Festnahme im Mordfall Etan Patz Ein Geständnis, kein Frieden

Es ist einer der berüchtigsten Kriminalfälle von New York: Vor 33 Jahren verschwand der sechsjährige Etan Patz. Jetzt gestand ein 51-Jähriger, den Jungen ermordet zu haben. Der Staatsanwaltschaft reicht das für eine Anklage - trotzdem bleiben viele Fragen offen.

Von , New York


Das Holzhäuschen mit der kleinen Veranda steht in einer Seitenstraße in Maple Shade, einem Vorort östlich von Philadelphia. Vorne wohnt der Rentner Dan Wollick, 71, nach hinten hinaus die Familie H.: Pedro, seine Ehefrau Rosemary und ihre Tochter Becky, eine College-Studentin. Hinter dem Haus liegen ein Kinderspielplatz und ein Football-Feld.

Am Donnerstag war das Holzhäuschen in der East Linwood Avenue von Reportern belagert. Dan Wollick gab ein TV-Interview nach dem anderen. "Sie waren gute Leute", sagte er, wieder und wieder. "Er war ein guter Nachbar." Damit meinte er Pedro H., der am Vortag von Polizisten abgeholt worden war. Seine Frau und Tochter folgten ihm am Donnerstag, bei trübem, regnerischem Wetter, bestürmt von der Pressemeute. Sie sprachen kein Wort.

Mit diesen Bildern begann das womöglich letzte Kapitel eines Dramas, das das knapp zwei Autostunden nordöstlich gelegene New York City seit Jahrzehnten bewegt - das Rätsel um den kleinen Etan Patz, der 1979 spurlos verschwand und nie wieder gesehen wurde.

Fotostrecke

7  Bilder
Tragischer Kriminalfall: Jahrzehntelange Suche nach Etan Patz
Am Donnerstag wurde Pedro H., 51, wegen des Mordes an dem damals sechsjährigen Etan verhaftet, an diesem Freitag soll er förmlich angeklagt werden - auf den Tag genau am 33. Jahrestag nach der Schreckenstat. "Wir glauben, dass dies das Individuum ist, das für das Verbrechen verantwortlich ist", bestätigte New Yorks Polizeichef Ray Kelly am Abend grimmig.

"Tragödie, die Millionen Menschen das Herz brach"

Der Verdächtige habe gestanden, sagte Kelly und beendete so Stunden der Spekulationen um einen der berüchtigsten Kriminalfälle der Metropole: "Er war reumütig, und ich glaube, die Ermittler hatten das Gefühl, dass es seinerseits ein Gefühl der Erleichterung gab."

Und so schließt sich der Kreis dieser "Tragödie, die Millionen Menschen das Herz brach", wie es Bürgermeister Michael Bloomberg sagte. "National Missing Children's Day" heißt der 25. Mai seit 1983 im Namen Etans und aller vermissten Kinder, auf Anordnung des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan. Es ist ein ewiges Datum des Horrors nicht nur für Etans Eltern, die bis heute in derselben Wohnung in Soho leben - für den Fall, dass ihr Sohn, der inzwischen 39 Jahre alt wäre, vielleicht doch noch zurückkehren sollte.

Nun kehrt er also wirklich nie mehr zurück. 2001 wurde Etan offiziell für tot erklärt, die Ungewissheit konnte das kaum beenden. Jetzt gibt es offenbar Gewissheit, zumindest mehr Gewissheit denn je, auch wenn Etans Leiche wohl nie mehr auftauchen wird. Der Fall scheint ein Ende zu finden, doch ohne Frieden.

Einen Monat ist es her, dass dieser alte "cold case" die New Yorker aufs Neue aufgewühlt hatte. Da durchstöberten Kriminologen des FBI und des New York Police Departments (NYPD) tagelang einen Keller in der Prince Street, ganz in der Nähe des Lofts, wo die Patz' wohnen. Doch die neue Spur, die man vermutete, war keine, und es wurde wieder still um den Fall.

Es reichte aber, um Etans Schicksal erneut ins Bewusstsein der Stadt zu katapultieren. Es war das erste Mal gewesen, dass ihn seine Eltern Stan und Julie Patz alleine zum Schulbus gehen ließen. Die Haltestelle lag nur zwei Querstraßen vom Loft der Patz' in Soho entfernt, an der Ecke von Prince Street und West Broadway.

Trotz Geständnis bleiben Zweifel

An dieser Ecke, im Haus mit der Adresse 448 West Broadway, befand sich eine Bodega - einer jener kleinen Lebensmittelläden, wie es sie in New York zu Tausenden gibt. Pedro H., seinerzeit 19, arbeitete dort als Regalauffüller. H. will Etan laut Kelly am besagten Freitagmorgen "mit dem Versprechen einer Limonade" in den Keller der Bodega gelockt haben. Dort habe er ihn erwürgt und in einen Plastiksack gestopft. Den Sack habe er wenige Blocks entfernt auf den Müll geworfen. Als er zwei Tage später an die Stelle zurückgekehrt sei, sei der Sack nicht mehr da gewesen. Zum Tatmotiv habe sich H. nicht ausgelassen.

