Prozessbeginn im Mordfall Lena: Elfjährige wurde erwürgt

Im März wurde die Leiche der elfjährigen Lena in einem Parkhaus in Emden gefunden. Nun wurde bekannt, dass das Mädchen erwürgt wurde. Ein 18-Jähriger steht vor Gericht, er hat den Mord gestanden - und der Polizei schon lange vor der Tat seine pädophilen Neigungen offenbart.

Aurich - Im Landgericht Aurich haben die Prozessteilnehmer mit einer Schweigeminute der elfjährigen Lena gedacht, die vor fünf Monaten getötet wurde. Seit Montag muss sich der 18-jährige David H. wegen Mordes, sexuellen Missbrauchs und versuchter Vergewaltigung verantworten.

Für den größten Teil der Verhandlung wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. In dem Verfahren würden Einzelheiten über den jungen Angeklagten und die Hinterbliebenen angesprochen, begründete der Vorsitzende Richter Werner Brederlow seine Entscheidung. Zu Prozessauftakt sprachen die Ermittler erstmals über die Todesursache: Demnach wurde Lena erwürgt. Als Nebenkläger treten bei der Verhandlung vor der Jugendkammer Lenas Mutter und Bruder sowie eine Joggerin auf. Der Angeklagte soll versucht haben, sie zu vergewaltigen. Am ersten Verhandlungstag sollen Lenas Eltern, der Parkhauswächter und der elfjährige Freund aussagen.

In zehn weiteren Verhandlungstagen muss das Gericht auch klären, ob H. im Fall eines Schuldspruchs nach Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht verurteilt wird. Als Jugendlicher drohen ihm maximal zehn Jahre Haft, als Erwachsener wäre eine lebenslange Strafe möglich. Das Urteil soll Anfang November fallen.

Selbstanzeige wegen pädophilen Neigungen

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Mordfall Lena: Prozessauftakt am Landgericht Aurich
An einem Samstag vor fünf Monaten, am Nachmittag des 24. März, war die elfjährige Lena mit einem gleichaltrigen Freund mit dem Fahrrad zu den Wallanlagen der niedersächsischen Hafenstadt Emden gefahren, um Enten zu füttern. Doch der Junge kehrte alleine nach Hause zurück. Am Abend fand ein Parkplatzwächter die Leiche des Mädchens im Treppenhaus eines Parkhauses. Das Gebäude steht direkt neben einem Kino im Zentrum der 52.000-Einwohner-Stadt.

Die Polizei ging von einer Sexualstraftat aus, fahndete nach einem dunkel gekleideten Mann und veröffentlichte Ausschnitte von Videoaufnahmen aus dem Parkhaus. Nach drei Tagen nahm die Polizei einen Verdächtigen fest. Der 17-Jährige kam in Untersuchungshaft - und bekam dort den Hass der Bewohner Emdens zu spüren.

"Aufstand! Alle zu den Bullen. Da stürmen wir. Lasst uns das Schwein tothauen", schrieb ein Jugendlicher bei Facebook. Rund 50 Menschen folgten seinem Aufruf und versammeln sich vor dem Polizeirevier. Wegen Aufrufs zur Lynchjustiz wurde der Facebook-Schreiber später zu zwei Wochen Jugendarrest verurteilt und erhielt eine Verwarnung nach Jugendstrafrecht. Da war schon lange klar, dass der Berufsschüler, gegen den sich der Hass gerichtet hatte, unschuldig ist.

Eine Woche nach Lenas Tod nimmt die Polizei einen neuen Verdächtigen fest. Der 18-jährige David H. gesteht die Tat. Ein Richter erlässt Haftbefehl wegen dringenden Mordverdachts zur Verdeckung eines Sexualdelikts. Die Beamten kennen H. bereits: Vier Monate zuvor hatte er sich selbst angezeigt.

