Tod in den französischen Alpen: Verwirrung um Aufklärung des Vierfachmordes

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Es klang wie der Wendepunkt im Vierfachmord von Chevaline - die Zeitung "Le Parisien" berichtete, der Anschlag in den Alpen habe dem Franzosen Sylvain M. gegolten, nicht wie bislang angenommen einer britischen Urlauberfamilie. Der Staatsanwalt hat diesen Bericht jetzt energisch dementiert.

Hamburg - Schon der Beginn der Ermittlungen zu dem Vierfachmord in den französischen Alpen war ein Fiasko: Erst acht Stunden nach dem Fund der vier Leichen in einem Auto bemerkten die Ermittler eine vierjährige Überlebende. Seitdem stehen Polizei und die ermittelnde Staatsanwaltschaft unter noch genauerer Beobachtung durch die Presse, als es ohnehin in solchen Fällen üblich ist.

Am vergangenen Freitag wurden in der Zeitung "Le Parisien" angebliche Untersuchungsergebnisse veröffentlicht. Der Journalist Jean-Marc Ducos schrieb, Ballistikern zufolge habe der Mörder zuerst auf den französischen Radfahrer Sylvain M. geschossen. Die britische Urlauberfamilie sei nicht sein eigentliches Ziel gewesen, sondern habe sterben müssen, weil der Vater Saad H. die Tat beobachtet hatte.

Saad H. und seine ältere Tochter hielten sich laut "Le Parisien" außerhalb des Autos auf, als M. erschossen wurde. Unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtete der Autor, es handele sich womöglich um einen Einzeltäter und Amateur - dies hätten die Ermittler aus dem planlos erscheinenden Vorgehen geschlossen. Nach der Tötung der Familie sei der Täter noch einmal zu Sylvain M. zurückgekehrt und habe weitere Male auf ihn geschossen.

"Das ist eine dreiste Lüge"

Der Staatsanwalt von Annecy, Eric Maillaud, hat den Artikel scharf kritisiert: "Das ist nicht einfach eine Hypothese - sondern eine dreiste Lüge", sagte er SPIEGEL ONLINE. So etwas habe er noch nie erlebt, so der Jurist weiter. "Die Ballistiker können überhaupt nicht nachweisen, in welcher Reihenfolge die Schüsse abgegeben wurden." Man müsse sich vor Augen halten, dass die Tat in wenigen Sekunden abgelaufen und nur sehr schwer zu rekonstruieren sei.

"Durch die unterschiedlichen Schussrichtungen darauf zu schließen, dass der Täter zu seinem Tatort zurückgekehrt ist, um dem Radfahrer einen Gnadenschuss zu verpassen, ist reine Spekulation", so Maillaud. Für ihn steht fest: "Der Radfahrer war nicht das Ziel. Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort." Die irreführenden Behauptungen entstünden, weil es ansonsten zu wenig über den Fall zu berichten gebe. Er und sein Ermittler-Team würden weiterhin jeder möglichen Spur nachgehen.

Dass Saad H. bei dem Versuch zu fliehen mit seinem roten BMW im weichen Untergrund einer Böschung stecken geblieben sei, ergebe sich aus einem Blick auf Luftaufnahmen vom Tatort. Der Umstand der Flucht war ebenfalls Teil der Rekonstruktion durch die "Le Parisien"-Journalisten.

Staatsanwalt Maillaud bestätigte, dass Saad H. und seine Tochter den Ermittlungen zufolge das Auto verließen. Es handele sich bei diesem Fakt aber nicht um neue Ergebnisse ballistischer Untersuchungen.

Journalist verteidigt seine These

Seit dem Dementi hört bei dem Journalisten Jean-Marc Ducos das Telefon nicht mehr auf zu klingeln. Hat er die Informationen erfunden? Er lacht. "Wenn der Herr Staatsanwalt nicht richtig lesen kann, dann ist das sein Problem", sagte Ducos SPIEGEL ONLINE. Er habe ausdrücklich geschrieben, dass es sich um ein vorläufiges, potentielles Szenario handele.

Der Journalist bezieht sich in seinem Artikel auf "Experten der Gendarmerie Nationale", der französischen Nationalpolizei, die direkt dem Innenministerium unterstellt ist. Seine genaue Quelle will Ducos aus Gründen des Informantenschutzes nicht nennen. "Eric Maillaud kann dementieren, so viel er will", so Jean-Marc Ducos. "Viel interessanter ist doch, dass er bestätigt hat, dass der Vater und seine ältere Tochter das Auto tatsächlich verlassen haben." So weit von der Wahrheit entfernt könne seine Darstellung also nicht sein.

Wie so viele seiner Kollegen kritisiert der Journalist, dass die Ermittlungen von Anfang an eine Farce gewesen seien. "Es hat mit diesem Riesenfehler begonnen, dass man die kleine Zeena so spät gefunden hat", so Ducos. Und es gehe mit einer Reihe von Ungereimtheiten weiter.

Der Spur nach England gefolgt

Dem Vorwurf der Schlamperei und Unprofessionalität musste sich Staatsanwalt Eric Maillaud immer wieder stellen. So berichtete er in einer Pressekonferenz über die erste Zeugenvernehmung der vierjährigen Zeena. "Es war sehr schwierig, sie zu verstehen", sagte er den Journalisten. "Ich spreche nur sehr wenig Englisch."

Außerdem konzentrierte er sich wochenlang auf die Spur, die in den Wohnort der britischen Familie führte. Ein Angehöriger der Familie H. sagte am Montag dem Radiosender BBC Radio 4, dass seine Familie ständig von der Polizei belästigt werde, obwohl es noch immer keine konkreten Hinweise gebe. "Ich denke, der Staatsanwalt sollte seine Ermittlungen professionell führen und keine Spur ausschließen", so der Verwandte. "Sich einfach nur auf die Familie zu konzentrieren, ist nicht der richtige Weg." Fest steht in diesem Fall bisher nur eines: Sechs Wochen nach der Tat sind Staatsanwaltschaft und Polizei noch immer ratlos.

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