Mögliche Wechselwirkung mit Drogen Todesfälle nach Pfefferspray-Einsatz

Wie gefährlich ist Pfefferspray? In einem halben Jahr sind nach SPIEGEL-Informationen drei Menschen gestorben, nachdem die Polizei den Chili-Wirkstoff gegen sie eingesetzt hat. Alle standen unter Drogen oder Psychopharmaka - womöglich gibt es eine gefährliche Wechselwirkung.

Pfefferspray-Einsatz (bei G-8-Gipfel in Heiligendamm 2007): Mehrere verdächtige Fälle
dpa

Pfefferspray-Einsatz (bei G-8-Gipfel in Heiligendamm 2007): Mehrere verdächtige Fälle


Berlin - In Deutschland hat es im vergangenen halben Jahr mindestens drei Tote nach dem Polizeieinsatz von Pfefferspray gegeben. Nach SPIEGEL-Informationen stand jeder Fall im Zusammenhang mit der Einnahme von Drogen oder Psychopharmaka durch die Opfer - zwei standen unter Drogen, der Dritte hatte kurz vor dem Pfefferspray-Einsatz ein starkes Beruhigungsmittel verabreicht bekommen:

  • Im Kokainrausch war am 3. Juli ein 42-jähriger Mann in München nackt und blutüberströmt auf die Straße gerannt und hatte ein Fenster mit dem Kopf eingeschlagen. Polizisten setzten Pfefferspray ein - kurz darauf kollabierte der Mann und starb zwei Tage später.
  • Am 31. Oktober starb ein Drogensüchtiger in Laucha in Sachsen-Anhalt. Auch er hatte nackt auf der Straße randaliert und auf Passanten eingeschlagen. Er hörte auf zu atmen, kurz nachdem er Pfefferspray ins Gesicht bekommen hatte.
  • In einem weiteren Fall starb ein psychisch kranker Mann aus einem Heim in Essen am 7. August. Er hatte von einer Notärztin ein Beruhigungsmittel gespritzt bekommen und griff trotzdem Pfleger an. Der 43-Jährige starb kurz nach einem Pfefferspray-Einsatz. Das Obduktionsergebnis stehe noch nicht fest, teilt die Staatsanwaltschaft Essen mit.

Die drei Fälle scheinen den von Kritikern geäußerten Verdacht zu untermauern, dass Pfefferspray für Menschen, die unter Drogen oder Psychopharmaka stehen, tödlich wirken kann. Zwischen Capsaicin, dem Chili-Wirkstoff aus dem Pfefferspray, und Kokain kann es ihnen zufolge zu fatalen Wechselwirkungen kommen.

Zu diesem Schluss kommt auch der Suchtmediziner John Mendelson vom California Pacific Medical Center in San Francisco nach Tierversuchen in einer neuen Studie. Mendelson hatte einer Gruppe von Mäusen Kokain verabreicht, eine andere Gruppe bekam zusätzlich noch Capsaicin. Es starben wesentlich mehr jener Mäuse, die das Chili-Koks-Gemisch erhalten hatten.

Wie hoch die tatsächliche Zahl der Todesfälle durch Pfefferspray ist, ist unklar. Rechtsmediziner zögen häufig gar nicht in Betracht, dass der Chili-Wirkstoff möglicherweise zum Tod beitragen könne, sagt der Forensiker Fred Zack von der Universität Rostock. Er hat vor zwei Jahren selbst einen ähnlichen Fall untersucht.

