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Mord einer Mutter: "Er wehrte sich, er war ja ein starker Junge"

Aus Lübeck berichtet

Sie rührte ihrem achtjährigen Sohn Marko Schlaftabletten in die Cola und ertränkte ihn in der Badewanne: Uta G. steht wegen Mordes vor dem Lübecker Landgericht. Ihre Freundin hatte die Tragödie vorausgesehen und Tage zuvor die Polizei alarmiert - vergeblich.

Lübeck - Das goldene Kreuz, das sie an einer dünnen Kette um den Hals trägt, glänzt im Licht, als Uta G. zaghaft den Saal 163 des Lübecker Landgerichts betritt. Die Unsicherheit ist ihr anzusehen. Dennoch hat sich die studierte Ernährungswissenschaftlerin dazu durchgerungen, den heimtückischen Mord an ihrem eigenen Sohn vollständig aufklären zu lassen. Einen Mord, den sie selbst verursacht hat. Uta G. ertränkte ihr achtjähriges Kind in der Badewanne.

"Justitia" in Frankfurt: Sohn in der Badewanne ertränkt
AP

"Justitia" in Frankfurt: Sohn in der Badewanne ertränkt

"Ich wollte einfach nur sterben", sagt Uta G., nur noch ein Schatten der Frau, die vor einem Jahr pausbäckig-fröhlich in Lübeck und Umgebung für ihre Praxis warb. Das Gesicht ist eingefallen, das Kinn spitz, die verweinten Augen hinter einer randlosen Brille umgeben tiefe Falten.

Nach drei Jahren Selbständigkeit stand Uta G. im Frühjahr 2008 vor einem Scherbenhaufen: Die 46-Jährige hatte sich finanziell, physisch und auch seelisch übernommen. Die Kunden blieben aus, der Schuldenberg belief sich auf 100.000 Euro. Trost spendete nur der Alkohol. Auf der Strecke blieb ihr Sohn Marko. "Ich versuchte, mein Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten, aber ich hatte keine innere Toleranzgrenze mehr."

"Der Moment, an dem ich nicht mehr weiter wusste"

Ihr Franchise-Partner kündigte ihr und ließ am 30. April 2008 das Inventar der Praxis abholen. Uta G. musste Insolvenz anmelden. "Das war für mich der Moment, an dem ich nicht mehr weiter wusste. Ich realisierte, dass ich die Rolle der fröhlichen, motivierenden Ernährungsberaterin nicht mehr erfüllen kann und ich hatte das Gefühl, als Mutter versagt zu haben und wieder die Hilfsbedürftige zu sein."

Die gebürtige Rheinländerin sah keinen Ausweg mehr. "Für mich stand fest, dass ich mich umbringen werde. Ich hatte nur einen Gedanken: Ich will weg von dieser Welt." Als sie nach einem Kurzaufenthalt in der Psychiatrie am 27. Mai 2008 eine Freundin fragte, ob sie im Notfall Marko zu sich nähme, reagierte diese hilflos. "Du kannst dich nicht einfach verpissen, dann muss Marko vielleicht ins Heim", soll sie zu Uta G. gesagt haben. Vielleicht auch um ihr Angst zu machen.

Uta G. nahm das Telefonat jedoch zum Anlass, ihren längst gereiften Entschluss in aller Konsequenz umzusetzen. Sie löschte alte Geschäftsdaten im Computer, verbrannte Tagebuchaufzeichnungen. "Als Marko danach vom Spielen nach Hause kam, dachte ich: Fast hätte ich dich alleine zurückgelassen", sagt sie auf der Anklagebank.

Uta G. versprach ihrem Sohn für jenen Abend sein Lieblingsgericht: Pizza und Cola. Sie rührte fünf oder sechs Schlaftabletten in die Limonade. "Er sagte natürlich, dass es furchtbar schmeckt." Marko trank es trotzdem. Arm in Arm setzte er sich mit seiner Mutter vor den Fernseher. Sie schauten Kika, bis Marko müde wurde. Dann brachte Uta G. ihn ins Bett und legte sich neben ihn wie jeden Abend.

"Es ist so entsetzlich, was ich dem Kind angetan habe."

Mit einem roten Sofakissen, das in seinem Bettchen lag, versuchte Uta G. ihren Sohn zu ersticken. Doch der Achtjährige wurde wach, schubste das Kissen weg und schlief wieder ein. "Ich weiß bis heute nicht, wie ich auf die Idee mit der Badewanne kam", sagt Uta G. schluchzend vor Gericht. "Es ist so entsetzlich, was ich dem Kind angetan habe."

Unter Tränen schildert die 46-Jährige, wie sie ihren schlafenden Sohn ins Badezimmer trug, in die gefüllte Wanne legte und seinen Kopf sofort unter Wasser drückte. Marko wehrte sich. "Ich habe ihn festgehalten", sagt Uta G. "Ich weiß nicht, woher die ganze Gewalt in mir kam. Ich wusste nur, ich muss es zu Ende bringen."

Der Achtjährige strampelte mit den Beinen, ruderte mit den Armen. "Er wehrte sich, er war ja ein starker Junge", weint seine Mutter. An den Schultern habe sie ihn nach unten gepresst und ihm schließlich den Hals zugedrückt.

Wie lange sie ihn unter Wasser gedrückt habe, will der Vorsitzende Richter Singelmann wissen. "Eine Ewigkeit", antwortet Uta G. "Ich hörte auf, als alles ruhig war."

