Mordaufklärung nach 16 Jahren Trudels Verschwinden

Warum rannte Gertrud Ulmen plötzlich weg aus ihrem Leben? Sie sei mit einem Liebhaber auf und davon, erklärte der Ehemann. Ermittler glaubten ihm. 16 Jahre später sollte sie für tot erklärt werden. Durch Zufall stellte sich heraus: Die Frau wurde damals ermordet - ihr Mann hat die Tat nun gestanden.

Polizei

Es ist eine winzige Annonce, die Wolfgang Kaes aufhorchen lässt. Acht nüchterne Zeilen, die versehentlich in der Redaktion des Bonner "General-Anzeigers" landen statt in der Anzeigenabteilung - und zwar direkt auf Kaes' Schreibtisch. Eine amtliche Bekanntmachung des Amtsgerichts Rheinbach.

Gertrud Gabriele Ulmen, seit März 1996 vermisst gemeldet, soll sich bis zum 28. Februar 2012 im 1. Stock, Zimmer 207, einfinden. Wahlweise auch Personen, die über Ulmens Aufenthaltsort Auskunft geben können. Erscheint niemand, werde Gertrud Gabriele Ulmen für tot erklärt. "Gezeichnet: Thiel, Rechtspflegerin."

"Stellen Angehörige Antrag auf Todeserklärung eines Vermissten, muss laut Verschollenheitsgesetz ein Aufgebot in einer Tageszeitung veröffentlicht werden", erklärt Alexandra Thiel. Das zuständige Gericht legt eine Frist zwischen sechs Wochen und einem Jahr fest. Gibt es in diesem Zeitraum kein Lebenszeichen, wird die Todeserklärung ausgesprochen.

Kaes, leitender Redakteur beim Bonner "General-Anzeiger", hätte den Aufruf im Kleingedruckten des Blattes nie gelesen, sagt er. So aber stolpert er über den Herkunftsort der vermissten Gertrud Ulmen. Wie er selbst stammt die Frau aus Mayen, einer 18.000-Einwohner-Stadt in der Eifel. Doch der Fall sagt ihm nichts. Er sucht im Archiv seiner Zeitung - vergeblich.

Kaes fragt bei der Polizei nach. "Die waren dort ganz perplex, wussten nicht mehr, ob sie überhaupt je ermittelt hatten", erinnert sich der 53-jährige Journalist. Eine Akte gibt es nicht mehr. Kaes beschleicht ein ungutes Gefühl. "Da stimmt was nicht."

Kaes macht sich auf Spurensuche und nimmt Kontakt zur Familie der Vermissten auf. Er besucht die Mutter, 83 Jahre alt, die seit dem Verschwinden ihrer Tochter jeden Tag eine Kerze vor einem gerahmten Foto anzündet.

Er fährt zu ihrem jüngeren Bruder und zu ihrer älteren Schwester, die den Antrag beim Amtsgericht gestellt hatten, weil sie jede Hoffnung auf ein Lebenszeichen ihrer Schwester aufgegeben haben. Er spricht mit Freunden der gelernten Arzthelferin, ihrem Arbeitgeber, dem Archiv des Neurologischen Rehabilitationszentrums Godeshöhe in Bad Godesberg und früheren Kollegen - und er klopft bei ihrem damaligen Ehemann an. Er hatte sie als vermisst gemeldet.

Ein Doppelleben, ihre Trudel?

Gertrud Ulmen ist 41 Jahre alt, als sie verschwindet. Sie lebt damals mit ihrem Ehemann in einem Einfamilienhaus in einer Siedlung in Rheinbach, etwa 40 Kilometer von Mayen entfernt. Am Weihnachtsfest 1995 verkündet sie ihrer Familie, sie sei nach 20 Jahren kinderloser Ehe endlich schwanger, doch sie erleidet eine Fehlgeburt. Und dann ist sie plötzlich weg.

Ihr Ehemann geht am 22. März 1996 zur Polizei, Gertrud Ulmen sei seit zwei Tagen nicht mehr zu Hause erschienen. Es fehle lediglich ihre Handtasche, er wisse nicht, sich anders zu helfen.

Am 24. März benachrichtigt er die Familie seiner Frau: Gertrud habe soeben angerufen, sie sei wohlauf und habe sich mit ihrem Liebhaber - einem portugiesischen Geschäftsmann - ins Ausland abgesetzt. Sie habe sich für die letzten Ehejahre mit ihm bedankt und für die Sorgen, die sie ihm in den vergangenen Tagen bereitet habe, entschuldigt.

Die Geschichte passt nicht zu Gertrud Ulmen, dieser zierlichen, bodenständigen Person, die auf Sicherheit und geordnete Verhältnisse Wert legte. So eine haut nicht Hals über Kopf ab. Ihre engste Freundin Wilma Althoff ist erstaunt, als sie hört: "Die Trudel ist verschwunden!" Ein Doppelleben, ihre Trudel? Durchgebrannt mit einem anderen Mann? Für die Freundin unverständlich. "Auf mich wirkten sie und ihr Mann wie ein sehr glückliches Ehepaar", sagt Althoff.

Eine Arbeitskollegin erzählt dem Journalisten Kaes, noch am Tag ihres Verschwindens habe auf Ulmens Schreibtisch im Büro ein Foto ihres Ehemannes gestanden. Auch die Geschwister können nicht glauben, dass Gertrud Ulmen ein neues Leben beginnt, ohne die Menschen, die sie lieben. Dass sie den schwerkranken Vater ohne einen Abschiedsgruß zurücklässt, später nicht zu seiner Beerdigung erscheint.

