Mordfall Kim Wall Als Raketen-Madsen seinen Krieg verlor

Ein gefallener Held, eine zerstückelte Journalistin und die Frage: Warum? Erste Antworten vor dem Prozess zum U-Boot-Mord in Kopenhagen.

Peter Madsen (2008)
AP / Niels Hougaard / Ritzau

Peter Madsen (2008)

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Die Dänen haben ihn geliebt, ihren "Raketen-Madsen", den wilden Troll, der ganz hoch hinaus wollte. Ein selbst gebautes U-Boot hatte er auch noch, genial. In diesem U-Boot ist im vergangenen Sommer etwas Schreckliches passiert, und vieles an dem Mord, für den Peter Madsen verantwortlich gemacht wird, ist rätselhaft.

Der Fall hat tragische, verrückte, grauenhafte Seiten, er ist neben Lego und Hygge zur Zeit das, was man auf der Welt aus Dänemark mitbekommt. Die internationale Aufmerksamkeit vor dem Prozess reicht bis Australien und Südafrika. Eine Frage wird immer wieder gestellt: warum? Was könnte der Raketen- und U-Boot-Bauer für ein Motiv gehabt haben, die schwedische Journalistin Kim Wall während ihrer gemeinsamen Fahrt durch die Ostsee umzubringen?

Dies Foto vom 10. August 2017 zeigt Kim Wall (r.) an Bord von Madsens U-Boot
AFP

Dies Foto vom 10. August 2017 zeigt Kim Wall (r.) an Bord von Madsens U-Boot

Nach einer sorgfältigen Recherche ist es möglich, sich einer ersten Antwort anzunähern: Unmittelbar vor der Tat stürzte Madsen in eine schwere Krise.

Daniel Karpantschof hat jene Tage gut in Erinnerung. "Peter war aufgewühlt, weil er die Genehmigung bekommen hatte, einen Raketenstart durchzuführen", sagt er. Raketen waren Madsens Lebensthema, schon als Jugendlicher hatte er selbst gemixten Treibstoff in ein Abflussrohr gefüllt und das Projektil hinter der Schule gezündet. Das Gelände nannte er "Cape Cosmos". Die Startgenehmigung war eigentlich eine gute Nachricht. Aber auch ein Problem. Karpantschof hat versucht, bei der Lösung des Problems zu helfen. Zum ersten Mal spricht er hier jetzt öffentlich darüber, was im vergangenen August passiert ist.

Gelöst, so viel ist sicher, hat er nichts. Madsen sitzt im Gefängnis und kommt am Donnerstag in Kopenhagen vor Gericht.

Daniel Karpantschof ist Chef der Firma Copenhagen Industries, die pyrotechnische Spezialeffekte entwickelt, zum Beispiel für Filmproduktionen oder Rockkonzerte. Madsen sollte ihm helfen, eine neuartige Waffenattrappe für den Einsatz vor der Kamera zu entwickeln. Aus der Geschäftsbeziehung entstand ein enger persönlicher Kontakt.

"Einmal in der Woche haben wir uns Zeit für ein intensives Gespräch genommen, man kann es als Coaching bezeichnen", sagt Karpantschof. Er ist 33 Jahre alt, 14 Jahre jünger als Madsen, aber er hat ihm die internationale Erfahrung voraus. Neun Jahre hat Karpantschof in New York gelebt, er war an mehreren Start-ups beteiligt und gehörte zum Council of Experts for the Global Entrepreneurship Summit, einem Beraterkreis der Obama-Regierung. Er fügt hinzu, dass er längst nicht alles über Madsen wisse und auch nicht alles sagen könne, was er von ihm erfahren hat. "Aber ich kenne seine damalige Gemütsverfassung. Sie war nicht gut."

Um zu verstehen, was Madsens Problem mit der Starterlaubnis für seine Rakete war, muss man einige Jahre zurückblicken. Er war seit 2014 in einen Privatkrieg verstrickt. Es ging darum, wer als Erster in einer Raumkapsel ins Weltall hinausfliegt, er, der Chef von "Raketen-Madsens Raumlaboratorium" (RML), oder ein anderer.

Test der selbst gebauten Rakete "Heat-1X" (2012)
DPA

Test der selbst gebauten Rakete "Heat-1X" (2012)

Sein Lebenstraum war es, mit Materialien aus dem Baumarkt etwas zu schaffen, was sonst Milliarden kostet. Damit hätte er es allen gezeigt, die ihn nicht für genial, sondern bloß für einen Spinner hielten, und die gab es auch.