Freundin will Polizei gewarnt haben

Eine Freundin will einen Tag zuvor das 4. Polizeirevier in Lübeck alarmiert haben, dass sie Uta G. für suizidgefährdet halte und Marko in Gefahr sei. Eine Beamtin soll geantwortet haben, die Freundin solle selbst nach dem Rechten sehen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch immer wegen unterlassener Hilfeleistung.

Es ist ein Fall, der auch die desolate Situation widerspiegelt, in die alleinerziehende Mütter rutschen können, wenn ihnen der Spagat zwischen Familie und beruflicher Verwirklichung nicht gelingt; wenn sie intelligent, aber psychisch extrem labil sind. Und wenn ihr Leben mühsam und einsam ist.

Uta G. spricht vor der 1. Großen Strafkammer zwar leise, scheut aber bei der Aufklärung des Falles kein noch so demütigendes Detail ihrer Vita, die regelrecht auf die unfassbare Katastrophe zusteuerte.

Offen redet die 46-Jährige über den alkoholkranken, rabiaten Vater, der im Suff ihre vier älteren Brüder und ihre Mutter verdrosch, meist mit einem Rohrstock. Sie selbst blieb, wie die jüngere Schwester, von den Gewaltexzessen weitestgehend verschont. Wenn es eskalierte, ging sie oft dazwischen.

Vom Nachbarn missbraucht

Als sie zehn Jahre alt ist, missbrauchte sie ein Nachbar. Er wird zu einer Geldstrafe von 2000 D-Mark verurteilt. Drei ihrer Brüder tun es ihm nach, immer wieder vergehen sie sich an ihrer kleinen Schwester auf dem Dachboden. Uta G. schweigt aus Scham.

Mit elf Jahren trinkt Uta G. ihr erstes Bier. Schnell merkt sie: Wenn sie eins getrunken hat, kann sie nicht mehr aufhören. Drei, vier Bier reichen für den Vollrausch. "Ich vertrage bis heute nicht viel." Als der Vater trocken ist, zieht Uta G. daheim aus, obwohl sie noch zur Schule geht. "Es war furchtbar zu Hause."

1982 macht sie Abitur, geht auf Weltreise, lebt in Indien und Griechenland, schlägt sich als Tagelöhnerin durch. Zurück in Deutschland schmeißt sie nach wenigen Monaten eine Tischlerlehre hin, jobbt als Kellnerin und Putzfrau. Mit 26 Jahren geht sie nach Stuttgart und beginnt mit ihrem Studium der Ernährungswissenschaften.

Sie trinkt jeden Tag Wein oder Bier und raucht Marihuana. Zwischendrin geht sie für ein halbes Jahr nach Afrika, Alkohol ist nun vorübergehend tabu. Als sie zurückkehrt, entwickelt sie Angstzustände, betäubt diese aber erneut. Mit 30 landet sie in der Psychiatrie und bei den Anonymen Alkoholikern.

Diplom-Abschluss mit Bestnote

Trotz psychosomatischer Therapie und einem Bandscheibenvorfall macht sie im Dezember 1998 ihren Diplom-Abschluss mit der Note eins. Auf einer Silvesterparty, wenige Tage später, lernt sie einen Mann kennen, der von seinem unehelichen Kind genervt ist, keine weiteren Kinder haben möchte - und wird von ihm schwanger.

"Es war für mich von Anfang an klar, dass ich das Kind behalten möchte", sagt Uta G. am heutigen Dienstag vor Gericht. "Es hat sich gleich gut angefühlt, ich hatte sofort einen engen Bezug zu dem Kind." Bedenken von Freundinnen ignorierte sie ebenso wie das Bedrängen des Kindsvaters, das Baby abzutreiben. "Ich bin sehr aufgegangen, habe mich mit Marko sehr wohl gefühlt und versucht, ihm das zu geben, was er braucht."

Doch Uta G. ist als alleinerziehende Mutter überfordert. Nach zehn Jahren Abstinenz beginnt sie, wieder zu trinken, als Marko zweieinhalb Jahre alt ist. Sie verliert ihren Job, trägt sich mit Suizidgedanken, lässt sich psychiatrisch behandeln.

"Zerrissen zwischen Muttersein und Selbständigkeit"

Nach fünf Jahren zieht Uta G. mit Marko nach Lübeck. Es soll der Beginn eines neuen Lebensabschnitts werden. Sie eröffnet eine Praxis, in der sie Übergewichtige gesundheitlich und ernährungswissenschaftlich beraten will. Die Selbständigkeit mutiert zu einer Berg- und Tal-Fahrt - in allen Belangen.

"Ich war zerrissen zwischen Muttersein und Selbständigkeit. Für mich ließ sich beides einfach nicht vereinbaren." Trost findet die alleinerziehende Mutter im Alkohol, die wenigen kurzfristigen Männerbekanntschaften geben ihr keinen Halt. Meist empfindet sie diese Beziehungen als "entwürdigend und demütigend".

Nach drei Jahren muss Uta G. einsehen, dass sie gescheitert ist, sie tauscht ihr großzügiges Haus gegen eine Drei-Zimmer-Wohnung in einem 50er-Jahre-Klinkerblock im Lübecker Stadtteil St. Jürgen. Doch die Katastrophe lässt sich nicht abwenden.

Nachdem Uta G. ihren Sohn getötet hat, schluckte sie mehr als 40 Schmerz- und Schlaftabletten. "An mehr kann ich mich nicht erinnern", sagt sie vor Gericht. Ihre Freundin, die sie aus der Kirchenarbeit kennt, alarmierte die Polizei, weil Marko nicht zur Schule erschien. Uta G. konnte gerettet werden.

Für sie ist das wohl die schlimmste Strafe.

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