Jugendamt, Psychiatrie, Anzeige

Dass H. ein gestörtes Sexualleben hat, bemerkte seine Familie erstmals im Herbst 2010. Damals überredete er eine sieben Jahre alte Freundin seiner Schwester, sich nackt von ihm fotografieren zu lassen. Die Mutter platzte ins Zimmer, sie informierte das Jugendamt.

Im September 2011 erstattete H.s Stiefvater Anzeige: Er übergab der Polizei eine Computerfestplatte mit zahlreichen Kinderpornos, die H. heruntergeladen haben soll. Zu der Zeit befand sich H. bereits zur stationären Behandlung in der Jugendpsychiatrie Aschendorf in Papenburg. Die Behandlung endete am 18. November 2011.

In Begleitung eines Jugendamt-Betreuers meldete er sich kurz darauf bei der Polizei in Emden und berichtete von den bisherigen Zwischenfällen und seinen sexuellen Neigungen. Er wolle mit der Selbstanzeige einen Schlusspunkt setzen, so H.

Versäumnisse und Fehler

Die Polizei leitete ein Verfahren gegen H. ein, sein Fall wurde an die zuständige Polizeiinspektion Aurich weitergegeben. Doch weder dort, noch in Emden wird eine Speichelprobe des Jugendlichen genommen, um seine DNA festzustellen - ein übliches Verfahren beim Verdacht des sexuellen Missbrauchs. Durch sie hätte sich feststellen lassen, dass der junge Mann nur einen Tag nach seiner Beichte bei der Polizei versucht haben soll, eine Joggerin zu vergewaltigen.

Zudem ermittelten die Beamten wegen Besitzes von Kinderpornografie und nicht wegen sexuellen Missbrauchs - das heißt, H.s Fall wurde als minderschwer und mindereilig bewertet. Das Amtsgericht Hannover erließ am 20. Dezember einen Beschluss zur Durchsuchung von H.s Wohnung wegen des Vorwurfs der Kinderpornografie. Doch die Hausdurchsuchung wurde nicht ausgeführt.

Drei Monate später traf H. in Emden auf Lena. Nach ihrem Tod suchte eine 40-köpfige Mordkommission nach dem Täter. Zwei Zeuginnen, die den 18-Jährigen am Tattag in der Nähe des Parkhauses gesehen hatten, brachten die Fahnder schließlich auf seine Spur.

Schon Ende März räumte die Polizei schwere Fehler im Vorfeld der Tat ein. Die Beamten hätten nicht konsequent genug gegen H. ermittelt, hieß es damals. Gegen zahlreiche Beamte wurden inzwischen Disziplinarverfahren eingeleitet.