Ein Do-it-yourself-Ausflug ins All wäre eine technische Meisterleistung und der größtmögliche Ego-Kitzel gewesen. Es hätte für ihn bedeutet, wie er gern erzählte, Dänemark in eine Liga mit den Raumfahrtnationen USA, Russland und China zu katapultieren.

Madsens Krieg spielte sich auf der Kopenhagener Hafeninsel Refshaleøen ab, einem ehemaligen Werft- und Industriegelände, das zu einem Quartier für Filmleute, Musiker, Künstler und andere Kreative geworden ist. In einem rostigen Wellblech-Hangar hatte er dort sein "Raumlaboratorium" angesiedelt. Sein Team stattete er mit olivgrünen Overalls aus, einer Art Uniform. Er hatte schon lange eine Schwäche für alles Militärische. Manchmal schlüpfte er in die Rolle des Kommandeurs aus dem U-Boot-Film "Das Boot" und trug ganze Dialogpassagen auswendig vor.

Gleich neben dem schon etwas heruntergekommenen RML-Hangar arbeiteten die Leute von "Copenhagen Suborbitals" (CS): In der grün gestrichenen, ordentlich eingezäunten Halle saßen Madsens Feinde.

Er kannte die Leute gut, schließlich war er Mitbegründer dieses dänischen Raketenprojekts. Aber 2014 hatte er sich mit den meisten in der Gruppe überworfen und war mit seinen verbliebenen Anhängern 100 Meter weiter gezogen. Überall erzählte er, dass es in dieser Konkurrenz nur einen Sieger geben könne: Peter Madsen.

Aber das stimmte nicht.

Seine Niederlage zeichnete sich ab, als die dänischen Behörden den 26./27. August 2017 als Termin für den nächsten möglichen Raketentest bekannt gaben. An dem Wochenende würde es erlaubt sein, vor der Ostseeinsel Bornholm von einer schwimmenden Plattform aus einen Flugkörper ins All zu schicken.

Doch genau da lag das Problem: Die Behörden hatten diesen Termin nicht nur für das RML-Team freigegeben, sondern auch für die anderen, die von CS. Die beiden Gruppen sollten miteinander reden und sich einigen.

Miteinander reden? Das hatten die verfeindeten Lager schon lange nicht getan, jedenfalls nicht auf der Führungsebene. Trotzdem begann sich bei RML herumzusprechen, dass die "Copenhagen Suborbitals" dem "Raumlaboratorium" inzwischen überlegen waren.

Daniel Karpantschof sagt: "Sie waren besser vorbereitet und besser finanziert, ganz ohne Zweifel." Madsen sei wütend gewesen, aber auch zerrissen, denn innerlich sei er seinem alten Projekt noch ein wenig verhaftet geblieben. "Auf gewisse Weise wollte Peter sogar ihren Erfolg", sagt Karpantschof. "Sie benutzten seine Technik, deshalb hatten sie einen Minderwertigkeitskomplex, und er war empört, dass sie mit seinen Ideen weitergemacht haben." Bei "Copenhagen Suborbitals" will sich niemand zu Peter Madsen äußern.

Nach einem längeren Gespräch, sagt Karpantschof, habe sich Madsen auf seinen Rat hin einen Ruck gegeben und sei hinüber zu den anderen gegangen, um mit ihnen zu reden. "Sie waren verblüfft, als er plötzlich auftauchte, und sagten ihm, dass niemand mit ihm sprechen darf. Anweisung des Vorstands." Um zu reden, hätte es einen neuen Vorstandsbeschluss geben müssen. Madsen sei traurig zurückgekehrt.

In diesen aufgewühlten Tagen schrieb er einen längeren Eintrag in dem Raket-Madsen-Blog auf der Webseite der dänischen Zeitschrift "Ingeniøren". Darin erzählt er von "bitteren Erfahrungen" und einer "sehr emotionalen Debatte", er referiert die aktuellen Ereignisse, macht einen Schlenker bis zurück zur Gründung der "Copenhagen Suborbitals" 2008 und zeigt sich bei allem Ärger stolz darauf, "dass jetzt so viele Leute an dieser verrückten Madsen-Idee arbeiten".

Die eigentliche Botschaft des Eintrags ist zwischen vielen Worten versteckt: Er wünsche den anderen "einen schönen Flug" mit ihrer Rakete Nexø II, sein Team werde "die Arbeit an Alpha fortsetzen", der RML-Rakete. Als Nächstes stehe ein Fallschirmtest an. Damit endet der Text.

