Gustl Mollath bei "Beckmann" Er ist draußen, aber noch nicht frei

Es war sein erster großer Auftritt im Fernsehen: Im schwarzen Anzug setzte sich Gustl Mollath an den Talktisch von "Beckmann". 75 Minuten lang redete er über seine siebeneinhalb Jahre in der Psychiatrie, seine Pläne und darüber, warum er sich noch immer nicht als freier Mann fühlt.

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Hamburg - "Freiheit ist das einzige, was zählt", singt Marius Müller-Westernhagen in seiner Hymne zur deutschen Wiedervereinigung. Das gilt nicht für Gustl Mollath: Der Nürnberger war siebeneinhalb Jahre gegen seinen Willen im Hochsicherheitstrakt der forensischen Psychiatrie in Bayreuth untergebracht - wegen vermeintlicher Wahnvorstellungen und Gemeingefährlichkeit. Vergangene Woche ordnete das Nürnberger Oberlandesgericht seine Entlassung und die Wiederaufnahme des Verfahrens an.

Nun sitzt Gustl Mollath im Studio von Reinhold Beckmann, mit schwarzem Anzug, weißem Hemd und Achtziger-Jahre-Schnauzer. Ein Coup ist das, diesen Mann acht Tage nach seiner Freilassung als Gast gewonnen zu haben. Und Beckmann hat sich vorbereitet: Er hat sein Betroffenheitsgesicht aus der Schublade gekramt.

Um den von seinen Unterstützern als Volkshelden gefeierten Mollath und dessen Verteidiger nicht zu vergraulen, hat seine Redaktion mit Uwe Ritzer von der "Süddeutschen Zeitung" einen der Journalisten geladen, die den möglichen Skandal aufdeckten, sowie eine Gutachterin, die beklagt, dass jeder Bürger ungerechtfertigt in der Psychiatrie landen kann. Eine homogene Plauderrunde also mit Lagerfeueratmosphäre und ohne Störenfried. Die angefragten Skeptiker zum Fall Mollath haben alle abgesagt, wie Beckmann mehrfach einfließen lässt. Die fehlende Kontroverse ist das große Manko der Sendung.

"Gerührt" mit rollendem R

Der Mann, an dessen Schicksal die Republik seit Monaten teilnimmt, spricht mit ruhiger Stimme und fränkischem Akzent, fast zeitverzögert. Bereits in der zweiten Sendeminute bedankt er sich für die fulminante Anteilnahme und bundesweite Unterstützung. Aber auch für das Hemd und die Unterhose, die ihm ein Freund nach seiner Entlassung geliehen habe. "Ich bin außerordentlich gerührt", sagt er mit rollendem R.

So einer soll gegenüber seiner Ehefrau gewalttätig gewesen sein, Reifen aufgeschlitzt, die Beherrschung verloren haben? Mollath muss neben dem sanftmütigen Gesicht noch ein anderes haben. Er nickt zustimmend, fast schmunzelt er, als Beckmann aus dem Bericht des einzigen Psychiaters zitiert, mit dem Mollath je gesprochen hat: Der habe ihm eine schwierige Persönlichkeit mit "querulatorischen Zügen" bescheinigt. Aber muss ein Querulant gleich eine Gefahr für die Allgemeinheit sein?

Jahrelang, berichtet Mollath, habe man ihn jeden Tag 23 Stunden in einen Raum gesperrt, der mehr Zelle war als Zimmer. Eine Stunde frische Luft habe es beim sogenannten Gartengang gegeben: 60 Schritte in Form eines L, umgeben von hohen Betonmauern mit Nato-Draht, Kameras und kriminellen Geisteskranken. Viele von ihnen hätten durch Medikamente erschütternde Nebenwirkungen ertragen müssen, sagt Mollath: Zwangsbewegungen, Langzeitschäden, Herzbeschwerden, Organversagen. Er selbst habe sich strikt gegen jegliche Arznei gewehrt.

