Mord an Informatiker Ermittler verhaften Verdächtige im Fall Ulf M.

Auf dem Weg von München nach Schleswig-Holstein wurde Ulf M. überfallen, ein Jäger fand seine Leiche später auf der Ladefläche seines Umzugswagens. Nun hat die Polizei die mutmaßlichen Täter gefasst.

Die mutmaßlichen Täter: Aufgezeichnet von einer Überwachungskamera in Wittenberg
Polizei

Die mutmaßlichen Täter: Aufgezeichnet von einer Überwachungskamera in Wittenberg

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Hamburg - Wie sie sein Vertrauen gewannen, ist noch unklar. Vielleicht aber hatte Ulf M. auch gar keine Chance. Fest steht für die Ermittler nur, dass vermutlich drei Männer den 39-jährigen Informatiker überfallen, ausgeraubt und getötet haben. Die Polizei in Brandenburg hat im Landkreis Oder-Spree vier Litauer festgenommen, von denen zwei Brüder, 18 und 20 Jahre alt, und ihr Komplize, 24, nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau am Tod von Ulf M. beteiligt gewesen sind. Gegen die drei erging Haftbefehl wegen Raubes mit Todesfolge.

Auf die Spur kam ihnen die Polizei, weil Anwohnern in Beeskow, einer 8000-Einwohner-Gemeinde, zwei Autos mit litauischem Kennzeichen aufgefallen waren. Deren Insassen, so sagten sie, verhielten sich merkwürdig. Sie alarmierten die Polizei, Beamte kontrollierten die vier Männer und stellten fest: Drei von ihnen wurden von der Staatsanwaltschaft Neuruppin wegen erpresserischen Menschenraubs mit Haftbefehl gesucht.

Demnach gingen sie sechs Wochen nach dem tödlichen Überfall auf Ulf M. ein zweites Mal ganz ähnlich vor: Auf einem Parkplatz an der A24 nahe dem Autobahndreieck Havelland in Richtung Hamburg überfielen die drei am 14. Februar gegen 10 Uhr einen 38-Jährigen, der zur Toilette gegangen war, fesselten ihn und zerrten ihn in einen Wagen. An einem abgelegenen Ort schlugen sie auf ihn ein und erpressten Bankkarten und die dazugehörigen Geheimnummern. An einer Straße nahe dem Fehrbelliner Ortsteil Protzen ließen sie ihn verletzt zurück. Der 38-Jährige konnte sich zu einem Haus schleppen, dessen Bewohner die Polizei riefen. Vom Konto des Mannes hoben sie 1000 Euro ab.

Der Mann identifizierte seine Entführer auf Bildern, die Überwachungskameras im Fall Ulf M. gemacht hatten. Ein anthropologisches Gutachten bestätigte die Identität der Männer. Bei der Festnahme fand die Polizei auch eine Winterjacke, die einer der mutmaßlichen Täter auf einem der sichergestellten Überwachungsvideos trägt.

Ulf M. hatte sich am 9. Januar auf den Weg von München, wo er wohnte, zu seinen Eltern nach Trittau in Schleswig-Holstein gemacht. Um 21.24 Uhr benachrichtigte er seine Mutter, er habe soeben getankt und verspäte sich, das Navigationsgerät kündige eine Ankunftszeit von 0.30 Uhr an. Er habe fröhlich und gelöst gewirkt, wird die Mutter später zu Protokoll geben, und: "Er war guten Mutes."

Täuschten sie eine Notsituation vor?

Die Rekonstruktion der Ermittler ergibt: Ulf M. fuhr an der Abfahrt Köselitz ab, tankte bei der fünf Kilometer entfernten Fläming Tank GmbH in Cobbelsdorf im Landkreis Wittenberg. Diese ist nachts nicht besetzt und schlecht beleuchtet, bezahlen kann man an einem Automaten.

Zum Zeitpunkt des Telefonats scheint Ulf M. allein gewesen zu sein. Wie aber traf er auf die Täter? Passten sie ihn an der Tankstelle ab, als er losfahren wollte? Lockten sie ihn mit einer vorgetäuschten Notsituation in die Falle?

Fest steht: Zwischen 23 Uhr an jenem Abend bis um 3.45 Uhr in der Früh hoben die mutmaßlichen Täter an verschiedenen Bankautomaten insgesamt 5000 Euro ab. Sie kauften Bier, Zigaretten und 150 Liter Diesel an einer Tankstelle, bei Lidl 75 Packungen Kaffee, bei Deichmann 15 Paar Sportschuhe und vier Paar Kinderschuhe. Die Einkäufe bezahlten sie mit Ulf M.s EC-Karten - per PIN.

Ein Jäger entdeckte am 15. Januar in einem Wald nahe der Bundesstraße 187 zwischen Roßlau und Coswig in Sachsen-Anhalt den weißen Transporter, mit dem Ulf M. unterwegs gewesen war. Polizisten fanden auf der Ladefläche Ulf M.s Leiche.

Ulf M. starb laut Staatsanwaltschaft durch stumpfe Gewalteinwirkung. Die Täter hatten auf den 39-Jährigen eingeschlagen, vermutlich um die Geheimzahlen seiner EC- und Kreditkarten zu erpressen. Er erlitt Verletzungen am ganzen Körper und erlag schließlich einer Fettembolie.

Noch ist nicht geklärt, ob die mutmaßlichen Täter Ulf M. töteten oder ihn im Wald sich selbst überließen. Die Ermittler schließen nicht aus, dass es noch weitere Mittäter gibt. Überzeugt sind sie indes, dass die Männer gezielt vorgingen und als Bande agierten. Erste Überprüfungen ergaben, dass die Männer auch einen Einbruch in Baucontainer in der Kiesgrube Hartmannsdorf verübt haben könnten. Dort wurden Baumaschinen und Werkzeuge im Wert von mehr als 10.000 Euro gestohlen.

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