"Peter hatte verloren", sagt Karpantschof. Der Traum war geplatzt. Madsen würde nie ins Weltall fliegen, das wusste er nun, die Grenze zum Kosmos würde er nicht überschreiten. Der Blog-Eintrag datiert vom 9. August 2017 um 22.27 Uhr.

Am 10. August schickte Madsen nachmittags eine Textnachricht an die schwedische Journalistin Kim Wall. Ob sie Interesse habe, ihn auf einen Tee in seiner Werkshalle zu besuchen.

Madsen war jetzt 46 Jahre alt, ein Mann, der sehr viel gewollt und wenig erreicht hatte. Um Geld und Besitz hatte er sich nie gekümmert, er lebte ganz für seine Mission, die er unter anderem mithilfe von Sponsoren finanzierte. Nach außen stand er immer noch groß da. Aber wie lange noch? Ihn plagten jetzt auch finanzielle Sorgen. Einige Tage zuvor musste er einen Freund um Geld bitten, damit er den Tierarzt für eine seiner Katzen bezahlen konnte.

Ist diese Krise eine Erklärung für Kim Walls Tod? Die Anklage wirft ihm nicht nur Mord, sondern auch sadistische sexuelle Handlungen vor. Erst der bevorstehende Prozess wird wohl zeigen, ob es Motive gibt, die in irgendeiner Weise nachvollziehbar sind. Man kann aber schon jetzt sagen: Die zeitliche Nähe zwischen der Tat und Madsens Niederlage im Kalten Krieg der Raketenbauer ist frappierend.

Eine Freundin Walls, die Journalistin May Jeong, hat in der US-Zeitschrift "Wired" eine lange, auch persönlich eingefärbte Reportage über den Fall veröffentlicht. Jeong zufolge war Wall im März 2017 zu ihrem Freund gezogen, dem dänischen Designer Ole Stobbe, der auf Refshaleøen wohnte. Aus den Fenstern des Hauses kann man die grüne Werkshalle von CS und dahinter den RML-Hangar sehen. Die Idee, eine Geschichte über diese seltsamen Raumfahrt-Enthusiasten zu schreiben, war naheliegend.

Sehr weit ist Wall, wie Jeong berichtet, nicht mit der Recherche vorangekommen. Sie redete mit einem Konstrukteur bei den "Copenhagen Suborbitals" und schrieb Madsen eine Anfrage, erhielt aber lange keine Antwort. Bis zum 10. August. Auch die dänischen Ermittler sagen, dass Wall und Madsen sich vorher nicht gekannt haben, obwohl sie monatelang nur 200 Meter voneinander entfernt wohnten.

Peter Madsen vor seinem U-Boot (2008)
DPA

Peter Madsen vor seinem U-Boot (2008)

Aus verschiedenen Quellen geht hervor, dass die 30 Jahre alte Journalistin gleich am Nachmittag Madsen besuchte. Für den frühen Abend lud er sie zu einer Rundfahrt in sein selbst gebautes U-Boot "Nautilus" ein.

Für den selben Abend hatten Wall und Stobbe einige Freunde zu einer Abschieds-Grillparty auf ein Uferkai gebeten. Sie wollten nach Peking umziehen, einige Tage später sollte es losgehen, eine Wohnung in der chinesischen Hauptstadt hatten sie bereits.

Der Zeitpunkt für die unerwartete Recherche war also schlecht, doch die Gelegenheit, zwei Stunden mit dem U-Boot durch die Ostsee zu fahren und dabei Madsen näher kennenzulernen, wollte sich die Reporterin nicht entgehen lassen. Die Frage war, ob Stobbe mitkommen würde. Er entschied sich schließlich dagegen, denn ihre Gäste am Uferkai sollten nicht auf sie beide warten müssen.

Gegen 19 Uhr legte die "Nautilus" ab, es gibt Bilder, die zeigen, wie Wall und Madsen im Abendlicht aus dem Turm des U-Boots übers Wasser blicken. Es sieht sehr friedlich aus. An ihren Freund schickte die Journalistin von unterwegs noch zwei Handyfotos, eines zeigt sie am Steuerrad.

Das, was danach geschah, ist grässlich und zum Teil noch unbekannt. In der Nacht um 1.43 Uhr alarmierte Stobbe die Polizei, um 2.17 Uhr die Marine. Ob Kim Wall zu dieser Zeit noch lebte, haben die Ermittler nicht feststellen können. Der einzige Zeuge, Peter Madsen, hat bisher nur von einem "Unfall" gesprochen. Die Journalistin sei vom 70 Kilo schweren Deckel des U-Boot-Turms erschlagen worden, lautet eine Version. Ein andermal hat er auch von einer Kohlenmonoxid-Vergiftung als möglicher Todesursache geredet.

