Von Julia Jüttner
Hamburg - Der Campingplatz Machulez in Sahlenburg, einem Ortsteil von Cuxhaven, ist übersichtlich. Keine 70 Wohnwagen stehen hier, die meisten das ganze Jahr über. Am 26. August vergangenen Jahres durchbrachen verzweifelte Hilferufe zweier Frauen die Stille der lauen Sommernacht. Nadine T. und Anne G., beide 27 Jahre alt und aus Winsen an der Aller (Kreis Celle), wurden von einem Mann, den sie gut kannten, attackiert und erstochen.
Wenige Stunden später wurde Thomas H. festgenommen. Jetzt muss er sich vor dem Landgericht in Stade wegen Totschlags an seiner Ex-Freundin Nadine T. sowie wegen Mordes an deren Freundin Anne G. verantworten.
Zum Prozessauftakt gestand der 30-Jährige aus Peine, dass er beide Frauen umgebracht hat.
Er habe "wie im Rausch" zugestochen, erklärte Thomas H. schluchzend, "ich bedauere und bereue das zutiefst". Er habe die Trennung von seiner früheren Freundin, die er im Internet kennengelernt hatte, nicht verwunden. "Ich habe sie geliebt, wahrscheinlich zu sehr." Fast zwei Stunden lang sagte H. aus, brach dabei immer wieder in Tränen aus.
Vier Tage lang hatte der Gabelstaplerfahrer demnach im August 2009 mit Nadine auf jenem Campingplatz Urlaub gemacht. Zwar hatten sie ihre Beziehung eigentlich beendet, waren jedoch weiterhin befreundet, es soll auch zu Geschlechtsverkehr gekommen sein.
Nach dem Kurztrip mit dem Ex-Freund fuhr Nadine T. zu ihren Eltern, Thomas H. dagegen kehrte zurück nach Peine in Nadines Wohnung, um dort die Blumen zu gießen und den Briefkasten zu leeren. Er durchsuchte ihren Computer und fand Hinweise darauf, dass die 27-Jährige auch mit anderen Männern in Kontakt stand.
"Ich wollte sie nicht töten, ich wollte sie zurückhaben"
Tage später fuhr Nadine T. mit ihrer Freundin Anne G. erneut zu dem Campingplatz an der Nordsee. Die beiden Frauen freuten sich auf einen gemeinsamen Urlaub. Thomas H. rief sie immer wieder an, schickte Kurzmitteilungen. Doch seine Ex-Freundin rührte sich nicht. In der Nacht zum 26. August entschloss sich der 30-Jährige, zu den beiden Frauen zu fahren.
Ein Küchenmesser habe er eingesteckt, sich dunkle Kleidung und Handschuhe angezogen. Den Gedanken, seine Ex-Freundin zu töten, will er nicht gehabt haben. "Warum auch? Ich wollte sie zurückhaben", beteuerte Thomas H. Er habe mit dem Messer lediglich die Reifen von Nadines Auto zerstechen wollen, damit sie ihn anrufe und um Hilfe bitte. Bereits nach dem gemeinsamen Vier-Tage-Ausflug hatte er am Auto der Frau die Radkappen so weit gelöst, dass sie ihn anrief, und er ihr aus der Patsche helfen konnte.
"Er hat wohl die Hoffnung gehabt, durch solche Aktionen den Kontakt zu seiner Ex-Freundin zu festigen", sagt Kai Thomas Breas, Sprecher der Staatsanwaltschaft, SPIEGEL ONLINE. Den Plan, ihre Reifen zu zerstechen, habe Thomas H. dann aber doch nicht in die Tat umgesetzt. Stattdessen sei er in den Campingwagen eingedrungen. Dort habe er Nadine schlafend vorgefunden, sich vor sie gesetzt und sie beobachtet.
Irgendwann sei seine Ex-Freundin aufgewacht - und erschrocken. "Scheiße, Thomas, was machst Du denn hier?", soll sie gesagt haben. Da habe er ihr seine Liebe gestanden und sie gebeten, zu ihm zurückzukehren. Doch sie habe ihn abblitzen lassen. "Bei dir musste ich sogar den Orgasmus vorspielen", soll Nadine T. nach Angaben des Angeklagten gesagt haben.
Anne G. versuchte noch, sich und ihre Freundin zu retten
"Ich war wütend, ich zitterte am ganzen Körper, dann stach ich auf sie ein", sagte Thomas H. vor Gericht. Anne G., die er im Wohnwagen bis dahin nicht bemerkt haben will, sei vermutlich durch Nadines Schreie aufgeschreckt worden. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft stürzte sie um Hilfe rufend aus dem Wohnwagen.
"Der Angeklagte ist ihr hinterhergelaufen und hat sie nach ungefähr hundert Metern eingeholt und dann auch auf diese Frau eingestochen, bis sie tot zusammenbrach. Danach kehrte er zurück in den Wohnwagen, wo er feststellte, dass auch Nadine tot war", sagt Breas. "Beide Frauen starben noch vor Ort an ihren schweren Stichverletzungen."
Laut Obduktionsbericht wurden Nadine T. und Anne G. mit 18 beziehungsweise 15 Messerstichen getötet. Sie erlagen nach Angaben der Gerichtsmediziner ihren schweren Verletzungen in Brusthöhlenbereich und Lunge.
Die Staatsanwaltschaft wertet den Tod an Nadine T. als Totschlag, den an Anne G. als Mord. Thomas H. habe Anne G. erstochen, um "die erste Straftat zu verdecken". Der Angeklagte habe vor Gericht bezüglich des Küchenmessers mit einer dritten Version aufgewartet: "In einer ersten Vernehmung hatte er behauptet, das Messer habe zufällig in dem Wohnwagen gelegen. Später erklärte er, er habe es mitgenommen, um notfalls das Vorzelt aufzuschlitzen", sagte Breas.
Gegen 4 Uhr in der Früh hatten Campingbewohner die durchdringenden Schreie der Frauen gehört, einige von ihnen hatten Thomas H. danach auf dem Platz herumirren sehen und sich das Kennzeichen seines Autos notiert. So konnte der gebürtige Dresdner bereits vier Stunden nach der Tat in Peine festgenommen werden. In einem Müllcontainer hinter dem Haus fanden die Beamten seine blutgetränkte Kleidung.
Ein psychiatrisches Gutachten von Thomas H. liege bereits vor, erklärte Staatsanwalt Breas. "Aus Sicht der Staatsanwaltschaft ist das Ziel dieser Verhandlung, den Angeklagten zu lebenslanger Haft zu verurteilen."
Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Justiz | RSS |
| alles zum Thema Kriminalität | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH