Mordanschlag in Brüssel "Wir Juden haben Angst"

Nach dem Mordanschlag von Brüssel steht Belgiens jüdische Gemeinde unter Schock. Schon seit Jahren fühlen sie sich von Politik und Justiz nicht ausreichend beschützt.

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Brüssel - "Wir Juden haben Angst", sagt Joël Rubinfeld, "aber wir lassen unser normales Leben nicht zerstören." Und so hat der Familienvater diesen Montagmorgen seine beiden Kinder in eine der Brüsseler jüdischen Schulen gebracht. Obwohl der Attentäter, der am Samstag vier Menschen im Jüdischen Museum Brüssel erschoss, noch immer nicht gefasst ist. Obwohl Rubinfeld fürchtet, dass der Killer noch mal zuschlägt.

Dutzende Polizisten bewachen an diesem Montag die drei jüdischen Schulen von Brüssel. Hunderte Einsatzkräfte suchen nach dem Attentäter: bislang vergeblich. In ihrer Verzweiflung haben die Ermittler Bilder einiger Überwachungskameras des Museums ins Internet gestellt. Aber die zeigen den Täter nur von oben, sein Gesicht ist nicht zu sehen. Der athletische Mann mit Baseballkappe, der auf etwa 30 Jahre geschätzt wird, bewegt sich ruhig und zielgerichtet, ganze 35 Sekunden habe die "minutiös vorbereitete" Tat gedauert, zitieren belgische Medien aus Ermittlerkreisen.

Ihnen zufolge deutet alles auf einen Terroranschlag hin: der erste anti-jüdische Mord in Belgien seit 1989. Der unbekannte Täter soll sein Blutbad laut Berichten belgischer Medien selbst mit einer kleinen Brustkamera gefilmt haben - wie einst Mohammed Merah, der 2012 in Toulouse und Umgebung sieben Menschen ermordete, darunter drei Kinder, die sich vor einer jüdischen Schule aufhielten.

"Der Staat reagiert lax auf solche Attacken"

"Es ist schon ein Schock", sagt Joël Rubinfeld, aber überrascht habe ihn diese Tat nicht. "Der Antisemitismus wächst überall in Europa, und Belgien ist heute eines der schlimmsten Länder."

Rubinfeld ist ein gefragter Mann in diesen Tagen. Drei Jahre lang war der 45-Jährige Präsident des Dachverbands der jüdischen Organisationen Belgiens (CCJOB), jetzt ist er Wortführer der Belgischen Liga gegen Antisemitismus. Zu ihm kommen seine Glaubensbrüder, wenn sie diskriminiert oder gewalttätig attackiert werden. Und dies geschehe mittlerweile fast alltäglich, behauptet Rubinfeld. "Das Leben der Juden in Belgien hat sich in den letzten Jahren erheblich verschlechtert", die antisemitische Hetze nehme stetig zu. Und dazu trage auch die Politik bei.

Tatsächlich fühlen sich viele der etwa 40.000 belgischen Juden immer unwohler in ihrem Land. In einer Umfrage der Europäischen Agentur für Grundrechte erklärten 77 Prozent der belgischen jüdischen Befragten, sie erlebten Antisemitismus als "ein großes Problem". Fast 90 Prozent gaben an, der Antisemitismus habe in den vergangenen fünf Jahren zugenommen. 41 Prozent haben schon darüber nachgedacht, das Land zu verlassen. Und jeder zehnte jüdische Umfrageteilnehmer in Belgien wurde in dieser Zeit nach eigenen Angaben Opfer von rassistischem Hass oder gar körperlicher Gewalt. Von acht untersuchten Staaten, unter ihnen auch Deutschland, waren nur in Frankreich und Ungarn die Werte ähnlich hoch.

"Diese Länder sind für uns die schwierigsten in Europa", sagt Rubinfeld. "In Deutschland gibt es ebenfalls Antisemitismus - aber auch einen politischen Willen, gegen Diskriminierung von Juden zu kämpfen. Bei uns hingegen reagiert der Staat lax auf solche Attacken." So hätten belgische Juden seit der Jahrtausendwende rund tausend rassistische Angriffe bei der Polizei angezeigt. Aber nur in einem einzigen Fall seien die Täter gerichtlich verurteilt worden.

Ende Januar hallte durch einen Zug von Lüttich nach Brüssel bei der Einfahrt in den Bahnhof Ottignies plötzlich die Lautsprecherdurchsage: "Sehr geehrte Damen und Herren, wir erreichen Auschwitz. Alle Juden werden gebeten, auszusteigen und eine kleine Dusche zu nehmen." Unbekannte hatten die Kommunikationsanlage aufgebrochen. Bis heute fehlt von ihnen jede Spur. Das Ergebnis ist oft Resignation. So zog eine jüdische Schule kürzlich aus dem Brüsseler Stadtteil Anderlecht ins wohlhabendere Ixelles aus: mangels Schülern und wegen zahlreicher Schmähungen.

Rubinfeld sieht den Antisemitismus vor allem im muslimischen Teil der Bevölkerung verankert. Er kann sich auf eine Studie von Mark Elchardus von der Freien Universität Brüssel aus dem Jahr 2011 berufen: Ihr zufolge war rund die Hälfte aller islamischen Schüler in der Hauptstadt antisemitisch eingestellt.

Muslimverbände verdammen Attentat

Allerdings sagt auch Rubinfeld: Nur eine Minderheit der Muslime im Land sei offen judenfeindlich oder gar violent. Und die muslimische Liga in Belgien sowie weitere muslimische und arabische Vereinigungen haben das Attentat vom Samstag verdammt, sich von jeglicher Form Gewalt distanziert und den Familien der Opfer ihre Solidarität und ihr Beileid erklärt.

Belgiens Politiker machten in den vergangenen Jahren, wenn überhaupt, eher Stimmung gegen die Juden als für sie. Im Herbst 2010 bezeichnete kein geringerer als der EU-Kommissar Karel de Gucht in einem Radiointerview die meisten Juden als rechthaberisch und warnte: "Unterschätzen Sie nicht die jüdische Lobby auf dem Capitol Hill, das ist das amerikanische Parlament. Das ist die bestorganisierte Lobby, die es dort gibt."

Zuletzt fiel der Abgeordnete Laurent Louis mit antisemitischen Ausfällen auf. Der Chef der rechtsextremen Randpartei "Debout les Belges" sagte zu Jahresanfang im Brüsseler Plenum, die Shoah sei "von den Pionieren des Zionismus finanziert" worden. Im Mai wollte Louis dann einen "Kongress der europäischen Dissidenten" im Stadtteil Anderlecht mit zahlreichen antisemitischen Rednern wie dem französischen Komiker Dieudonné abhalten. Die Behörden verboten das Treffen in letzter Minute. Rubinfeld nennt Louis und Dieudonné "Prediger des Hasses".

Jetzt, nach dem Mordanschlag, bekunden Politiker aller großen Parteien und König Philip einmütig ihre Solidarität mit den Juden. Belgiens Bürger haben Laurent Louis bei der Parlamentswahl am Sonntag abgewählt.

Hunderte haben vor dem Museum Blumen hinterlegt und Kerzen angezündet. Joël Rubinfeld geht an diesem Montagnachmittag nicht noch einmal zum Ort des Schreckens. Er muss dringend zur jüdischen Schule, seine Kinder persönlich abholen. Sicher ist sicher.

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