Mord an Muslima in Dresden Ägypter werfen Deutschland Rassismus vor

Wut, Trauer und heftige Vorwürfe: Auf dem Begräbnis einer im Dresdner Landgericht erstochenen Schwangeren haben Tausende Ägypter Deutschland des Rassismus angeklagt. Die Frau war von einem offensichtlich fremdenfeindlichen Deutschrussen mit 18 Messerstichen getötet worden.


Alexandria - Tausende Trauernde haben am Montag in einer Moschee im ägyptischen Alexandria Abschied genommen von Marwa al-Sherbini. Die 32-Jährige war am 1. Juli vor dem Dresdner Landgericht von dem offenbar ausländerfeindlichen Angeklagten Alex W. mit 18 Messerstichen getötet worden. Der dreijährige Sohn der 32-Jährigen wurde Zeuge des Blutbads, ebenso der Ehemann, der noch versuchte, seine schwangere Frau zu schützen und dabei lebensgefährlich verletzt wurde.

Viele Trauernde skandierten deutschlandkritische Parolen und forderten den ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak auf, sich in der Sache hart zu zeigen. "Es gibt keinen Gott außer Gott und die Deutschen sind die Feinde Gottes", sangen die Menschen. Ägyptens Großmufti Mohammed Sajjid Tantawi rief die deutsche Justiz auf, Alex W. hart zu bestrafen.

Familienangehörige und Freunde der Ermordeten zeigten sich entsetzt über die Umstände von Sherbinis Tod: "Wir werden ihren Tod rächen", sagte der Bruder, Tarek al-Sherbini der Nachrichtenagentur AP. Er beklagte die Diskriminierung von Muslimen im Westen und den dort herrschenden Rassismus.

Der als liberal geltende islamische Rechtsgelehrte Muhammed Sajjid Tantawi nannte den Täter einen "Mörder", dessen Tat gegen jede Menschlichkeit, Anstand und Religion verstoße. Sherbini sei eine "Märtyrerin", so der höchste Geistliche Ägyptens, der gleichzeitig zur Mäßigung aufrief: Er hoffe, der Mord an Sherbini werde den Dialog zwischen dem Westen und dem Islam nicht beeinträchtigen, so Tantawi. "Er war ein Einzelfall."

Als "Märtyrerin mit Kopftuch" wird die Tote nun in ihrer Heimat verehrt. Die Mutter Laila Shams erklärte, ihre Tochter habe Schwierigkeiten gehabt, in Deutschland einen Job zu finden, weil sie die traditionelle Kopfbedeckung trug.

"Er war nicht blond, da haben sie auf ihn geschossen"

Sherbini hatte gegen ihren aus Russland stammenden Nachbarn Alex W. geklagt, nachdem er sie als "Terroristin" und "Islamistin" bezeichnet hatte. Der Deutschrusse war zunächst zu einer Geldstrafe von 780 Euro verurteilt worden. Bei der Berufungsverhandlung am 1. Juli wollte er nun einen Freispruch erreichen. Sherbini sollte an diesem Tag zu dem Sachverhalt aussagen.

Sherbini war im Jahr 2005 zusammen mit ihrem Mann, dem Genforscher Elwi Ali Okaz nach Bremen gekommen, wo 2006 der gemeinsame Sohn zur Welt kam. 2008 dann ging die Familie nach Dresden, wo Elwi Ali Okaz als Doktorand am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik forschte. Ende des Jahres wollte das Paar nach Ägypten zurückkehren.

Während der verhängnisvollen Verhandlung im Landgericht war Elwi Ali Okaz vom Täter lebensgefährlich verletzt und dann auch noch von Sicherheitsleuten ins Bein geschossen worden. "Die haben gedacht, dass er der Angreifer sein muss, weil er nicht blond ist und dann haben sie auf ihn geschossen", erklärte der Bruder Tarek wütend im ägyptischen Fernsehen.

Nach Einschätzung der Dresdner Staatsanwaltschaft war Ausländerhass das Motiv für die tödliche Messerattacke. Gegen den 28-jährigen Deutschrussen wird wegen Mordes ermittelt. Staatsanwalt Christian Avenarius vom Landgericht Dresden beschrieb den Täter als einen vom Hass gegen Muslime Getriebenen. Er sei ein fanatischer Ausländerfeind, der nach derzeitigem Sachstand als Einzeltäter gehandelt habe. W. sei 2003 aus Russland nach Deutschland gekommen und habe zu Prozessbeginn bereits seine Verachtung für alle Muslime zum Ausdruck gebracht, so der Staatsanwalt.

