Karlsruhe/Berlin - Die Ankläger im Fall Zschäpe gehen volles Risiko: Sie werfen der 37-Jährigen eine Mittäterschaft an allen zehn Morden des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) vor. Die Bundesanwaltschaft spricht von "Anhaltspunkten", dass Zschäpe sich bei dem Mord an Ismail Y. in Nürnberg in unmittelbarer Nähe des Tatorts aufgehalten haben soll.
Ermittlungsakten, die dem SPIEGEL vorliegen, und über die auch die "tageszeitung" berichtet, belegen, dass sich die Anklage offenbar auf die Aussage einer Zeugin stützt. Sie will Zschäpe am 9. Juni 2005 in der Nähe des Dönerstands, in dem Ismail Y. getötet wurde, gesehen haben. Die Ermittler gehen davon aus, dass Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Kugeln abfeuerten.
Die Zeugin sagte, sie habe Zschäpe gegen 10 Uhr beim Bezahlen in einem Edeka-Supermarkt beobachtet. Direkt hinter dem Markt stand der Döner-Imbiss, an dem Y. zwischen 9.45 Uhr und 10.15 Uhr erschossen wurde.
Sie sei sich sicher, dass es Zschäpe gewesen sei, so die Zeugin. Die Frau habe sie damals an die US-Schauspielerin Sara Gilbert erinnert, die in der TV-Serie "Roseanne" die Darlene spielte. Tatsächlich gibt es zwischen der Schauspielerin und Zschäpe eine gewisse Ähnlichkeit.
Die Zeugin hat laut SPIEGEL bereits 2005 ausgesagt, sie habe in der Nähe des Tatorts zwei Männer mit Fahrrädern gesehen. Dies deckt sich mit weiteren Zeugenaussagen. Bei mehreren ihrer Morde und Banküberfälle sollen Mundlos und Böhnhardt mit Fahrrädern unterwegs gewesen sein.
Zschäpe wird zudem versuchter Mord in zwei Fällen vorgeworfen: Sie soll an den NSU-Sprengstoffanschlägen in der Kölner Altstadt und in Köln-Mülheim beteiligt gewesen sein. Ihr werden außerdem unter anderem besonders schwere Brandstiftung und die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zur Last gelegt: Zschäpe soll nach dem Suizid ihrer Komplizen die Wohnung des Terror-Trios in Zwickau in Brand gesetzt und DVDs verschickt haben, in denen sich der NSU zu seinen Taten bekennt. Wenige Tage später stellte sie sich der Polizei und sitzt seither in Untersuchungshaft. Bislang verweigert sie die Aussage.
Neben Zschäpe hat die Bundesanwaltschaft vier mutmaßliche Unterstützer des NSU angeklagt - darunter der ehemalige NPD Funktionär Ralf Wohlleben.
Die Angeklagten im NSU-Prozess
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Beate Zschäpe
Anklage: Mittäterschaft bei zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen und 15 bewaffneten Raubüberfällen; Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung; versuchter Mord; besonders schwere Brandstiftung
Untersuchungshaft: seit 8. November 2011
Verbindung zum NSU: Zschäpe, Jahrgang 1975, gilt als Gründungsmitglied der Terrorzelle NSU.
Laut Bundesanwaltschaft war sie neben den verstorbenen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos eines von drei gleichberechtigten Mitgliedern der Gruppe. Sie soll selbst keine Morde verübt haben, aber für den NSU unverzichtbar gewesen sein. Laut Anklage sollte Zschäpe der Terrorzelle den Anschein von Normalität geben, war für die Logistik zuständig, verwaltete das Geld, mietete Fahrzeuge an, archivierte Artikel über die Taten der Terroristen, soll an der Beschaffung einer Waffe und gefälschter Papiere beteiligt gewesen sein. Schließlich soll die 37-Jährige das letzte NSU-Versteck in Zwickau in Brand gesetzt und DVDs verschickt haben, in denen sich der NSU zu seinen Taten bekannte.
RALF WOHLLEBEN
Anklage: Beihilfe zum Mord in neun Fällen
Untersuchungshaft: seit 29. November 2011
Verbindung zum NSU: Wohlleben, Jahrgang 1975, soll dem Terrortrio 1998 beim Untertauchen finanziell geholfen und dem NSU auch später Geld beschafft haben. Ende 1999 oder Anfang 2000 soll der frühere
NPD-Funktionär dem NSU mit Hilfe eines Kuriers eine Pistole vom Typ Ceska 83 und Munition besorgt haben - die Tatwaffe für die Morde an neun Kleinunternehmern mit Migrationshintergrund.
Holger G.
Anklage wegen: Unterstützung einer terroristischen Vereinigung in drei Fällen
Untersuchungshaft: 13. November 2011 bis 25. Mai 2012
Verbindung zum NSU: G., Jahrgang 1974, soll seit dem Ende der neunziger Jahre Kontakt mit dem Terrortrio gehabt haben. Dem NSU soll er seinen Führerschein, eine Krankenversichertenkarte und einen Reisepass überlassen haben. So soll er der Zelle ermöglicht haben, verborgen zu agieren und rechtsextreme Gewalttaten zu verüben. Zudem transportierte er für die Terroristen eine Waffe. G. hat gegenüber den Ermittlern ein umfassendes Geständnis abgelegt.
Carsten S.
Anklage: Beihilfe zum Mord in neun Fällen
Untersuchungshaft: 1. Februar bis 29. Mai 2012
Verbindung zum NSU: S. kaufte - angeblich mit dem Geld Ralf Wohllebens - die Waffe, mit der neun Kleinunternehmer erschossen wurden. Zudem lieferte der
32-Jährige die Pistole an die Terrorzelle nach Chemnitz. S. hat gegenüber der Bundesanwaltschaft ausgesagt und ein umfassendes Geständnis abgelegt.
André E.
Anklage: Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, Beihilfe zu einem Sprengstoffanschlag, Beihilfe zum Raub
Untersuchungshaft: 23. November 2011 bis 14. Juni 2012
Verbindung zum NSU: Der gelernte Maurer soll der Terrorzelle seit den neunziger Jahren geholfen haben, etwa bei der Anmietung von Fahrzeugen und einer Wohnung. Der 33-Jährige und seine Frau sollen die NSU-Mitglieder regelmäßig besucht haben. Zudem gab er 2006 Beate Zschäpe als seine Ehefrau aus.
Fotos: BKA/DER SPIEGEL
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