Mobbing-Opfer Der traurige Tod des David Askew

Sie verfolgten ihn, drangsalierten ihn, bewarfen sein Haus mit Steinen: Jahrelang wurde der geistig behinderte David Askew aus Manchester von Jugendlichen gemobbt. Die Polizei konnte dem 64-Jährigen nicht helfen. Jetzt ist er tot.

Mobbing-Opfer Askew: "Er war ein sehr glücklicher Mensch"
GMP

Mobbing-Opfer Askew: "Er war ein sehr glücklicher Mensch"

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Hamburg - Am Abend stehen sie wieder vor seinem Haus. Zwei Jugendliche, sie machen das Gartentor kaputt, hantieren mit der Mülltonne herum und mit dem Elektro-Rollstuhl seiner 89 Jahre alten Mutter. Dieses Mal wird es David Askew zu viel. Er tritt vor die Tür, er will sie zur Rede stellen, verjagen, was auch immer. Vielleicht weiß er das selbst nicht so genau.

David Askew, 64, aus Hattersley bei Manchester, ist schwer lernbehindert. Nachbarn sagen, er hat die geistige Reife eines Achtjährigen. Seit vielen Jahren wird er von Jugendlichen tyrannisiert.

Um 21.37 Uhr geht bei der Polizei wieder mal ein Notruf ein. Die Beamten kennen den Weg, allein im vergangenen Jahr sind sie zehnmal ausgerückt. Sie brauchen nur neun Minuten bis zu dem kleinen Reihenhaus im Osten Manchesters. Doch neun Minuten, das ist diesmal zu viel Zeit. Als die Polizei eintrifft, ist David Askew tot, und die Jugendlichen sind verschwunden.

Noch ist nicht bekannt, was in den wenigen Minuten geschehen ist. Die Polizei geht davon aus, dass Askew eines "natürlichen Todes" starb - am Herzinfarkt. "Nichts deutet auf körperliche Gewalt hin", sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE.

"Sie haben ihn unerbittlich tyrannisiert"

Der Fall sorgt dennoch landesweit für Empörung. Die Nachbarn lassen keinen Zweifel daran, dass die jahrelangen Schikanen David Askew das Leben gekostet haben. "Sie haben ihn unerbittlich tyrannisiert, und wir glauben, dass er aufgrund all des Trubels gestorben ist", zitiert die "Daily Mail" einen 19 Jahre alten Mann aus der Nachbarschaft.

Die Quälerei beginnt laut des Berichts Mitte der neunziger Jahre. Jugendliche aus der Nachbarschaft bewerfen David mit kleinen Steinen, wenn er einkaufen geht. Sie nennen ihn "dummer Dave", sie schmeißen seine Fenster ein und erpressen Alkohol und Zigaretten. So geht es jahrelang.

David wird älter und seine Peiniger jünger. Manche von ihnen sollen erst acht Jahre alt sein. Die Polizei installiert eine Kamera an dem Haus, in dem er mit seiner Mutter Rose und seinem drei Jahre älteren Bruder Brian lebt. Die Beamten stehen fast täglich mit ihnen in Kontakt, doch sie können das Mobbing nicht stoppen. Ein Jugendlicher bekommt eine Unterlassungserklärung, ansonsten geschieht nichts.

Die Nachbarn werfen den Polizisten deshalb nun Versagen vor. "Sie haben nichts getan", zitiert der "Independent" eine 64-Jährige. Ein anderer Nachbar behauptet: "Wir haben schon seit einem Jahr aufgehört, uns zu beschweren, weil nichts passiert ist."

Zuletzt sei es immer schlimmer geworden, schreibt der "Independent" unter Berufung auf die Nachbarn. Angeblich ließen die lokalen Buchmacher Askew nicht mehr in ihre Läden, weil er dauernd von Jugendlichen verfolgt wurde. Ein Zeitschriftenhändler soll ihn von Zeit zu Zeit bei sich im Hinterzimmer versteckt haben.

Die Polizei sagt, sie habe alles in ihrer Macht Stehende getan, um den 64-Jährigen zu unterstützen. Nun wurde der Fall zur Prüfung an eine unabhängige Kommission gegeben. Die muss klären, warum weder Polizei noch Sozialbehörden noch Nachbarn das Mobbing verhindern konnten.

Erinnerungen an den Fall Pilkington

Der Fall sorgt auch deshalb für großes Entsetzen, weil Großbritannien erst 2007 von einer ähnlichen Geschichte erschüttert wurde. Zehn Jahre lang drangsalierten Jugendliche Fiona Pilkington und ihre schwerbehinderte Tochter Francecca. 33 Notrufe verpufften, ehe Pilkington keinen Ausweg mehr sah. Sie nahm sich gemeinsam mit ihrer Tochter das Leben.

Polizei-Inspektor Denis O'Connor veröffentlichte am Mittwoch einen Report, der große Lücken bei der britischen Polizei anprangert - vor allem was die Bekämpfung von unsozialem Verhalten und Mobbing durch Jugendbanden anbelangt. Besonders wenn es darum geht, Sachbeschädigungen oder gewaltsames Mobbing zu verfolgen, sei die Leistung der Beamten "ungenügend" und müsse umgehend verbessert werden, sagte O'Connor.

Innenminister Alan Johnson forderte eine engere Zusammenarbeit zwischen Polizei und anderen Behörden, um die großen Probleme zu bekämpfen. Laut des Reports wird ein Viertel aller Beschwerden über asoziales Verhalten nicht verfolgt. In einem Fünftel aller Fälle sind die Opfer Menschen mit Behinderung.

Besonders schlecht schneidet die Polizei von Manchester ab, sie liegt im Ranking aller Polizeikräfte von England und Wales auf dem vorletzten Platz. Gerade bei der Bekämpfung von unsozialem Verhalten, Einbrüchen und Gewaltverbrechen seien hier große Verbesserungen nötig.

Die Forderungen kommen für David Askew zu spät. Am selben Tag, an dem O'Connor vor die Presse tritt, begegnet der 64-Jährige vor seiner Haustür den Jugendlichen.

Seine Mutter sagt: "Er war ein sehr glücklicher Mensch."



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