Mordkomplott gegen Pferdewirtin Tödliche Liebe

Fünf Menschen sind wegen des Mordes an einer jungen Berliner Pferdewirtin angeklagt. Tanja L. sagt als einzige der Beschuldigten aus - und belastet die anderen schwer. Sie selbst will nach einem missglückten Vergiftungsversuch ihre Rolle in dem Komplott weitergespielt haben. Bis zum tödlichen Ende.

Angeklagte Tanja L. (Archivfoto): "Ich wollte nicht, dass er sauer wird"
dapd

Angeklagte Tanja L. (Archivfoto): "Ich wollte nicht, dass er sauer wird"

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Sie sitzt auf der Anklagebank und würdigt ihn kaum eines Blickes. Ihn, der sie angestiftet haben soll. Ihn, der hinter dem Mordkomplott stecken soll. Ihn, der ihr Geliebter war und sie in Wahrheit, so sieht es Tanja L. heute, doch nur benutzte. Nun sitzt er ihr hinter kugelsicherem Glas gegenüber.

L., eine 27-jährige Fleischereifachverkäuferin, und ihr Ex-Freund Robin H. müssen sich wegen des Mordes an der Pferdewirtin Christin R. vor dem Landgericht Berlin verantworten. Die 21-Jährige wurde im vergangenen Sommer auf dem Parkplatz eines Freibades umgebracht. Tanja L. und Robin H. waren laut Staatsanwaltschaft vor Ort, als der Mord geschah.

Drei weitere Personen sind angeklagt: Die Mutter von Robin H. - sie soll gemeinsam mit ihrem Sohn den Mordplan ausgeheckt haben. Der Bruder von Tanja L. - er stellte laut Staatsanwaltschaft den Kontakt zu einem Auftragskiller her. Und der 22-Jährige, der die Tat schließlich ausgeführt haben soll.

Es ist eine unglaubliche Geschichte, die sich der Anklageschrift zufolge folgendermaßen zugetragen hat: Robin H. und seine Mutter wollten einen Reiterhof betreiben, steckten aber in finanziellen Nöten. Sie sollen daher beschlossen haben, Christin R. zu ermorden. Auf diese Weise wollten sie 2,5 Millionen Euro aus acht Lebensversicherungen kassieren, die sie mit teilweise gefälschten Unterschriften auf die junge Frau abgeschlossen hatten. Christin R. war Robins Freundin und arbeitete auf dem Hof seiner Mutter.

Ein erster Anschlag auf Christin R. scheiterte: Mutter H. rammte der jungen Frau ein Messer in den Rücken. Christin R. überlebte und zog vom Pferdehof in Brandenburg zurück zu ihren Eltern nach Berlin. Cornelia H. berief sich auf einen Blackout und kam davon.

"Ich funktionierte wie ein Roboter"

Vor Gericht verweigern nun alle Angeklagten die Aussage - bis auf Tanja L. Sie will an diesem zweiten Verhandlungstag auspacken. Wenn es stimmt, was sie mit leiser und brüchiger Stimme erzählt, dann war sie zwar nicht die treibende Kraft in dem mörderischen Treiben, das nach dem ersten Fehlschlag begann. Aber doch so blind vor Liebe, dass sie eine entscheidende Rolle darin spielte. "Ich funktionierte wie ein Roboter", sagt die 27-Jährige.

Tanja L. lebte in Nordrhein-Westfalen und liebte Pferde. Auch Robin H. arbeitete hin und wieder in NRW. L. sagt aus, sie habe ihn in einem Stall kennengelernt. Die beiden begannen eine Beziehung. Von seiner Freundin Christin habe Robin nichts erzählt, berichtet Tanja L. Aber von einer "Blondie" sei die Rede gewesen, einem aufdringlichen Mädchen auf dem Hof seiner Mutter in Brandenburg.

