Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Prozess in Regensburg: Mollaths Wut

Von Beate Lakotta, Regensburg

Gustl Mollath: "Es wären Zeugen vorhanden" Zur Großansicht
REUTERS

Gustl Mollath: "Es wären Zeugen vorhanden"

Der Psychiater Norbert Nedopil sieht keinen Anhaltspunkt dafür, dass Gustl Mollath heute gefährlich sei. Ob er zum Zeitpunkt der ihm vorgeworfenen Taten wahnkrank war, kann der Gutachter nicht bestätigen - aber auch nicht ausschließen.

Schon vor Beginn des Prozesses hatte Gustl Mollath alles versucht, um Gutachter Norbert Nedopil loszuwerden - erfolglos. Ein Untersuchungsgespräch mit dem weißhaarigen Psychiatrieprofessor aus München hatte er nicht führen wollen. Sein Verteidiger Gerhard Strate argumentierte am ersten Prozesstag vor dem Regensburger Landgericht, das Verfahren gerate in Anwesenheit Nedopils für Mollath zur "psychiatrischen Totalbeobachtung".

Mollath selbst appellierte vergeblich an das "sehr geehrte Gericht", seine Erfahrung mit Psychiatern sei vergleichbar mit Kriegstraumata, er könne sich nicht verteidigen, "wenn der Herr Nedopil wie ein Damoklesschwert über mir hängt". In seiner Anwesenheit werde er die Aussage verweigern, ja, ganz schweigen.

Nedopil blieb. Mollath hielt das Schweigen nicht lange durch.

Am 13. Verhandlungstag trug Gutachter Nedopil, 65, im kurzärmligen weißen Hemd nun die Schlüsse vor, die er aus der Beobachtung Mollaths bei der Hauptverhandlung und der Lektüre von über 6000 Seiten Akten zieht. Auf wesentliche Beobachtungen aus der Zeit, in der Mollath gegen seinen Willen in der Psychiatrie untergebracht war, um ein erstes Gutachten über ihn zu erstellen, durfte er für seinen Bericht gar nicht zugreifen; das Gericht hatte ohne nähere Begründung so entschieden. Mollath hörte zu, mit angespanntem, hochroten Gesicht und wie immer im dunklen Anzug.

"Dafür darf man nicht den Psychiater prügeln"

Gustl Mollath, 57, muss sich im Wiederaufnahmeverfahren vor dem Regensburger Landgericht wegen gefährlicher Körperverletzung an seiner Frau und dem Zerstechen Dutzender Reifen verantworten. Das Landgericht Nürnberg war im Jahr 2006 zur Überzeugung gelangt, er habe die Taten begangen. Weil er wahnkrank und schuldunfähig gewesen sei, wies ihn das Gericht in die forensische Psychiatrie ein (lesen Sie hier die Hintergründe des Wiederaufnahmeverfahrens in Regensburg).

Dass er dorthin zurück muss, ist nicht zu erwarten: Nedopil sieht keinen Anhaltspunkt dafür, dass Mollath heute gefährlich sei.

Die Wahn-Diagnose, sagte Nedopil am Freitag, könne er anders als seine Vorgänger nicht bestätigen, aber auch nicht ausschließen; er halte sie aber für "nachvollziehbar". Mollaths Taten, sollte er sie begangen haben, führt er nicht direkt auf die Krankheit zurück. Insbesondere das Aufstechen von Reifen nach der Jahreswende 2004/2005 schätzt er eher als "normalpsychologische Reaktion" ein. "Immerhin hatte Herr Mollath eine Wut." Aber ohne Exploration lasse sich dies nicht genauer feststellen.

Als er seine Frau in den Jahren 2001/2002 geschlagen, gebissen und gewürgt haben soll, habe er sich in einer "massiven Krise" befunden. Ob er dabei auch aufgrund des Wahns vermindert steuerungsfähig gewesen sein könnte? Auch das kann der Psychiater nicht mit Sicherheit ausschließen.

Wie auch: Mollath habe ihm keine Gelegenheit gegeben, im Gespräch Zweifel auszuräumen und seine Krankheitshypothese zu überprüfen. "Dafür darf man nicht den Psychiater prügeln."

