Ermittler in Berliner Mordprozess "Man hätte auf jeden Fall etwas tun müssen"

Ließen Polizisten einen Mord geschehen, um danach besser gegen die Täter aus dem Rockermilieu vorgehen zu können? Vor Gericht in Berlin hat ein interner Ermittler des Landeskriminalamtes nun dazu ausgesagt.

Mord im Wettbüro (Archiv)
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Von Wiebke Ramm


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Es geht um einen ungeheuerlichen Vorwurf: Haben Mitarbeiter des Berliner Landeskriminalamtes den Tod eines Menschen in Kauf genommen, um einen Chef der Hells Angels hinter Gitter zu bringen? Am Montag hat der Leiter der internen Ermittlungen als Zeuge vor der 15. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts ausgesagt. Er spricht von Fehlern in der damaligen Polizeiarbeit. Zu dem Ergebnis, dass sie bewusst geschehen sind, kommt er nicht. Die Richter wirken skeptisch, die Anwälte der Familie des Ermordeten sind es.

Seit bald vier Jahren verhandelt die 15. Große Strafkammer des Berliner Kriminalgerichts gegen Hells-Angels-Boss Kadir Padir und inzwischen noch neun Mitangeklagte wegen des Mordes in einem Wettcafé in Berlin-Reinickendorf. Und seit knapp einem Jahr hat der Prozess eine Art kleinen Bruder.

Das Verfahren gegen den Angeklagten Sardar H. wurde abgetrennt, weil er Probleme mit der Bandscheibe hatte und immer wieder Verhandlungstage ausfallen mussten. Nun hat der 35-Jährige seinen eigenen Mordprozess. Auch für ihn ist die 15. Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Thomas Groß zuständig.

Laut Anklage soll Rockerboss Kadir Padir Anfang 2014 den Mord an dem 26-jährigen Tahir Özbek in Auftrag gegeben haben. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Racheakt aus. Hintergrund sei eine Messerstecherei vor einer Diskothek am Berliner Alexanderplatz im Oktober 2013 gewesen, bei der ein Hells Angel verletzt worden war.

13 Männer stürmten am 10. Januar 2014 in ein Wettcafé, in dem Özbek im Hinterzimmer Karten spielte. Einer der Männer schoss achtmal auf Özbek, sechs Kugeln trafen. Özbek starb noch am Tatort. Sardar H. soll einer der Beteiligten gewesen sein.

Multimediaspezial zum Prozessauftakt

An diesem Montag nun sagte Kriminaldirektor André R. im Prozess gegen Sardar H. aus. Der 56-Jährige leitete vom 6. bis 19. Februar 2014 die internen Ermittlungen im Landeskriminalamt. Es geht um die Frage: Wusste die Polizei von den Tötungsplänen und tat trotzdem nichts?

André R. war selbst viele Jahre Mordermittler. Nun soll er die Arbeit anderer Polizisten primär anhand der Aktenlage bewerten. R. sagt, dass es Ende Oktober 2013 den Hinweis eines Informanten gab, dass Padir die Tötung Özbeks in Auftrag gegeben habe. Daraufhin habe es am 1. November eine Einschätzung der Gefährdung Özbeks gegeben.

Auf einer Skala von eins, sehr große Gefahr, bis acht, keine Gefahr, sei die Gefährdung mit zwei bewertet worden. Es sei also "mit hoher Wahrscheinlichkeit" mit einem Angriff auf Özbek zu rechnen gewesen. Am 5. November wurde eine neue sogenannte Gefährdungslage erstellt. Die Gefährdung wurde nun nur noch mit vier, wenig wahrscheinlich, bewertet.

