Mord an Seniorin Das zweite Lebenslang für den Hausmeister

Er soll die Seniorin in der Badewanne ihrer Wohnung ertränkt haben. Der 51-jährige Hausmeister muss deshalb wegen Mordes lebenslang hinter Gitter. Denn das Landgericht München ist - in zweiter Instanz - auch von seiner Schuld überzeugt. Aber Überzeugung ersetzt keine Gewissheit.

Hausmeister Manfred G. (M.) im Landgericht München: Urteil "Lebenslang" bestätigt
dapd

Hausmeister Manfred G. (M.) im Landgericht München: Urteil "Lebenslang" bestätigt

Von , München


Man konnte es ahnen: Zehn Justizwachtmeister im Saal vor einer Urteilsverkündung, das bedeutet nie Gutes. Wird der Angeklagte freigesprochen, bedarf es nicht eines solchen Aufgebots an Wachpersonal.

Staatsanwalt Florian Gliwitzky betritt in sich hineinlächelnd den übervollen Saal, eben saß er noch als Anklagevertreter im Doppelmordfall von Krailling. Der Professor für Rechtsmedizin, die ermittlende Kripobeamtin, die Leitende Oberstaatsanwältin, alle sind sie gekommen. Unter den Zuschauern die Schwestern des Angeklagten, seine junge Frau, seine Tochter, Anwälte, Publikum vom Tegernsee, der Fall hatte Aufsehen erregt. Denn der Angeklagte, der Hausmeister Manfred Genditzki, war 2010 schon einmal zu Lebenslang verurteilt worden, weil er eine alte Dame, die er betreute, in der Badewanne ihrer Wohnung ertränkt haben soll. Dieses Urteil der 1. Strafkammer des Landgerichts München II hatte Widerspruch hervorgerufen.

Auf Revision der Verteidigung hob der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs das Lebenslang auf, weil die Kammer, ohne die Verteidigung zu informieren, die Tat im Urteil ausgetauscht hatte, nachdem sich das von der Anklage unterstellte Motiv Habgier nicht hatte beweisen lassen. Ein Fall, wie es ihn kaum je gegeben hat.

Zweite Chance für den Angeklagten?

Zweiter Anlauf, wieder in München, nur vor einer anderen Kammer. Eine zweite Chance für den Angeklagten? Genditzki wurde nun von Gunter Widmaier verteidigt, der schon die Revision geführt hatte. Widmaier vertiefte sich in den Fall, und je länger er die Akten drehte und wendete, desto überzeugter wurde er von der Unschuld des Angeklagten. Ihm schien der Tod der alten Dame weitaus eher auf einen unglücklichen Sturz zurückzuführen zu sein, denn auf ein Verbrechen. Zum Schluß kam er sich "wie Sherlock Holmes und Dr. Watson zugleich" vor, als er beim Aktenstudium immer wieder neue Details fand, die übersehen worden waren und seine Überzeugung festigten.

Dann, nach einem aufwendigen zweiten Prozess, der Paukenschlag: Die Vorsitzende der 4. Großen Strafkammer, Petra Beckers, so blass sah man sie noch nie, verkündet das zweite Lebenslang. "Schuldig des Mordes", die Kosten hat der Angeklagte zu tragen, Haftfortdauer. So leise und sanft die Vorsitzende auch spricht, ihre Worte treffen wie Säbelhiebe.

Sie spricht zweieinhalb Stunden lang von der Überzeugung der Kammer. Man erkenne die Hilfsbereitschaft Genditzkis sehr wohl an und dass er zur einzigen Bezugsperson der alten Dame geworden sei, je hinfälliger sie wurde. Zweimal betont die Vorsitzende, der Angeklagte habe nie "bewusst vorgehabt", die alte Dame zu töten. Nein, sie drückt sich anders aus: Er habe "nicht bewusst vorgehabt, einen Tötungsvorgang auszuführen". Dann sei es zu "dieser Handlung gekommen".

"Frau K. war keine einfache Person"

Zu welcher Handlung? Der Hausmeister hatte an jenem Tag, als die alte Dame in der Badewanne ertrank, es war der 28. Oktober 2008, sie aus der Klinik abgeholt, wo sie wegen eines chronischen Darmleidens behandelt worden war, und nach Hause gefahren. Er half ihr von der Tiefgarage hoch in die Wohnung und holte danach ihr Gepäck, einen Koffer und Tüten mit Schmutzwäsche. Da war es etwa 14 Uhr. Um 15 Uhr verließ Genditzki die Wohnung.

"Diese Handlung" soll darin bestanden haben, dass die alte Dame es gern gesehen hätte, wenn Genditzki samt Frau und kleinem Sohn später zu einem Plauderstündchen gekommen wären. Doch auch seine Mutter lag im Krankenhaus, und er wollte sie entgegen dem Plan der alten Dame mit Frau und Kind besuchen. "Frau K. war keine einfache Person", sagt die Vorsitzende über die alte Dame, "sie konnte sich durchsetzen."