"Er hat sich damals in Überzeugungen verrannt"

Zu einer möglichen Diagnose lieferte der Gutachter Denkmöglichkeiten und Anknüpfungspunkte: Nedopil referierte Erkenntnisse über Mollaths Werdegang. Sie stammen aus dessen 106-seitiger Verteidigungsschrift, die er bei Gericht vorlegte. "Da beschreibt er, wie er von John F. Kennedy und Martin Luther King geprägt wurde und vom Vietnamkrieg." (Lesen Sie hier Auszüge aus Mollaths Verteidigungsschrift)

Dann folgten: die große Liebe, Heirat, Jahre voller ruinöser Rechtsstreitigkeiten und geschäftlicher Misserfolge, schließlich der eskalierende Ehestreit. Aus Mollaths Sicht rührte er aus den Geschäften seiner Frau, von denen er sie abbringen wollte.

Was spricht nun für das Vorhandensein eines Wahns? Laut Nedopil einiges: die heruntergelassenen Rollos, hinter denen sich Mollath auch tagsüber verschanzt haben soll; das Verstecken vor der Polizei in einem Zwischenboden; das Nachspionieren bei Menschen aus dem Umfeld seiner Frau, seine Schriftsätze aus den Jahren 2004-2005. "Er hat sich damals in Überzeugungen verrannt, die mit der Realität nicht in Übereinstimmung zu bringen waren."

Seinen Vorgängern, meinte Nedopil, sei keine Fehldiagnose vorzuwerfen, wenn ihnen Informationen nicht vorlagen - wie der Revisionsbericht der Bank. Selbst wenn nach heutigem Wissen einzelne Aspekte des Wahngebäudes eine reale Grundlage hatten, bleibe aus seiner Sicht eine Wahndiagnose nachvollziehbar. Einen pathologischen Persönlichkeitsbefund hätten alle gerichtlich bestellten Psychiater gezeichnet. Danach habe Mollath sich als "besonders rechtschaffen" gesehen und "Gerechtigkeit, oder was er selbst darunter verstand, kompromisslos und mit Rigidität verfolgt". Ein Psychiater hatte ihm eine paranoide Persönlichkeitsstörung mit fanatischen und querulatorischen Zügen attestiert, für Nedopil ebenfalls nicht unplausibel.

"Nur vorübergehend kompromissbereit"

Er hat Mollath dabei beobachtet, wie er Zeugen befragte. "Dabei offenbarte sich ein Charakterzug, den man positiv als geradlinig, beharrlich, unbeugsam bezeichnen kann, negativ als stur, starrsinnig und engstirnig, bisweilen detailverliebt und unerbittlich." Er neige zur Rechthaberei und Selbstüberschätzung, etwa indem er behauptete, die "größte Friedensdemonstration Europas" ins Leben gerufen zu haben.

Auch der Konflikt, der dazu führte, dass Mollaths Wahlverteidiger in diesem Verfahren ihr Mandat niederlegten, zeige, dass dieser "nur vorübergehend kompromissbereit" sei. Selbstüberschätzung sei auch im Zusammenhang mit seinen Enthüllungen im Spiel: "Herr Mollath sprach von Schwarzgeldverschiebungen in Milliardenhöhe, von denen auch Politiker Kenntnis hätten. Dabei ging es um 16 Millionen, das sind doch Peanuts."

Laut Bankbericht handelte es sich dabei um Kundendepots, die von Mollaths Ex-Frau Petra M. und anderen Mitarbeitern der Bank an eine Partnerbank in die Schweiz und von dort zum Teil gegen Provision an die Konkurrenz transferiert wurden. Schwarzgeld stellte die Bank nicht fest.