"Wir haben ein Geständnis", sagte Kelly ohne jeden Triumph in der Stimme. "Ein schriftliches Geständnis, ein unterzeichnetes Geständnis."

Was die Polizei freilich nicht hat, sind physische Beweise - geschweige denn die Leiche Etans. Grausige Vermutung: Sie landete irgendwo auf einer Müllkippe. Ob es heute noch Hoffnung gebe, sie aufzuspüren? "Das ist unwahrscheinlich", sagte Kelly, der gerade erst aus London eingeflogen war, wo er an einer Tagung zur Sicherheit der Olympischen Spiele teilgenommen hatte. "Sehr unwahrscheinlich."

Weshalb Zweifel bleiben - und viele offene Fragen. Ganz Soho war 1979 von Hunderten Cops durchkämmt worden. Weshalb fand sich die Leiche nicht? Auch war Pedro H. - der kurz darauf nach New Jersey zog - schon damals aufgefallen. 1981 habe er sowohl Angehörigen wie einem "geistlichen Berater" gebeichtet, einen Jungen umgebracht zu haben, sagte Kelly. Er sei dazu aber nie verhört worden. Seine Angehörigen wandten sich offenbar nach der Kellerdurchsuchung im April erneut an die Polizei: H. habe "etwas Schlimmes getan und ein Kind in New York getötet", zitierte Kelly sie.

Während Etans Eltern zu nationalen Symbolen von Trauer und Trotz wurden, lebten die H.s ein unbescholtenes Leben in New Jersey. Nach Angaben von Nachbarn arbeiteten sie mit Computern und waren als Pfingstkirchler aktiv. "Er mähte sein Gras, ich mähte meins", sagte Dan Wollick der "New York Daily News". "Pedro schien ein netter Kerl. Aber man weiß ja nie."

Am Mittwochmorgen klopften die Beamten an die Haustür von 116 East Linwood Avenue. H. kam ohne Widerstand mit. Beim Verhör - erst auf der Polizeiwache in Camden, New Jersey, und danach in New York - sei er "sehr emotional" gewesen, hieß es in Ermittlungskreisen. Das zentrale, dreieinhalbstündige Verhör wurde nach Kellys Worten per Video aufgezeichnet.

"Ich möchte Sie aber warnen, dass es noch viel aufzuklären gibt", sagte Bürgermeister Mike Bloomberg. Er erinnerte an das Leid der Eltern Etans. "Als ein Vater kann ich mir nicht vorstellen, was sie durchgemacht haben. Ich hoffe sicher, dass wir einen Schritt weiter sind, um ihnen ein Maß an Linderung zu bringen."



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sukowsky, 25.05.2012
1. Es bricht einen das Herz
Es bricht einen das Herz wie erbarmungslos unsere Menschenwelt sein kann und sind wahre Monster sind unter uns. ...........Im Psalm 91 klingt das an.
sukowsky, 25.05.2012
2. Es bricht einen das Herz
wahre Monster leben unter uns!
fleischwurstfachvorleger 25.05.2012
3. verstehe ich nicht!
Zitat von sysopREUTERS/NYPDEs ist einer der berüchtigsten Kriminalfälle von New York: Vor 33 Jahren verschwand der sechsjährige Etan Patz. Jetzt gestand ein 51-Jähriger, den Jungen ermordet zu haben. Der Staatsanwaltschaft reicht das für eine Anklage - trotzdem bleiben viele Fragen offen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,835153,00.html
Er war doch aktives Mitglied der Pfingstkirche.
MarkInTosh 25.05.2012
4.
Zitat von sukowskyEs bricht einen das Herz wie erbarmungslos unsere Menschenwelt sein kann und sind wahre Monster sind unter uns. ...........Im Psalm 91 klingt das an.
Bitte keine solche christliche Heuchelei. "Denn ER errettet dich vom Strick des Jägers und von verderbender Pest."... Tja, da hatte ER wohl keine Lust, den kleinen Etan zu retten... ..."Denn ER hat Seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen." Diese Engel waren, als Etan ermordet wurde, wohl gerade in den Pfingstferien...
tell_the_truth 25.05.2012
5. Gotteslästerung?
@MarkInTosh: Vielleicht solltest Du dir mal darüber klar werden, dass da nicht Gott oder seine Engel die Schuld haben, sondern dass Gott den Menschen einenfreien Willen gegeben hat, - so auch Pedro H. - zu entscheiden, ob sie Gutes oder Böses tun möchten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.