Missbrauchsverdacht: Zweifel an Aussage gegen Charité-Pfleger

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Eine 16-Jährige behauptet, ein Pfleger der Charité habe sie missbraucht. Neue Informationen lassen Zweifel an ihrer Geschichte wachsen: Das Mädchen lässt sich nicht von der Polizei befragen und soll vor vier Jahren einen Sozialarbeiter zu Unrecht sexueller Übergriffe beschuldigt haben.

Virchow-Klinikum: Ermittlungen in Missbrauchsfall stocken Zur Großansicht
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Virchow-Klinikum: Ermittlungen in Missbrauchsfall stocken

Berlin - Die Ermittlungen zu Missbrauchsvorwürfen gegen einen Pfleger der Charité kommen nicht voran. Eine 16-Jährige beschuldigt den Mann, sie in der Kinderrettungsstelle im Virchow-Klinikum beim Ausziehen ihrer Hose geholfen und sie dabei unsittlich berührt zu haben. Der 58-Jährige ist inzwischen vom Dienst suspendiert.

Neue Informationen lassen Zweifel an der Geschichte der Jugendlichen aufkommen. So konnte die Polizei weder die 16-Jährige noch ihre Eltern zu den Vorwürfen befragen. Tagelang versuchte die Polizei, die Familie zu erreichen. "Sie haben mehrere Vorladungstermine verstreichen lassen", sagt Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft.

Erfundene Vorwürfe gegen Sozialarbeiter

Unter anderem sei am Montag ein Termin geplatzt, das Mädchen sei ohne Angabe von Gründen nicht erschienen. "Das zeigt uns, dass die Jugendliche offensichtlich keine Angaben machen will", sagt Steltner. In der nächsten Woche ist ein weiterer Termin angesetzt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE gibt es Hinweise, wonach die Familie die eigene Wohnung zumindest im November für einige Zeit verlassen hatte.

Ohne von dem Mädchen zu wissen, was genau vorgefallen sein soll, ist es für die Ermittler unmöglich, den Beschuldigten mit konkreten Vorwürfen zu konfrontieren. "Dass sie bisher nicht ausgesagt hat, erschwert die Aufklärung", sagt Steltner. Auch anderweitig tun sich die Ermittler schwer. Der Übergriff liegt schon mehr als zwei Wochen zurück - mögliche Missbrauchsspuren sind damit laut Steltner nicht mehr nachzuweisen.

Zudem scheint ein Vorfall aus dem Jahr 2008 die Glaubwürdigkeit des Mädchens zu untergraben. Mehrere Berliner Zeitungen berichten, die Jugendliche sei damals beim Schuleschwänzen von einem Sozialarbeiter an ihrer Schule in Neukölln erwischt worden. Sie soll den Mann darauf des sexuellen Missbrauchs beschuldigt und später zugegeben haben, die Vorwürfe seien erfunden gewesen. Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass es gegen den Sozialarbeiter kein Ermittlungsverfahren gab.

Weitere Vorwürfe werden noch überprüft

Auch die Charité versuchte nach eigenen Angaben bislang vergebens, mit der Familie der 16-Jährigen Kontakt aufzunehmen. Klinikchef Karl Max Einhäupl hatte demnach vor rund zwei Wochen mehrmals vergeblich versucht, die Eltern auf einer Mobilnummer zu erreichen. Abends seien dann zwei leitende Angestellte zur Wohnung der Familie gegangen, um einen handschriftlichen Brief Einhäupls zu übergeben. Doch niemand öffnetet die Tür, das schriftliche Gesprächsangebot wurde in den Briefkasten gesteckt. Gemeldet hat sich bisher niemand bei der Klinik.

Der Pfleger war direkt nach der Nachtschicht suspendiert worden, in der es zu dem Vorfall gekommen sein soll. Derzeit läuft das Kündigungsverfahren, der Personalrat lehnte die Begründung für die Vertragsauflösung vor kurzem ab.

Nach dem Vorfall im November war bekannt geworden, dass der Pfleger bereits in Vergangenheit im Verdacht gestanden hatte, sich Frauen gegenüber auffällig verhalten zu haben: Im Jahr 2011 hatte eine Frau Anzeige erstattet, die Ermittlungen wurden aber eingestellt. 2009 gab es einen weiteren nicht näher bekannten Fall, in dessen Folge der Pfleger psychologisch begutachtet wurde, Ergebnis: Die vorgeworfene Tat wurde laut Klinik als unwahrscheinlich eingestuft. Auch 2005 sollen Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen den Pfleger laut geworden sein.

Die Vorfälle wurden in der Personalakte des Pflegers offenbar nicht vermerkt. Die internen Ermittlungen zu diesen Fällen seien noch nicht abgeschlossen, sagte ein Sprecher der Charité SPIEGEL ONLINE. Es sei etwa bei dem am längsten zurückliegenden Fall nicht einfach, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die zu den Vorwürfen etwas sagen könnten.

Das Mädchen hatte nach dem mutmaßlichen Übergriff nicht die Polizei, sondern die Klinikleitung informiert. Diese erstattete Anzeige gegen den Pfleger, der seit Jahrzehnten in der Klinik arbeitete. Die Charité hatte Kommunikationspannen in dem Fall eingeräumt - erst eine Woche nach dem Vorfall berichtete die Klinik darüber. Vertuschungsvorwürfe wies sie allerdings zurück.

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