Für eine mögliche Wahn-Diagnose sei etwas anderes zentral: Menschen könnten in Extremsituationen krankhaft misstrauisch sein und Zusammenhänge finden, wo möglicherweise keine bestehen, erklärt Nedopil. Aber normalerweise könnten sie irgendwann von solchen falschen Überzeugungen wieder abkehren. Ein Wahnkranker hingegen lebe dauerhaft in seiner Privatrealität. Es sei nicht "realitätskonform" zu behaupten, "dass ein Arzt zu Schwarzgeldschieberkreisen gehört, nur weil er der Nachbar eines Mitarbeiters einer Bank ist, bei der möglicherweise Schwarzgeld verschoben wird". Da lachte Mollath verächtlich. Genau das hatte er nämlich behauptet, unter anderem in einem Brief an einen Richter, in dem er das Komplott beschreibt, das angeblich seine Vernichtung plante (lesen Sie den Brief hier).

Als der Arzt allerdings in der vergangenen Woche vor Gericht sagte, er habe kein Schwarzgeld und kein Geld in der Schweiz, habe Mollath sich mit der Antwort zufriedengegeben, hat Nedopil registriert. "Das passt eher nicht zum Wahn."

Der Gutachter fuhr fort, es sei für eine Diagnose nicht entscheidend, dass Mollath Geldverschiebungen seiner Frau in die Schweiz behauptete, "sondern dass diese Machenschaften nahezu alle Ereignisse, die Herrn Mollath widerfuhren, erklären konnten". Wenn jemand nicht mehr in der Lage sei, sein geschlossenes Wahnsystem zu verlassen, spreche dies für eine Wahn-Diagnose. Eine Hypothese, mehr nicht. "Ob dies bei Herrn Mollath tatsächlich so ist, konnte ich nicht überprüfen", dafür hätte er ja mit ihm reden müssen.

Nach der Pause war Mollath dran mit fragen. Er warf Nedopil Aussagen vor, die dieser in Interviews gemacht hatte. Ob der Psychiater verstehen könne, dass er sich von ihm nicht explorieren lassen wollte? "Ich würde mich auch nicht blindlings anvertrauen", antwortete Nedopil. "Aber wenn man wegen einer Fehldiagnose untergebracht war, dann gibt es keinen anderen Menschen als einen Fachmann, der das ausräumen kann. Deswegen wären Sie aus meiner Sicht gut beraten gewesen, wenn Sie sich der Untersuchung gestellt hätten."

"Ich gebe da auf"

Mollath fragte Nedopil, ob er von einer Anhörung von der Vollstreckungskammer wisse, vor einem Richter in Karohemd? Er sprang zu seiner Scheidungsverhandlung, bei der seine damalige Anwältin das Mandat niedergelegt hatte. Er selbst sei dort nicht erschienen, weil die Polizei ihn verfolgte, wegen seiner Schwarzgeldbeweise. Er habe befürchten müssen, "dort sofort verhaftet zu werden".

"Herr Mollath, es ist jetzt gut", sagte die Vorsitzende Richterin Elke Escher.

Mollath sprach weiter: Es treffe ihn, dass Nedopil den "kleinen Eklat" mit seinen Verteidigern für sein Gutachten benutzt habe. Der sei so entstanden: In seiner Not habe er noch Zeugen nennen wollen für die Begutachtung, die beschreiben könnten, wie er als Kind war. "Wäre das für Sie nicht wünschenswert gewesen?"

"Ich habe sehr deutlich gesagt, was wünschenswert gewesen wäre", antwortet Nedopil.

"Ich habe auch Zeugen benannt, die etwas zu meiner Unterbringungssituation sagen könnten", sagte Mollath. "Zeugen, die beweisen könnten, dass die Dimensionen der Schwarzgeldverschiebungen noch ganz andere waren als im Revisionsbericht der Bank. Zeugen, die belegen können, dass es kein Wahn war, von größter Schwarzgeldverschiebung zu sprechen, sondern dass diese in ganz Deutschland stattgefunden hätten..."

"Das geht zu weit", sagte die Richterin. "Welche Zeugen geladen sind entscheidet das Gericht."

"Ich gebe da auf", sagte Mollath wütend. "Herr Nedopil hat falsche Eindrücke gewonnen, und ich kann sie nicht ausräumen, obwohl ich es könnte. Es wären Zeugen vorhanden."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: