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15. Dezember 2016, 15:39 Uhr

Mutmaßlicher Mörder von Freiburg

Was wir über Hussein K. wissen

Hussein K. soll in Freiburg eine Studentin getötet haben. Nun werden immer mehr Details zu seinem Leben bekannt, unter anderem wurde er in Griechenland wegen versuchten Totschlags verurteilt. Die Fakten.

Je mehr Details zum Leben von Hussein K. bekannt werden, desto mehr Fragen kommen auf. Bereits 2013 beging K. ein Gewaltverbrechen in Griechenland, für das er verurteilt und inhaftiert wurde. Im Rahmen eines Amnestie-Gesetzes kam K. frei und setzte sich trotz Auflagen nach Deutschland ab.

Der Tatablauf im Freiburger Fall und das tatsächliche Alter des Verdächtigen sind weiterhin unklar. Nun mehren sich in Deutschland Stimmen, die griechischen Behörden ein Versagen vorwerfen. Hier sind die Fakten in dem verworrenen Fall.

Was ist über Hussein K. bekannt?

Polizei und Staatsanwaltschaft legen dem jungen Mann Vergewaltigung und Mord zur Last. Am Tatort in Freiburg waren DNA-Spuren von ihm gefunden worden, sieben Wochen nach dem Tod der Studentin wurde er festgenommen. 2015 kam er laut Staatsanwaltschaft als unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland, lebte in Freiburg bei einer Pflegefamilie und stand unter der Vormundschaft des Jugendamtes Breisgau-Hochschwarzwald.

Wie alt ist er?

Bei seiner Einreise nach Deutschland hatte sich K. als 16-jähriger Afghane vorgestellt. Die Staatsanwaltschaft ging bislang davon aus, dass das nun mit 17 angegebene Alter korrekt ist. Laut seinem in Griechenland vorgelegten Pass wurde er allerdings im Jahr 1996 geboren. Demnach wäre er schon 20 Jahre alt. Die Ermittler haben bei der Rechtsmedizin der Freiburger Universität ein Gutachten in Auftrag gegeben. Die Experten dort sollen das Alter des Verdächtigen bestimmen. Welche Methoden sie hierfür verwenden, ist den Angaben zufolge noch nicht entschieden.

Warum spielt sein Alter eine Rolle?

Ist ein Täter zur Tatzeit jünger als 18 Jahre, gilt automatisch Jugendstrafrecht. Vor Gericht verhandelt wird dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es drohen maximal zehn Jahre Haft. Ist der Täter älter, können Juristen anders vorgehen und auch härter bestrafen.

Für welche Tat wird K. in Griechenland verantwortlich gemacht?

Hussein K. wurde vor mehr als zwei Jahren für ein Gewaltverbrechen an einer jungen Frau in Griechenland angeklagt und verurteilt. Er hatte die Frau demnach offenbar 2013 auf der Insel Korfu überfallen und eine Steilküste hinunter geworfen. Sie überlebte schwer verletzt. Nach seiner Verurteilung zu zehn Jahren Haft kam Hussein K. in ein Jugendgefängnis in die Stadt Volos im Westen Griechenlands.

Weshalb und unter welchen Auflagen kam er vorzeitig frei?

Aus dem Gefängnis wurde er nach Angaben griechischer Behörden schon im Oktober 2015 wieder entlassen. Im April 2015 hatte die griechische Regierung das Gesetz Nummer 4322 erlassen. Es erlaubt die vorzeitige Entlassung jugendlicher Straftäter bei guter Führung. Voraussetzung ist, dass das Strafmaß - wie im Fall von K. - zehn Jahre nicht übersteigt und mindestens ein halbes Jahr der Strafe verbüßt wurde. Laut seiner Anwältin war dieses Gesetz Grund für die Freilassung K.s. Allerdings galt die Amnestie nur unter Auflagen. K. hätte sich einmal pro Monat melden müssen, tat das aber offenbar nur im November 2015.

Warum war deutschen Behörden die Vorgeschichte von Hussein K. nicht bekannt?

Im Dezember wurde seine Entlassung von der griechischen Justiz widerrufen, da er sich nicht an die Auflagen gehalten hatte. Zu diesem Zeitpunkt war K. den jüngsten Erkenntnissen zufolge jedoch in Deutschland schon erfasst worden. Am 12. November beantragte er auf einer Freiburger Dienststelle Asyl und wurde von der Bundespolizei erkennungsdienstlich behandelt. Laut dem Innenministerium führte Hussein K. keine Papiere bei sich, als er Asyl beantragte. Ein Abgleich mit internationalen Datenbanken erbrachte keine Ergebnisse. Im Schengener Informationssystem (SIS) stehen beispielsweise mehr als 60 Millionen Daten wie Bilder und Fingerabrücke für die nationalen Polizeidienste von 28 Staaten Europas zur Verfügung.

Laut Angaben des griechischen Justizministeriums gab es jedoch Fingerabdrücke von K, die bei dessen Einreise nach Griechenland im Jahr 2013 genommen worden waren. Die griechischen Behörden hätten demnach die Abdrücke in die europäische Datenbank zur Speicherung von Fingerabdrücken "Eurodac" geladen, die dort für alle Mitgliedsstaaten, also auch für die deutsche Polizei, überprüfbar gewesen wären.

Wie läuft die Koordination zwischen den deutschen und griechischen Behörden in diesem Fall?

Das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden koordiniert das Übersenden der Freiburger Fragen nach Griechenland. Das Verfahren ist laut einer Sprecherin kompliziert und zeitaufwendig. Ein europaweiter DNA-Vergleich mit den Daten des Verdächtigen hatte keinen Treffer erzielt. Zudem gab es laut BKA keinen internationalen Haftbefehl oder eine Fahndung.

Könnte Hussein K. noch in weiteren Fällen eine Rolle spielen?

In Endingen bei Freiburg wurde drei Wochen nach der Gewalttat vom Oktober eine weitere junge Frau vergewaltigt und ermordet. Die Polizei hat nach eigener Aussage keine Hinweise auf einen Zusammenhang, ausschließen kann sie ihn aber auch nicht. In Endingen haben die Ermittler keine verwertbaren DNA-Spuren vom Täter gefunden. Eine konkrete Spur in diesem Fall gibt es nicht.

cnn/dpa

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