Weil man später bei der Obduktion zwei Hämatome am Schädel der alten Frau fand, unterstellt nun bereits die zweite Strafkammer dem Angeklagten, er habe nach einem heftigen Streit, für den es keine rechte Begründung gibt, entweder mit einem unbekannten Gegenstand zweimal brutal zugeschlagen oder die alte Dame gegen irgendetwas gestoßen. Um sie dann aus Furcht, diese undefinierbare Tat würde ihm beruflich zum Nachteil gereichen, in der Badewanne zu ertränken. Den er sei schließlich "mit Leib und Seele Hausmeister gewesen". Die unbekannten Schläge aus unbekanntem Grund hätten nicht bekannt werden dürfen.

Wie war es wirklich?

Dann weiß die Vorsitzende, was der Angeklagte an jenem Tag dachte. Sein erste Gedanke sei gewesen: Ich hole Rettung. "Gleichzeitig, widerstreitend, dachte er, wenn diese resolute Frau die Übergriffe jemandem erzählt, dann bin ich meinen Hausmeister-Job los. Er überlegt: Was mach ich? Es folgt das Verschließen des Wannenabflusses, das Öffnen des Hahns, das Unter-Wasser-Drücken, das Reduzieren des Wasserzuflusses, das Plausibel-Machen, dass es nicht zum Überlaufen kommt."

Die Vorsitzende sucht nach Worten. Sie ringt um den Ausdruck für das, was logisch klingen soll, es aber nicht unbedingt ist. Natürlich fragt man sich im Nachhinein, warum der Abfluss verschlossen war, hatte die alte Dame doch eine Phobie vor dem Baden in der Wanne. Kopfwaschen? Das sei schon für Jüngere über der Wanne unbequem, sagt die Vorsitzende. Wäsche einweichen? Tut das eine 87 Jahre alte Frau, die gerade aus dem Krankenhaus kommt? Man weiß es nicht, so wenig man weiß, warum Genditzki sie mit irgendeinem Gegenstand geschlagen oder gestoßen haben soll. Man kann allenfalls von irgendeiner Version überzeugt sein.

Einem Gericht zu unterstellen, es habe wider besseres Wissen ein Urteil gefällt, steht keinem Außenstehenden zu. Allerdings gibt es Fälle, in denen sich der Eindruck einstellt, ein Prozeß steuere ein bestimmtes Ziel an (zum Beispiel die Bestätigung des Urteils aus der ersten Instanz, weil sich die Richter-Kollegen gewiss nicht geirrt haben).

Am Ende des Prozesses fand Verteidiger Widmaier heraus, dass die alte Dame nicht, wie im ersten Urteil festgestellt, mit einer Jogginghose bekleidet war, als sie gefunden wurde, sondern mit einer dünnen Schlafanzughose. Widmaier hält es für wahrscheinlich, dass sie diese zu Hause, als der Hausmeister schon gegangen war, für den Mittagsschlaf angezogen habe. Das Gericht ist überzeugt, sie habe die Jogginghose im Beisein Genditzkis ausgezogen, und drunter habe sie eben die Schlafanzughose aus der Klinik getragen. Wie war es wirklich?

Wie der Streit um des Kaisers Bart

Das Gericht hat sich verbissen Mühe gegeben, die Argumente der Verteidigung zu entkräften oder für "unsinnig" zu deklarieren. Man kann streiten über manches, man kann nach noch weiteren Erklärungsmöglichkeiten suchen. Überzeugung aber ersetzt nicht Gewissheit, dass einer gemordet hat.

"Warum lässt die Frau die Geldkassette, in der sich ein hoher Betrag befindet, offen auf dem Tisch stehen und besorgt erst ihre Wäsche?" fragt das Gericht und gibt damit schon die Antwort. Eine lebende alte Dame hätte das nie gemacht. Nur: Fangen nicht auch jüngere Leute das eine an, ohne es zu beenden, und fahren mit etwas anderem fort?

Es ist wie der Streit um des Kaisers Bart. "Es gibt keine Handlungsalternative, die sinnvoll einen Sturz in die Wanne und zwei Hämatome erklärt", sagt die Vorsitzende. "Wir sind überzeugt von dem körperlichen Übergriff und dem dann als Unfall vorgetäuschten Ertränken." Der Angeklagte sei von einem Sachverständigen zwar als ruhig und nicht aggressiv beschrieben worden. "Das schließt aber nicht einen Ausnahme-Übergriff in einer Ausnahmesituation aus." So kann alles und das Gegenteil begründet werden.

Verteidiger Widmaier wird sich damit vermutlich nicht zufrieden geben. Die nächste Herausforderung steht an.



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