Anfang Juni 2012 habe Robin sie um einen Gefallen gebeten, so Tanja L. Sie solle sich unter einem Vorwand mit "Blondie" treffen und ihr dabei eine Flüssigkeit ins Sektglas träufeln. Die 27-Jährige tat, wie ihr befohlen. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um Kaliumchlorid, das Robin H. in einer Apotheke besorgt haben soll. Auf diese Weise verabreicht, wirkt es jedoch nicht tödlich - auch der zweite Mordversuch an Christin R. war gescheitert.

Doch Robin H., so jedenfalls die Aussage von Tanja L., wollte nicht aufgeben. Er brauche dringend das Geld aus der Lebensversicherung des Mädchens, soll er gesagt haben.

Er fragte demnach Tanja L., ob nicht ihr Bruder, ein früherer Häftling, jemanden kenne, der Christin R. umbringen könne. Und der Bruder kannte jemanden: Für 1000 Euro - 500 für ihn, 500 für den Killer - soll er den 22-jährigen Steven M. vermittelt haben. Wieder beraumte Tanja L. unter einem Vorwand ein Treffen mit Christin R. an. Es ging um ein angebliches Kaufinteresse an einem Pferd, Tanja L. wollte sich vorgeblich für die Beratung bedanken. Sie sammelte M. nach eigener Aussage am Bahnhof in Dortmund ein und fuhr mit ihm in einem Mietwagen nach Berlin.

Anweisungen per Freisprechanlage

Bei allem, so L., habe ihr Freund Robin H. Regie geführt. Über die Freisprechanlage seien sie ständig in Kontakt gewesen. Er habe ihr genau vorgegeben, wohin sie fahren und was sie sagen solle.

Im Gerichtssaal fragt der Richter immer wieder bei Tanja L. nach: Warum haben Sie mitgemacht? Warum haben Sie nicht die Polizei eingeschaltet? Tanja L. weint. "Ich habe ihn geliebt", schluchzt sie. Er habe ihr Kinder und eine gemeinsame Zukunft versprochen. "Ich wollte nicht, dass er sauer wird." Wirklich erklären kann sie ihr Verhalten nicht.

Auch in der Nacht zum 21. Juni lief laut der 27-Jährigen zunächst nicht alles nach Plan. Christin R. kam mit einer Freundin zum Treffpunkt, deswegen sei zunächst nichts unternommen worden, erzählt Tanja L. Sie habe schon zurück nach Hause fahren wollen - doch Robin habe sie abgefangen. Auch Christin R. sei zurückgekommen. Zu dritt seien sie auf dem Parkplatz gestanden. Als Robin kurz pinkeln gegangen sei, sei Steven M. aus dem Gebüsch gekommen, habe die junge Frau von hinten angegriffen und erwürgt.

Tanja L. fuhr nach eigener Aussage zurück nach Hause und ging am nächsten Morgen wieder zur Arbeit. Am Abend schrieb ihr Robin H., die Polizei sei da. Sie hörte nie wieder von ihm.

Ihr Bruder habe sie anschließend gedrängt, nichts zu erzählen, falls die Beamten auch zu ihr kämen, erzählt Tanja L. Doch als es soweit war, brach es aus ihr heraus. Robin habe sie verleugnet, offenbarten ihr nach eigener Aussage die Ermittler in der Vernehmung. Dort habe sie auch zum ersten Mal erfahren, dass ihr Geliebter gleichzeitig mit Christin R. zusammen gewesen sei.

Während Tanja L. vor Gericht aussagt, guckt Mutter H. ausdruckslos. Robin H. macht sich Notizen. Tanja L.s Bruder reicht seinem Verteidiger schriftliche Hinweise. Steven M. schüttelt mehrfach den Kopf. Er beschuldigt Robin H., das Opfer auf dem Parkplatz selbst getötet zu haben.

Als Tanja L. den Mord beschreibt, kann die Mutter des Opfers ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.



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