Prozess in Regensburg Mollath-Anwälte sollen als Pflichtverteidiger weitermachen

Turbulenter Tag vor dem Landgericht Regensburg: Die Mollath-Anwälte legen ihr Mandat nieder - weil der Mandant offenbar das Vertrauen in sie verloren hat. Nun sollen die Juristen als Pflichtverteidiger weiterarbeiten.

Anwalt Strate, Mandant Mollath (am 7. Juli): Überraschung im Wiederaufnahmeverfahren
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Anwalt Strate, Mandant Mollath (am 7. Juli): Überraschung im Wiederaufnahmeverfahren

Von , Regensburg


Am elften Verhandlungstag im Wiederaufnahmeverfahren gegen Gustl Mollath vor dem Regensburger Landgericht kommt es nach der Mittagspause zum Eklat: "Die Verteidiger nehmen Abschied", erklärt Gerhard Strate, 64. "Mein Mandat ist beendet."

"Herr Mollath hat uns bis zu 30 Beweisanträge vorgelegt, die hier nicht vorgetragen wurden", deshalb fehle dem Mandanten nun offensichtlich das Vertrauen in seine Verteidigung.

Zuvor hatte Mollath das Gericht heftig kritisiert: "Ich bin befremdet und entsetzt über die Auswahl der Zeugen. Ich selber habe weit über 30 Zeugen benannt, wodurch sich ein ganz anderes Bild ergeben würde." Man nehme ihm die Möglichkeit einer objektiven, wahrheitsgemäßen Darstellung. Dem war Strate entgegengetreten: "Ich habe selten ein Gericht gesehen, das so sorgfältig um die Aufklärung bemüht ist."

Nach der Erklärung seines Anwalts sagt Mollath, er sei "total überrascht". Strate habe ihm in der Mittagspause ins Ohr geflüstert, er wolle das Mandat niederlegen. "Ich bin jetzt am Boden zerstört." In seinen Beweisanträgen habe er nur geschrieben, "was man auch nachweisen kann". Er könne den Grund nicht verstehen. "Ich habe Vertrauen in meine Anwälte."

Oberstaatsanwalt Wolfhard Meindl beantragt daraufhin, Strate und seinen Kanzleikollegen Johannes Rauwald, 28, die beide bisher Wahlverteidiger waren, als Pflichtverteidiger beizubehalten, um das Verfahren zu sichern. Ein Zerwürfnis, das eine Verteidigung Mollaths unmöglich mache, sei nicht zu erkennen.

Diesem Antrag folgt das Gericht. Die Vorsitzende Richterin Elke Escher entscheidet: Strate muss als Pflichtverteidiger weitermachen. Der Anwalt versichert: "Wir werden ohne Abstriche an dem, was wir für richtig halten, die Verteidigung weiterführen."

Mollath will vollständige Rehabilitation

Mollath muss sich in Regensburg wegen des Vorwurfs der Körperverletzung an seiner Frau und Dutzender zerstochener Reifen verantworten (lesen Sie hier die Hintergründe zum Verfahren). Er selbst sieht sich als Opfer einer Verschwörung aus Finanzwelt, Justiz, Psychiatrie und Politik. Seine Ex-Frau habe ihn mit falschen Beschuldigungen mundtot machen wollen, um zu verhindern, dass er die "größte, wahnsinnigste Schwarzgeldverschiebung von Deutschland in die Schweiz" in Milliardenhöhe aufdecke.

Mollath hatte im Vorfeld des Verfahrens immer wieder öffentlich erklärt, er kämpfe für seine vollständige Rehabilitation. Einen Freispruch erster Klasse, wegen erwiesener Unschuld. Der aber scheint nach derzeitigem Stand des Verfahrens nicht in Sicht. Vor Pressevertretern hatte Strate in der vergangen Woche gesagt, Mollath sei in dem Verfahren "auf der Siegerstraße", aber irgendetwas werde immer hängenbleiben, "wenn auch nichts strafrechtlich Relevantes". Das scheint seinem Mandanten nicht zu genügen.

Zu Beginn des Verfahrens hatte Mollath seinem Verteidiger bei Zeugenauftritten immer wieder kleine Zettel hingeschoben. Strate las - und stellte den Zeugen daraufhin Fragen, die auf die weitverzweigte Verschwörung gegen Mollath zielten. Meist ging es dabei um Verbindungen zu Mollaths Ex-Frau, zu Martin M., ihrem neuen Ehemann, zum Besitz möglicher Gelder in der Schweiz - bislang von allen Zeugen verneint - oder zum 1. FC Nürnberg. Die Handballsparte des Vereins nimmt in Mollaths Darstellungen der "wahnsinnigsten, größten Schwarzgeldverschiebung in die Schweiz" in Milliardenhöhe eine zentrale Stellung ein.

