Mord im Internat 17-Jähriger suchte Auftragskiller für Zeugen

Im Prozess des ermordeten Internatsschülers gibt es eine weitere ungeheure Anschuldigung: Der 17-Jährige, der angeklagt ist, seinen Schulkameraden getötet zu haben, soll einen Mithäftling beauftragt haben, Zeugen der Tat umzubringen. Der Lohn:150.000 Euro.


Ulm - Es war sein Zellengenosse im Ulmer Gefängnis, den der Jugendliche zum Mord anstiftete. Der Mitgefangene sollte nach seiner Entlassung mit einem Bruder des Angeklagten Kontakt aufnehmen und gemeinsam vor Beginn des Prozesses drei Zeugen töten - und deren Leichen unkenntlich machen. "Für die Tat soll der Angeklagte dem Mitgefangenen insgesamt 150.000 Euro versprochen haben", erklärt Sprecher Wolfgang Tresenreiter vom Landgericht Ulm gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Dieses Geld habe er sich beschaffen wollen, indem er Zeitungen und Fernsehsender wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten auf Schadenersatz verklagen wollte."

Doch der Zellennachbar ging sofort zur Gefängnisleitung. Daher hat die Staatsanwaltschaft Ulm im Rahmen des derzeit laufenden Prozesses eine weitere Anklage gegen den 17-Jährigen erhoben. Außerdem wurde er in die Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim verlegt - unter besonderen Sicherungsmaßnahmen.

Der Beschuldigte hat zugegeben, seinen 16 Jahre alten Kameraden im Affekt getötet zu haben. Der 16-Jährige hatte ihm 50 Euro geschuldet. Als er diese zurückforderte, habe der Jüngere ihn beleidigt - und es sei zum Streit gekommen, in dessen Verlauf der Beschuldigte den 16-Jährigen erstochen habe. Die Staatsanwaltschaft dagegen wirft ihm heimtückischen Mord vor: Der 17-Jährige soll sein Opfer in der Nacht des 17. Mai dieses Jahres in einem abgelegenen Wohntrakt der Urspringschule bei Schelklingen im Schlaf überrascht haben.

Drei Schülern des Elite-Internats gegenüber soll der Jugendliche angekündigt haben, den 16-Jährigen umzubringen. Für diese drei Zeugen suchte der 17-Jährige einen Auftragskiller. Die Schüler haben mittlerweile in der Hauptverhandlung ausgesagt und umfangreiche Angaben zum Tatvorwurf gemacht. Sie wurden von Polizeibeamten begleitet. Ob hinter dem Plan des Angeklagten, die Schulkameraden töten zu lassen, unbändiger Zorn oder tatsächlich Ernst stecken, ist unklar.

Gegen den Vater des Angeklagten wurde ebenfalls ein Ermittlungsverfahren eingeleitet: Er soll am Abend des ersten Verhandlungstages, dem 23. Oktober, eine Bekannte seines Sohnes angerufen und sie aufgefordert haben, vor Gericht auszusagen, der Tat sei eine Beleidigung des 16-Jährigen vorausgegangen. Außerdem soll er sie gebeten haben, drei weitere Zeugen zu kontaktieren, die das Gleiche behaupten sollten. "Gegen den Vater wurde damit ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der versuchten Anstiftung zur uneidlichen Falschaussage eingeleitet", so Richter Tresenreiter. Der Vater ist seitdem vom Prozess gegen seinen Sohn ausgeschlossen.

jjc



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