begonnen. Eine soll Saviles Taten nachgehen, die andere soll klären, wieso der "Newsnight"-Bericht nicht gesendet worden ist.

Der altgediente BBC-Auslandskorrespondent John Simpson fand deutliche Worte zum Zustand seines Senders: In seiner fast 50-Jährigen Karriere sei die BBC nie in so einer schlimmen Krise gewesen. "Wir leben vom Vertrauen der Leute, sie sehen und hören unser Programm und wenn wir das Vertrauen verlieren, ist es sehr gefährlich für die BBC."

bim

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