In letzter Zeit hatte Strate derartige Fragen seltener gestellt. Oder er hatte sie mit der Versicherung eingeleitet, er selbst hänge "selbstverständlich" keinerlei Verschwörungstheorie an. Zusammen mit den nicht vorgelegten Beweisanträgen war das dann vielleicht ein wenig zu viel der Distanzierung für seinen Mandanten gewesen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
volker_morales 23.07.2014
1. Eine gewisse verzerrte Wahrnehmung
scheint Mollath tatsächlich zu haben. Insofern ist er auch das ideale Opfer einer Justizintrige, da seine Aussagen mitunter bizarr und daher unglaubwürdig wirken. Hoffentlich hat das Gericht die notwendige Objektivität, das Eine vom Anderen zu unterscheiden.
sparrenburger 23.07.2014
2. So langsam wird ersichtlich
das der Hr. Mollath ein schwieriger Charakter ist und psychisch wohl doch nicht so topgesund ist. Er scheint garnicht zu verstehen, das selbst wenn die Anschuldigungen gegen Frau M. stimmen, er sich für Verfehlungen seinerseits zu verantworten hat. Und das unabhängig von allen Anschuldigungen bzgl. der Steuerbetrügereien. Im Grunde wiederholt er z.Zt. sein Verhalten aus den Verhandlungen vor seiner Zwangseinweisung So abwegig scheint diese Unterbringung wohl nicht gewesen zu sein. Die Gegenseite wird sich das mit Genuss anschauen.
tw1974 23.07.2014
3. Langsam wird es interessant...
Interessant. Strate, der jede Gelegenheit nutzt, um sich zu profilieren, legt das Mandat nieder. Es wird immer wahrscheinlicher, dass das Wiederaufnahmeverfahren das ursprüngliche Urteil bestätigt. Der so häufig beschworene "Justizskandal" könnte (hier lege ich Wert auf den Konjunktiv) sich in Luft auflösen. Ich bin wirklich sehr gespannt, wie der Prozess weitergeht und wie das Gericht entscheidet.
tw1974 23.07.2014
4. Gegenseite?
Zitat von sparrenburgerdas der Hr. Mollath ein schwieriger Charakter ist und psychisch wohl doch nicht so topgesund ist. Er scheint garnicht zu verstehen, das selbst wenn die Anschuldigungen gegen Frau M. stimmen, er sich für Verfehlungen seinerseits zu verantworten hat. Und das unabhängig von allen Anschuldigungen bzgl. der Steuerbetrügereien. Im Grunde wiederholt er z.Zt. sein Verhalten aus den Verhandlungen vor seiner Zwangseinweisung So abwegig scheint diese Unterbringung wohl nicht gewesen zu sein. Die Gegenseite wird sich das mit Genuss anschauen.
Das haben wohl auch seine Unterstützer nicht ernsthaft bezweifelt. Fraglich ist aber, ob seine Unterbringung im Maßregelvollzug gerechtfertigt war. So ist es wohl. Nein, abwegig war sie - bei aller Vorsicht - wohl nicht. Trotzdem stellt sich die FRage, ob sie gerechtfertigt war. Das wird im Wiederaufnahmeverfahren hoffentlich geklärt werden können. Naja, ich glaube nicht, dass sich das jemand mit Genuss anschaut. Ich bin mir nicht mal sicher, ob es wirklich so etwas wie eine "GEgenseite" gibt. Davon scheint nur Herr Mollath auszugehen. Die Personen, die im Laufe dieser Geschichte in der Öffentlichkeit kritisiert (um es vorsichtig zu sagen) wurden (Richter, Staatsanwälte, Gutachter etc. des ersten Verfahrens), werden eher Mitleid mit Herrn Mollath haben. Weitere Personen, die Herr Mollath für sein Unglück verantwortlich macht (Ex-Frau, deren Arbeitgeber, etc.) werden eher erleichtert sein, denke ich. Ich bin wirklich gespannt, wie das Verfahren weitergeht. Falls das URteil bestätigt wird, bin ich auch gespannt, ob die "Unterstützer" und Journalisten (allen voran Heribert Prantl von der SZ) den Schneid haben, einen Irrtum zu bekennen oder dann nur von einem noch größeren "Justizskandal" phantasieren.
ariovist1966 23.07.2014
5. Cooler Trick,
m. E. haben sich die Verteidiger und Mollath abgesprochen und diesen kleinen Eklat vorgegaukelt. Kommt gut vor Gericht: Verteidiger haben es schwer mit querulatorischem/sperrigen Mollath und helfen ihm dennoch. - Gerade den erfahrenen Verteidigern war es doch klar, dass diese sich nicht so einfach aus dem laufenden Verfahren stehlen konnten.
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