Draußen, aber nicht frei

Frei fühlt er sich auch nach acht Tagen außerhalb dieser Mauern nicht, wie Mollath sagt. Er sei draußen, aber nicht frei. Erst wenn er nach dem Wiederaufnahmeverfahren rehabilitiert sei und den Gerichtssaal als freier Bürger verlasse, dann könne die wiedergewonnene Freiheit beginnen. Der 56-Jährige hat große Hoffnung: Von dem neuen Prozess verspricht er sich ein Verfahren nach rechtsstaatlichen Grundsätzen, mit allen relevanten Zeugen.

Was diesen Punkt angeht, gibt sich sein Verteidiger Gerhard Strate in der Talkrunde pessimistisch. "Die bayerische Justiz wird versuchen, sich möglichst schnell aus der Affäre zu ziehen", sagt er.

Der Fall ist komplex, voller Widersprüche und einzigartig in der deutschen Justizgeschichte: Mollath hatte seiner Frau und deren Arbeitgeberin, der HypoVereinsbank, wiederholt Schwarzgeldgeschäfte vorgeworfen. Anschuldigungen, die sich später im Kern als wahr erwiesen. Sie zeigte ihn an, er habe sie geschlagen und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Er quittierte dies mit einer Gegenanzeige - wegen Geldschieberei. Gutachter bescheinigten ihm "paranoiden Wahn" und "eine ernstzunehmende psychische Erkrankung". Er wurde zwangsuntergebracht. Handelt es sich beim Fall Mollath um einen Einzelfall? Wie schnell landen Menschen zu Unrecht in der Psychiatrie?

Begrenzte Szene der Sachverständigen

Das geht offensichtlich schneller, als man denkt, wenn man der Psychiaterin Hanna Ziegert glaubt. Seit 30 Jahren arbeitet sie als Gutachterin. In der Sendung schürt sie die Urängste des Volkes: Psychiatrische Gutachter unterlägen keiner Qualitätskontrolle. Nur deshalb sei es möglich gewesen, dass Mollath aufgrund der Einschätzung eines Gutachters weggesperrt worden sei, der ihn nie gesehen, geschweige denn mit ihm gesprochen habe.

Die Szene der Sachverständigen in Deutschland sei begrenzt und vor allem quantitativ übersichtlich, moniert Ziegert und bestätigt damit, was Gerichtsgutachter Henning Saß und Richter Heinrich Gehrke bereits im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kritisierten: Die Anamnese und deren psychiatrische Bewertung kann ein Richter nicht leisten. Der Gutachter ist deshalb mehr als eine Hilfsperson: Er entscheidet letztlich über die Schuldfähigkeit einer Person und ihre Prognose - und damit über die Frage, ob sie in die Psychiatrie muss oder ins Gefängnis.

Jeder Gutachter habe einen Ruf, konstatiert Ziegert, nur wenige aber hätten sich mit ihrer Haltung, Einschätzung und Persönlichkeit etabliert. Die Folge: Die Richter greifen oft auf dieselben Sachverständigen zurück, die meisten von ihnen seien zudem auf die Aufträge angewiesen. Sie selbst würde sich nie von einem Gutachter explorieren lassen, sagt sie.

Gustl Mollath hingegen schließt das für sich inzwischen nicht mehr aus. In den kommenden Wochen will er sich ein eigenes Zuhause suchen, am liebsten in seiner Heimatstadt Nürnberg, bislang übernachtet er bei Unterstützern. Auch muss er klären, wie er in Zukunft seinen Lebensunterhalt verdienen will.

Für die Menschen, die ihm waschkörbeweise Solidaritätspost schickten, hat Mollath vor laufender Kamera noch ein Schlusswort: Er wisse, dass ohne Öffentlichkeit keine Bewegung in seinen Fall gekommen wäre. "Es gibt Menschen, die haben sich seit Jahren Tag und Nacht für mich engagiert", sagt er. Ihnen gelte sein ganzer Dank. Mehr scheint für ihn im Moment nicht zu zählen.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikel hieß es, die Szene der Sachverständigen in Deutschland sei begrenzt und vor allem qualitativ übersichtlich. Dies war ein Fehler, den wir zu entschuldigen bitten.



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