Prozess im Mordfall Johanna Das vermurkste Leben des Rick J.

Rick J. steht wegen Mordes an der acht Jahre alten Johanna Bohnacker vor Gericht. Im Prozess schilderte er nun, wie sein Leben vor der Tat verlief - und danach.

Angeklagter Rick J. (Archivfoto)
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Angeklagter Rick J. (Archivfoto)

Von , Gießen


Wie kann es so weit kommen, dass ein Mensch derart vom Weg abkommt: Dass er sich am helllichten Tag ins Auto setzt, nur um ein Mädchen zu suchen? Ein Mädchen, das er überfallen, entführen und vergewaltigen kann? Ein Mädchen, dessen Leben ihm nichts bedeutet.

Vor dem Landgericht Gießen versucht Rick J. genau das: zu erklären, wie es so weit kommen konnte. Der 42-Jährige hat die dunklen Haare geschnitten, schulterlang, er trägt ein rotes Sweatshirt. In den kommenden vier Stunden wird er in Saal 207 nur über sich reden: Wie er aufwuchs, sein Leben plante, scheiterte und 18 Jahre lang das Geheimnis für sich behielt, ein Kind getötet zu haben.

Rick J. fällt das nicht schwer. Unbeteiligt beschreibt er, wie ihn seine leiblichen Eltern wenige Tage nach seiner Geburt im März 1976 in Bad Nauheim zur Adoption gaben. Warum sie das taten, ob sie noch leben - es hat ihn angeblich nie interessiert. Mutter und Vater waren für ihn die Adoptiveltern, die sich trennten, als er fünf oder sechs Jahre alt war. Den Vater sah er danach nur einmal im Jahr für zwei gemeinsame Ferienwochen, seit mehr als 20 Jahren pflegt er nur noch losen Kontakt zu ihm. Die Mutter starb 2002 nach einem Leben, in dem Alkohol eine große Rolle spielte.

Die Großmutter war es, die dem damals 17-jährigen Rick J.die Einzimmerwohnung in Friedrichsdorf im Hochtaunuskreis besorgte, in der er im Oktober vergangenen Jahres festgenommen wurde. Ein zugemülltes Zuhause, in dem er fast 25 Jahre lang mit Drogen experimentierte und Unmengen von Sexspielzeug und Kinderpornografie hortete.

Er betäubte sie mit Chloroform

Anfangs verlief das Leben des Rick J. noch in geordneten Bahnen: Nach drei Monaten Wehrdienst und zehn Monaten Zivildienst begann er mit dem Studium der Biochemie in Frankfurt am Main.

Doch am 2. September 1999 setzte sich Rick J. in sein Auto, angeblich vollgepumpt mit Crystal Meth und LSD und getrieben von einer ungezügelten Sexsucht. Auf einem Radweg im hessischen Bobenhausen entdeckte er die acht Jahre alte Johanna Bohnacker, betäubte sie mit Chloroform, zerrte sie in seinen Kofferraum. Er fesselte sie, verklebte ihr Augen und Mund mit einem Paketband. Das Mädchen erstickte. Rick J. legte sie in einem Waldstück in der Gemarkung Alsfeld-Lingelbach ab, etwa hundert Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.

Nun sitzt Rick J. auf der Anklagebank und es geht bei Weitem nicht nur um seinen beruflichen Lebenslauf, der überschaubar ist: Nach den Vordiplom-Prüfungen, die er wenige Wochen nach der Tat beendete, ließ Rick J. sein Studium schleifen. Er gab sich dem Nichtstun hin: Er arbeitete nie, er jobbte nie; er lungerte vor seinem Computer herum, ließ sich Lebensmittel von einem Supermarkt liefern oder bestellte Fastfood; manchmal dealte er. Geld überwies ihm erst der sonst abwesende Vater, später erbte er das Vermögen der verstorbenen Mutter.

Es geht vor allem um Rick J.s Intimleben: der erste Kuss, der erste sexuelle Kontakt, die erste feste Beziehung, sexuelle Präferenzen. Rick J. hat keine Hemmungen und ein gutes Gedächtnis. Er kennt jeden One-Night-Stand mit vollem Namen, die genauen Zeiträume seiner Affären und Details aus andauernden Beziehungen.

Die Richterin seufzt

Details, die selbst Rick J. als "ziemlich widerliche Sachen" bezeichnet; es geht um Sex mit Fäkalien und bizarre Fesselspiele, um Ekelgefühle, Schmerzempfinden und selbst gedrehte Filmchen. Seine Erklärungen dafür driften ins Absurde ab. "Ich muss das, glaube ich, nicht alles verstehen", sagt die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze an einer Stelle und seufzt.

Viele Jahre, in denen Johanna Bohnackers Eltern am ungeklärten Verbrechen ihres Kindes verzweifelten, scheint sich bei Rick J. alles in erster Linie um Sex gedreht zu haben. Aufgeputscht durch Amphetamine, habe er "exzessiven Sex" erlebt, "gerammelt wie ein Kaninchen" und sich seinen Neigungen hingegeben.

Pädophil sei er jedoch nicht, das ist Rick J. wichtig. Seine Vorliebe für Teenager habe er aus seiner Jugend einfach übernommen. Er sei hebephil, empfinde eine sexuelle Präferenz für pubertierende Mädchen zwischen 12 und 16 Jahren. Das hätten ihm auch die Gespräche mit Mitgefangenen noch einmal bestätigt. "Ich finde Mädchen interessant, Kinder: nein."

Warum lauerte er dann Johanna auf? Warum filmte er andere Kinder auf dem Weg in die Schule? Warum klaute er Kinderkleidung? Und warum finden sich auf seinem Rechner eine Masse kinderpornografischen Dateien? Rick J. hat auf alle Fragen eine Antwort.

Seine teils hanebüchenen Erklärungen bringen vor allem Staatsanwalt Thomas Hauburger auf die Palme. Dieser konfrontiert ihn mit ekelhaften Details, etwa aus beschlagnahmten Videos, und droht immer wieder damit, dass man zu fast allen Fragen auch Zeugen hören werde, die Rick J.s Angaben widerlegen würden. Rick J. blinzelt ihn durch seine kleinen Brillengläser an. Es scheint ihn in keiner Weise zu beunruhigen.

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