Doch je länger die Leute die Version von der Verschwundenen erzählen, je mehr Zeit vergeht, in der es kein Lebenszeichen gibt von Gertrud Ulmen, desto mehr verfliegen die Zweifel. Irgendwann heißt es, Gertrud Ulmen habe in Australien ein neues Leben begonnen. Wilma Althoff, die beste Freundin, erwischt sich gar bei dem Gedanken: "Ihr armer Ehemann, der kann einem ja leid tun." Er verkauft das zwei Jahre alte Cabrio seiner Ehefrau, reicht sechs Monate später die Scheidung ein, heiratet erneut und wird Vater.

Wilma Althoff schickt zur Geburt ein Geschenk. "Er rief mich an, bedankte sich und sagte, ich hätte keine Ahnung gehabt, was in der Ehe abgegangen sei", sagt Althoff.

"Der Rest ist Sache der Kripo"

Als ihn Gertrud Ulmens Familie nach Erinnerungsstücken fragt, sagt er, er habe sich geirrt: Seine Ex-Frau habe wohl nicht nur ihre Handtasche bei sich gehabt, sondern einen großen Hartschalenkoffer, vollgepackt mit Kleidung, Pelzmänteln und Schmuck. Auch seine zweite Ehe scheitert. Er heiratet ein drittes Mal, eine 24 Jahre jüngere Frau, er wird Vater eines Jungen, seine 14-jährige Tochter aus zweiter Ehe zieht zu ihm.

Er ist einer der ersten, die Wolfgang Kaes, der Redakteur, im Rahmen seiner Recherchen anfragt. Der Ex-Mann der Verschwundenen hält ihn hin, vertröstet ihn. Dann blafft er in den Hörer: "Ich habe das für mich psychisch verarbeitet, der Rest ist Sache der Kripo."

Kaes spürt die zweite Ehefrau des mittlerweile 57-Jährigen auf. Sie könne nicht bestätigen, dass Gertrud Ulmen Kleidung oder Schmuck mitgenommen habe, die Schränke seien nach ihrem Auszug proppevoll gewesen. Zudem stößt Kaes auf einen ungeklärten Todesfall: Vier Monate nach Ulmens Verschwinden, am 18. Juli 1996, findet ein Radfahrer in einem Waldstück bei Bad Honnef eine Frauenleiche. Sie trägt eine Bluse mit Punkten und eine auffällige Hose in knalligem Orange.

Ein Arbeitskollege von Gertrud Ulmen meldet sich im Sommer 1996 bei der Polizei. Könnte die Tote nicht die vermisste 41-Jährige sein? Beamte befragen daraufhin den Ehemann. Die Konfektionsgröße sei nicht die seiner Frau, zudem seien die Zähne der Toten zu ungepflegt. Dabei war damals bereits bekannt, dass die Hose nur drei Mal in einer Bad Godesberger Boutique verkauft wurde - ganz in der Nähe von Ulmens Arbeitsstelle. Die Tote wird schließlich in einem Kammergrab bestattet - identifizieren konnte man sie damals nicht.

Erst als Kaes ausführlich über den Vermisstenfall Ulmen berichtet, nimmt die Bonner Polizei erneut die Ermittlungen auf. Ein DNA-Abgleich mit allen 194 unbekannten Toten in Deutschland beweist am vergangenen Montag: Die Tote, die man in dem Waldstück in Bad Honnef fand, ist Gertrud Ulmen.

Die Kriminalpolizei bittet Wolfgang Kaes, der durch die Recherchen in den vergangenen Wochen intensiven Kontakt zur Familie aufgebaut hat, die Beamten beim Mitteilen der Botschaft zu begleiten. Es ist das erste Mal, dass Kaes eine Todesnachricht überbringt, es fällt ihm schwer. "Aber ich sah mich in der Verantwortung."

Während die Familie den Schock zu verarbeiten versucht, sitzt Ulmens früherer Ehemann zur Befragung in einem Vernehmungssaal der Polizei Bonn, er verwickelt sich in Widersprüche. In der Nacht zum Dienstag legt er ein Geständnis ab: "Im Zuge eines Streits hat er seine Ehefrau mit einem Kissen erstickt und ihren Leichnam entsorgt", sagt Staatsanwältin Karin Essig. Gegen den 57-jährigen Physiotherapeuten ergeht Haftbefehl wegen Totschlags.

16 Jahre lang glaubte Gertrud Ulmens Mutter, ihre Tochter würde noch leben. Ihre Geschwister klammerten sich an die Hoffnung, eines Tages würde sie vor der Tür stehen. Immer wieder ertappten sie sich dabei, wie sie glaubten, die verlorene Schwester aus der Ferne erkannt zu haben.

Dass der Ehemann der Täter sein soll, ist für sie ebenso schwer zu verkraften wie die Erkenntnis, dass sich die Polizei vor 16 Jahren so leicht von ihm täuschen ließ: Nur vier Tage - inklusive einem Wochenende - hat die Polizei damals ermittelt. Der Vermisstenfall Ulmen galt als geklärt, somit wurde die Akte nach fünf Jahren vernichtet. Nur in ungeklärten Fällen werden die Fahndungsunterlagen 30 Jahre archiviert.



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