Bei der Einführung des Pfeffersprays hatten Behörden den Einsatz gegen psychisch Kranke oder unter Drogen stehende Menschen ausdrücklich empfohlen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 142 Beiträge
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Seite 1
VorwaertsImmer, 26.12.2009
1. Schön praktisch - diese Sprays.....
Zitat von sysopWie gefährlich ist Pfefferspray? In einem halben Jahr sind nach SPIEGEL-Informationen drei Menschen gestorben, nachdem die Polizei den Chili-Wirkstoff gegen sie eingesetzt hat. Alle standen unter Drogen oder Psychopharmaka - womöglich gibt es eine gefährliche Wechselwirkung. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,668996,00.html
Wenn ein Polizist mal hinlangt und es fliesst Blut - dann ist er sofort als Brutalo verschriehen. Schön praktisch sind dagegen diese Sprays: da wird ein bischen Flüssigkeit verspritzt, alles sieht super sauber aus. Kein Blut. Doch Klasse - nicht? Wen interessiert es schon ob ein paar Tage später jemand abkratzt. Die Presse ist dann schon längst von dem Krawallort abgezogen woanders hin. Die Sprays werden bleiben - je mehr Widerstand es gegen körperlichen Einsatz gibt - desto mehr Sprays wird es geben. Sieht halt super steril aus.... und juristisch einwandfrei. Einer der kifft, kockst hat ja selbst das Recht gebrochen - kann ein Polizist damit rechnen? Man wird heimlich applaudieren: da verrecken nicht die Falschen....
Berta, 26.12.2009
2. Wechselwirkung??
Weil sie dank der Drogen nicht reagiert haben,gabs wohl eine EXTRA höhere Dosis Pfefferspray oder? Ganz einfach dran erstickt. Ist das jetzt Totschlag?
Ein netter Netter 26.12.2009
3. Wechselwirkung Capsaicin - Kokain
Wenn dem so ist, sollte man dringend mal in Technoclubs Schilder aushängen, die darauf hinweisen, dass es keine gute Idee ist, nach dem Raven beim Chinesen den "Szechuan-Feuertopf" zu bestellen.
Gertrud Stamm-Holz 26.12.2009
4.
Zitat von VorwaertsImmerWenn ein Polizist mal hinlangt und es fliesst Blut - dann ist er sofort als Brutalo verschriehen. Schön praktisch sind dagegen diese Sprays: da wird ein bischen Flüssigkeit verspritzt, alles sieht super sauber aus. Kein Blut. Doch Klasse - nicht? Wen interessiert es schon ob ein paar Tage später jemand abkratzt. Die Presse ist dann schon längst von dem Krawallort abgezogen woanders hin. Die Sprays werden bleiben - je mehr Widerstand es gegen körperlichen Einsatz gibt - desto mehr Sprays wird es geben. Sieht halt super steril aus.... und juristisch einwandfrei. Einer der kifft, kockst hat ja selbst das Recht gebrochen - kann ein Polizist damit rechnen? Man wird heimlich applaudieren: da verrecken nicht die Falschen....
Bis es den ersten Asthmatiker oder Allergiker erwischt. Ganz nebenbei, wie hat man solche Leute vor der Wunderwaffe Pfefferspray gebändigt? Mit der MP? Einer Keule?
Tobur 26.12.2009
5. Und welche Konsequenzen schlägt man vor?
Die Frage geht auch an den User VorwaertsImmer. Soll man Pfefferspray vorerst ersatzlos aus dem Verkehr ziehen, bis man weiß was da evtl. passiert sein könnte? Tut mir Leid, auch wenn es heftig klingt, aber irgendwo muss es auch mal Grenzen geben. Polizisten in Deutschland sollen verhältnismäßig reagieren. Dazu gehört, dass sie nur im absoluten Notfall die Schusswaffe ziehen, Gummigeschosse werden in Deutschland nicht eingesetzt, Taser werden nicht eingesetzt und Schlagstöcke wären zu brutal. Was bliebe ohne Pfefferspray noch? Der Kampf Mann gegen Mann? Warum sollte ein Polizist - immerhin der Vertreter des Gewaltmonopols in Deutschland - sich auf dieses Risiko einlassen müssen? Natürlich kann und sollte man nun versuchen die Formel des Sprays abzuwandeln, aber eben nur, wenn die Effektivität darunter nicht leidet und bis es eine andere Formel gibt, wird Pfefferspray weiter genutzt. Egal ob es Personen wie VorwaertsImmer gefällt oder nicht, ich kann von keinem Polizisten erwarten, dass er z.B. bei einem um sich schlagenden Gegner darauf achtet, ob dieser evtl. Kokain zu sich genommen hat oder einfach mit Adrenalin voll ist. In allen drei beannten Fällen stellte das "Opfer" - deren Tod natürlich sehr bedauerlich ist - eine Gefahr für andere Personen dar und hat eine Straftat begangen. Ich wünsche keiner Person, die unvermittelt angegriffen wird, dass sie schwere Verletzungen erleidet, weil die Polizei Angst hat Pfefferspray gegen den Angreifer einzusetzen. Und die beschriebenen "Opfer" waren allesamt eine Bedrohung für ihre Umgebung. Ich hoffe daher, dass in der Diskussion, die in den Medien stattfinden wird, nicht nur der höchst bedauerliche Tod der drei Personen berücksichtigt wird, sondern auch der Hintergrund Berücksichtigung findet. Die Vertreter des Gewaltmonopols müssen in die Lage versetzt werden dies auszuüben, so funktioniert es in einem Staat wie unserem eben. Die beiden ersten Beiträge in diesem Forum zeigen doch schon, dass man als Polizist von vielen grundsätzlich als "böse" angesehen wird und unter Generalverdacht steht. Würde die Polizei nun auf Pfefferspray verzichten, dann wäre der Schlagstock die nächste Alternative. Und mal sehen wie lange es dauert, bis es in den Medien dann Bilder von "Opfern" gibt, die Blutergüsse davon getragen haben. Jetzt ist halt die Frage, ob z.B. Spiegel Online klar Position beziehen möchte und zu den Konsequenzen steht oder einfach generell nach möglichen Skandalen sucht.
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