"Nicht nachvollziehbar"

"Die Herabstufung war für mich nicht nachvollziehbar", sagte R. vor Gericht. Sie sei zu einer Zeit erfolgt, als sich die Gefahr für Özbek vielmehr "konkretisiert" habe. Eine Warnung an Özbek gab es nicht. Im November nicht, im Dezember nicht, auch nicht mehr im Januar. Dabei waren die Polizisten gut informiert: Fünf Tage vor dem Mord belauschten sie drei Telefonate von Kadir Padir. Es ging um Özbek. Padir erfuhr, dass dieser einen Hells Angel mit einer Waffe bedroht und sich mit dem Messerangriff auf einen der Rocker gebrüstet haben soll. Padir soll Rache geschworen haben.

"Zu diesem Zeitpunkt hätte man auf jeden Fall etwas tun müssen", sagt R. vor Gericht. Die Polizei hätte eine sogenannte Gefährderansprache mit Padir führen und Özbek warnen müssen. Nichts davon geschah. Sein Fazit: "Die Gefährdungslage wurde falsch eingeschätzt und aufgrund dessen wurden Gefahren abwehrende Maßnahmen nicht ergriffen." Er führt dies auf "Kommunikationsprobleme" innerhalb der Behörde zurück.

Die Richter befragten André R. über Stunden. Der Staatsanwalt stellte nur eine einzige Frage. "Sind Sie zu der Überzeugung gelangt, dass die polizeilichen Versäumnisse eher auf Nachlässigkeit oder auf Vorsatz beruhen?" André R. musste nicht lange überlegen. Er nannte die Ermittlungen "ziemlich ungeordnet", sprach von einem Vorgehen, das auf ihn "sehr unerfahren", ja "unprofessionell" gewirkt habe. Aber: "Dass damit der Zweck verfolgt wurde, Tahir Özbek töten zu lassen, um besser an die Rocker ranzukommen, diesen Eindruck habe ich zu keinem Zeitpunkt gewonnen. Absolut nicht."

Im Video: Tahir Özbeks Mutter spricht

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Markus Wessel kommt zu einem anderen Ergebnis. Er vertritt die Schwester des Getöteten als Nebenklagevertreter im kleinen wie im großen Hells-Angels-Prozess. Außerhalb der Hauptverhandlung sagt der Anwalt: "Für mich stellt es sich so dar, dass jemand bei der Polizei die Entscheidung getroffen hat, nichts zu tun. Mit der Folge, dass Herr Özbek gestorben ist und Kadir Padir auf der Anklagebank sitzt."

Auch die Richter halten es für möglich, dass Polizisten nicht einschritten, um die Rocker strafrechtlich verfolgen zu können. So teilten es die Richter den Angeklagten im großen Hells-Angels-Prozess vor der Sommerpause in einem rechtlichen Hinweis mit. Im Prozess gegen Sardar H. hat es den rechtlichen Hinweis noch nicht gegeben.

Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen drei LKA-Beamte wegen des Verdachts des Totschlages durch Unterlassen eingeleitet.

Die Kammer geht in dem Hauptprozess nach aktuellem Stand der Beweisaufnahme von einer Verletzung des Grundsatzes des fairen Verfahrens aus. Die Richter halten es für geboten, bei einer Verurteilung der Angeklagten einen Teil der zu erwarteten Strafe als bereits vollstreckt zu erklären. Allerdings droht Kadir Padir eine lebenslange Freiheitsstrafe, deren Ende ohnehin unbestimmt ist. Der Hinweis der Richter ist für ihn daher kein wirklicher Grund zum Jubeln.


Zusammengefasst: Im Mordprozess gegen einen Berliner Hells Angel hat ein interner Ermittler als Zeuge ausgesagt. Es geht um den Verdacht, die Polizei habe 2014 die Tötung Tahir Özbeks geschehen lassen, um die Täter danach strafrechtlich verfolgen zu können. Der Kriminaldirektor André R. spricht zwar von unprofessionellen Ermittlungen; er habe aber nicht den Eindruck, dass die Ermittler die Tötung zuließen, um besser an die Rocker ranzukommen.

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