Aber selbst unter seinen Angehörigen und Freunden findet sich niemand mehr, der ihm glaubt. Seine Ehefrau, mit der er seit 2011 verheiratet ist, will nichts mehr mit ihm zu tun haben und hat die Scheidung eingereicht. Sie möchte anonym bleiben.

Auf Refshaleøen führte das Ehepaar ein Bohème-Leben, übernachtet haben sie gewöhnlich in einem Container des "Raumlaboratoriums", auf einem Hausboot namens "The Ship of Fools", manchmal im U-Boot. Es war eine offene Beziehung, aber Madsen erklärte ihr stets seine Liebe, auch vor anderen. Man kann das noch immer nachlesen, in dem Blog, den er bei "Ingeniøren" geschrieben hat.

Madsen war umschwärmt. "Er unterhielt einen regelrechten Harem", sagt Karpantschof, "man sprach einfach von der 'Frauengruppe'". In seinen Aussagen vor dem Untersuchungsrichter hat Madsen kein Geheimnis daraus gemacht, dass er Fetisch-Sex mag. Aber was erklärt das?

Als einen Schlüssel zu Madsens Persönlichkeit sieht Karpantschof den Drang, das Unmögliche zu versuchen. "Er war ein Typ, der immer an eine Grenze gehen wollte, um sie irgendwann zu überschreiten." Nach einigem Zögern sagt er: "Ich halte es für möglich, dass das, was im U-Boot passiert ist, eine bewusste Grenzüberschreitung war."

Manche, die mit dem Fall und Madsens Charakter vertraut sind, wollen Indizien dafür haben, dass er den Mord vielleicht gefilmt hat in der Absicht, das Video teuer zu verkaufen. Aber das ist bisher nur "eine Möglichkeit unter mehreren", wie ein Insider sagt. Auf einer Festplatte Madsens haben die Fahnder extreme Videos gefunden, Aufnahmen von Frauen, die vor laufender Kamera gequält und ermordet werden. "Wir nehmen an, dass sie echt sind", sagt ein Ermittler.

Zugegeben hat Madsen, dass er Kim Walls Leiche zerstückelt und in der Ostsee versenkt hat. Alle Körperteile wurden nach und nach gefunden. Die Gerichtsmediziner haben im Genitalbereich 14 Einstiche gezählt.

Gedenkstelle für die Journalistin Kim Wall am schwedischen Ostseestrand
Dietmar Pieper

Gedenkstelle für die Journalistin Kim Wall am schwedischen Ostseestrand

Staatsanwalt Jakob Buch-Jepsen fordert in seiner Anklage die Höchststrafe, die von einem dänischen Gericht verhängt werden kann: lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung.

"Die vom Gericht bestellten Psychiater sind zu dem Ergebnis gekommen, dass von Peter Madsen eine unmittelbare und dauerhafte Gefahr für die Sicherheit und das Leben anderer Menschen ausgeht", sagt Buch-Jepsen. Madsens Verteidigerin Betina Hald Engmark, die sich öffentlich immer sehr zurückhaltend äußert, sagt lediglich, sie hoffe "auf einen fairen Prozess".

Daniel Karpantschof kennt die fürchterlichen Details, die in der Anklage stehen. Zum Abschied sagt er etwas, das dazu absolut nicht zu passen scheint, ihm aber trotzdem wichtig ist: "Peter Madsen war, nein, ist kein schlechter Mensch. Ich habe ihn, wie viele andere, als sehr warmherzig und fürsorglich erlebt."

Aber wie konnte er dann tun, was er offenkundig getan hat? Darauf hat Karpantschof keine Antwort. Er sagt nur: "Ich bin sicher, Peter hat diesen Mord begangen. An diesem Punkt endet meine Loyalität zu ihm." Seine Gedanken seien häufig bei Kim Walls Familie.

Gegenüber von Kopenhagen an der schwedischen Küste gibt es einen Ort des Gedenkens an die Ermordete, er ist schlicht und würdevoll. Ein paar Hundert weiße Steine vom Ostseestrand bilden in der sandigen Böschung ein Herz, das die Buchstaben ihres Vornamens Kim einrahmt. Ihr Elternhaus steht ganz in der Nähe. Als Kind hat sie hier am Wasser gespielt.



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