Misshandlungsverdacht in Asylunterkunft System der Schande

Ein Video und ein Foto zeigen, wie Wachmänner offenbar Flüchtlinge misshandeln. Jetzt werden weitere Details zu den Vorfällen in NRW bekannt.

DER SPIEGEL

Von , Düsseldorf


"Willst du noch eine haben?", fragt der Erste den Mann am Boden. "Warum schlagen mir?", wimmert der Mann. "Soll ich dir in die Fresse treten, oder wat?", fragt der Erste. "Leg dich hin in deine Kotze und schlaf!", ruft der Zweite.

Es gibt ein Video dieser entwürdigenden Szene, die sich vor einigen Monaten wohl im Asylbewerberheim im nordrhein-westfälischen Burbach abgespielt hat. Der Mann am Boden ist ein Flüchtling, verängstigt, verzweifelt. Hinter der Kamera stehen mindestens zwei Männer, mutmaßlich die Wachmänner Henning G. und Dirk O. Sie sollen zum Sicherheitsdienst der Unterkunft gehört haben. Ein freier Journalist hatte am Freitagmorgen den Film der Polizei in Hagen übergeben, seither ermittelt der dortige Staatsschutz unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung.

Ermittler beschlagnahmen Waffen

Noch am Freitagabend durchsuchten die Fahnder die frühere Bundeswehrkaserne, in der sich inzwischen ein Durchgangslager für Asylbewerber befindet. Die Beamten entdeckten in einem WhatsApp-Chat auf dem Handy eines Wachmannes ein Foto, das ebenfalls für allgemeines Entsetzen sorgt: Das Bild zeigt nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen die Security-Mitarbeiter Markus K., 26, und Markus H., 30, sowie einen am Boden liegenden Flüchtling, einen 28-jährigen Algerier, dessen Hände auf dem Rücken gefesselt sind. H. steht mit seinem rechten Fuß auf dem Kopf des Hilflosen.

Außerdem fanden die Beamten am Freitagabend im Aufenthaltsraum des Wachpersonals Pfefferspray, Schlagstöcke und einen Schlagring. Die Nürnberger Firma SKI, die das Heim im Siegerland sichert, äußerte sich auf Anfrage bislang nicht zu den Vorfällen.

Doch die beiden Wachmänner, die SKI bereits entlassen haben soll, zeigten sich in ihren Vernehmungen kooperativer. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen ließen sie sich sogar auf Tätowierungen untersuchen - bislang ist unklar, ob die Ermittler auf den entblößten Körpern jedoch rechtsextreme Symbole entdeckten.

Die Demütigung des Algeriers stellten K. und H. wiederum als Notwehr dar, die Siegerpose sei Folge ihrer Erleichterung über einen erfolgreich abgewehrten Angriff gewesen. In den Wohnungen der beiden in Hessen und dem nordrhein-westfälischen Netphen beschlagnahmten die Staatsschützer weitere Waffen und zahlreiche Datenträger, die Auswertung dieser Asservate dauert an.

Gegen Markus K. und Markus H. wurde bereits unter anderem wegen Diebstahls, Körperverletzung, Betrugs und Drogendelikten ermittelt. Das Foto ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft Siegen erst einige Wochen alt, der Film soll bereits im zweiten Quartal des Jahres 2014 entstanden sein. Die Erniedrigungen der Heimbewohner geschahen demnach über einen längeren Zeitraum. Zudem deutet der Umstand, dass die Wachleute sich gegenseitig Aufnahmen der Misshandlungen zusandten, auf ein Einvernehmen zwischen ihnen hin. Es könnte sich also um ein System menschenverachtender Methoden in Burbach handeln.

Einem Bericht des WDR-Magazins "Westpol" zufolge kam es auch in einer ebenfalls von SKI bewachten Flüchtlingsunterkunft in Essen zu Übergriffen des Wachpersonals. Dem Sender liegt demnach das ärztliche Attest eines Asylbewerbers vor, der misshandelt worden sein soll.

"Häufig haben wir es hier mit schwierigen Typen zu tun"

Die jüngsten Ereignisse in Nordrhein-Westfalen werfen ein Schlaglicht auf eine Branche, die immer wieder negativ auffällt. Alleine in NRW hat sich die Zahl der privaten Sheriffs seit dem Jahr 2000 verdoppelt. "Häufig haben wir es hier mit schwierigen Typen zu tun, chancenlos und immer wieder auch kriminell", sagt ein Ermittler. "Wenn sie denen Macht über andere Menschen geben, kann das zu prekären Situationen führen."

Der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Erich Rettinghaus, moniert die Zustände im privaten Sicherheitsgewerbe: "Wir benötigen dringend einheitliche Qualitätsstandards." Das Personal müsse ausreichend geschult werden und die jetzige Vergabepraxis gehöre auf den Prüfstand: "Die Weitergabe von Aufgaben an Subunternehmer sollte schnellstens abgeschafft werden", so Rettinghaus.

Die Notunterkünfte in Burbach und Essen sind Einrichtungen des Landes. Von dort werden die Flüchtlinge nach der Erstaufnahme auf die Kommunen verteilt. Betrieben werden beide Heime von der Firma European Homecare aus Essen. Das private Unternehmen führt seit 1989 Wohnheime für Asylbewerber und Flüchtlinge.

Den Sicherheitsdienst hatte European Homecare in Burbach und Essen nach Angaben der Bezirksregierung Arnsberg dem Unternehmen SKI übertragen. In Burbach engagierte die Firma demnach einen weiteren Subunternehmer. SKI sei inzwischen gekündigt worden, teilte die Bezirksregierung in Arnsberg mit.

NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) kündigte an, hart gegen Sicherheitsunternehmen vorgehen zu wollen, "die Geld für den Schutz unserer Unterkünfte kassieren und Kriminelle anheuern".

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