Deutsche Vertretung in Alexandria unter Polizeischutz

Für Donnerstag waren vor dem deutschen Konsulat in Alexandria Demonstrationen geplant. Ägyptische Zeitungen meldeten, die Ordnungskräfte seien in Alarmbereitschaft versetzt worden, die deutsche Vertretung werde von einem eigens aufgestellten Polizeiaufgebot geschützt. Der Gemeinderat von Alexandria plant unterdessen, eine Straße nach Sherbini zu benennen, berichtete die Zeitung "Daily News Egypt" am Dienstag.

Im Internet schlossen sich Tausende von Sherbinis Tod Erschütterte zu Face-Book-Gruppen zusammen. Die Gruppen wollen der Toten gedenken, aber auch ihren Kampf für Gerechtigkeit weiter führen, wie den Selbstbeschreibungen zu entnehmen ist. Auf YouTube wurden Videos gepostet, die Marwa-Anhänger aus Fotografien zusammengeschnitten haben. "Diese Frau hat für Ihr Recht gekämpft und wurde deshalb ermordet", lautet der Untertitel zu der mit Klavier-Musik untermalten Bildergalerie.

Ikonografisch ist bereits jetzt das Bild, auf dem die junge Frau mit schief gelegtem Kopf verschmitzt in die Kamera lächelt. Die Nutzer verschiedener Internet-Plattformen haben aus ihm Logos und Poster gebastelt, viele User haben ihr eigenes Bild gegen das von Marwa al-Sherbini ausgetauscht: digitale Trauerrituale, die in den vergangenen Wochen entstanden sind, ursprünglich im Bezug auf Iran. Nach dem auf Video festgehaltenen Tod der iranischen Demonstrantin Neda Agha-Soltan, vor drei Wochen in Teheran, bedienten sich Millionen Internet-Nutzer dieser Mittel, um Neda posthum zum Symbol der iranischen Revolte zu machen.

In Berlin hatte es am Samstag heftige Proteste gegeben. Hier demonstrierten Hunderte von Arabern und Muslimen gegen den Mord aus rassistischen Motiven. Der ägyptische Pharmaverband rief gar zu einem Boykott von deutschen Arzneimitteln auf - die Getötete war selbst Pharmazeutin und von 1992 bis 1999 erfolgreiche Handballnationalspielerin.

"Aufmerksamkeit für den Mord an einer unschuldigen Mutter"

Knapp eine Woche nach der tödlichen Messerattacke besuchten die Generalsekretäre der Zentralräte von Muslimen und Juden, Aiman Mazyek und Stephan Kramer, am Montag den schwerverletzten Ehemann in der Klinik. Das Treffen sei als Symbol der Anteilnahme zu verstehen, sagte Kramer. "Man muss kein Moslem sein, um sich gegen anti-muslimisches Verhalten zu wenden, und man muss kein Jude sein, um gegen Antisemitismus vorzugehen", sagte Kramer nach dem Treffen mit Mazyek und dem sächsischen Justizminister Geert Mackenroth. "Wir müssen gemeinsam zusammenstehen gegen eine solche Menschenfeindlichkeit."

Mackenroth (CDU) hatte kurz nach der Bluttat im Landgericht vor übereilten Reaktionen gewarnt. Auch die Bundesregierung gab sich zunächst bedeckt: "In diesem konkreten Fall haben wir uns mit einer Stellungnahme zurückgehalten, weil die Umstände nicht hinreichend klar gewesen sind, um eine so weitreichende politische Erklärung abzugeben", sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg.

Bundeskanzlerin Angela Merkel habe "natürlich sehr emotional" auf den Vorfall reagiert. "Sollte in diesem Fall ein fremdenfeindlicher, ein rassistischer Hintergrund gegeben sein", sei es keine Frage, dass die Bundesregierung dies "natürlich aufs Schärfste verurteilt" sowie Empörung und Abscheu äußere, meinte der Sprecher.

Nach dem Vorfall in Dresden werde das Sicherheitskonzept umfassend auf den Prüfstand gestellt, erklärte Justizsprecher Matthias Lau. Hierbei seien die Interessen aller Betroffenen - auch die von Rechtsanwälten und Justizmitarbeitern - zu berücksichtigen. Das Justizministerium werde "ergebnisoffen" und schnell, aber besonnen prüfen.

Sicherheitstechnik wie Metalldetektoren und Einlassschleusen kämen allerdings bislang nur bei Prozessen zum Einsatz, bei denen eine hohe Gefährdung der Angeklagten oder der Zeugen angenommen wird.

Abdel Azeem Hamad, Chefredakteur der Tageszeitung "Al-Schorouk", erklärte, wenn das Opfer Jüdin gewesen sei, hätte es einen Aufschrei gegeben. "Was wir verlangen, ist lediglich ein bisschen Aufmerksamkeit für den Mord an einer jungen, unschuldigen Mutter durch die Hand eines fanatischen Extremisten", schrieb er in einer Kolumne.

ala/puz/AP/dpa



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