aar/dpa/AFP/dapd

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1. Leider...
tytan65 20.08.2012
...werden ja Krankheiten, deren Symptome Straftaten sind, nicht als solche behandelt.
2. Welche Krankheiten ??
juergw. 20.08.2012
Zitat von tytan65...werden ja Krankheiten, deren Symptome Straftaten sind, nicht als solche behandelt.
Reicht denn nicht:Schwere Jugend,von der Mutter verprügelt,in der Schule von kleinen Mädchen gehänselt ,etc. Das sollte doch für mildere Umschläge reichen....
3.
peterbruells 20.08.2012
Zitat von juergw.Welche Krankheiten? Reicht denn nicht:Schwere Jugend,von der Mutter verprügelt,in der Schule von kleinen Mädchen gehänselt ,etc. Das sollte doch für mildere Umschläge reichen....
Meine Güte, das kann doch nicht zu schwierig zu verstehen sein? Pädophilie ist eine Form der Sexualpräferenz, die sich im Gegensatz zu anderen (z.B. Fetischismus) so äußert, dass es Opfer gibt, wenn dem Drang nachgegeben wird. Darum zählt man sie zu den Paraphilien, einer Gruppe psychische Störungen. Und wenn man der Berichterstattung Glauben schenken dar, ist es so gut wie unmöglich, als Betroffener präventiv therapiert zu werden. Immer erst - wenn überhaupt - wenn etwas passiert wird. Anzuerkennen, dass dieser Drang real ist, so wie der nach normalen heterosexuellen oder homosexuellen Sex, heißt ja nicht, dass man das Ausleben desselben akzeptiert. Aber es wäre schon mal ein richtiger Schritt in die Richtung, die entsprechend Veranlagten so unterstützen, dass sie damit umgehen können. Und nein, ich weiß nicht, wie das geschehen soll. Dazu gibt es Psychologen und Psychiater. Charité-Angebot: Plakate werben für Pädophilen-Therapie - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/charite-angebot-plakate-werben-fuer-paedophilen-therapie-a-357963.html) Uni Hannover eröffnet Ambulanz für pädophile Männer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/uni-hannover-eroeffnet-ambulanz-fuer-paedophile-maenner-a-821394.html)
4.
Rainer Helmbrecht 20.08.2012
Zitat von tytan65...werden ja Krankheiten, deren Symptome Straftaten sind, nicht als solche behandelt.
Leider ist Lena an solchen Symptomen durch Ermordung verstorben, da muss man doch Verständnis haben. Hat nicht jeder von uns kleine Schwächen. MfG. Rainer
5. Offene Frage?
kosaptes 20.08.2012
Hallo, der Spiegel-Redakteur sollte vielleicht erklären warum es eine offene Frage ist ob der Täter nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht verurteilt wird. Wer unter 21 Jahren tötet wird immer nach Jugendstrafrecht verurteilt. Auch wer das für angemessen hält sollte den Lesern gegenüber so ehrlich sein, nicht den Eindruck zu erwecken hier würde eventuell anders entschieden.
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Mädchenmord in Emden - Chronologie
Verdächtiger seit 2011 polizeibekannt
Der Mord an einer Elfjährigen hat die Menschen in Emden erschüttert. Der mutmaßliche Täter sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft. Klar ist: Die Polizei hatte schon Monate vor der Tat mit dem Verdächtigen zu tun - und machte dabei offenbar schwere Fehler. Ein Überblick.
Jugendpsychiatrie
Samstag, 24. September 2011: Der Verdächtige begibt sich zur stationären Behandlung in die Jugendpsychiatrie Aschendorf. Die Behandlung endet am 18. November. Die Mutter des jungen Mannes hatte ihn im Oktober 2010 erwischt, als er Zuhause Nacktaufnahmen von einem siebenjährigen Mädchen machte.
Anzeige des Stiefvaters
Montag, 26. September 2011: Der Stiefvater des Verdächtigen erstattet bei der Polizei Anzeige, weil der Jugendliche kinderpornografische Fotos auf den Computer des Mannes heruntergeladen haben soll. Er gibt eine Festplatte mit entsprechenden Bildern bei den Beamten ab.
Selbstanzeige
Mittwoch, 23. November 2011: Der 18-Jährige erscheint zusammen mit einem Betreuer bei der Polizei in Emden und zeigt sich selbst an. Er gibt an, Fotos von einem unbekleideten Kind gemacht und kinderpornografische Bilder gesammelt zu haben. Mit der Selbstanzeige will er nach eigener Aussage einen Schlusspunkt setzen. Er gehe gegen seine Neigungen an und befinde sich in Betreuung. Die Polizei in Emden gibt das Verfahren an die zuständige Polizeiinspektion in Aurich ab.
Angriff auf Joggerin
Donnerstag, 24. November 2011: Der 18-Jährige soll versucht haben, eine Joggerin in Emden zu vergewaltigen. Er wird nicht gefasst, es werden jedoch DNA-Spuren gesichert, die ihn später belasten.
Antrag auf Hausdurchsuchung
Dienstag, 6. Dezember 2011: Die Polizeiinspektion Aurich/Wittmund stellt bei der Staatsanwaltschaft Aurich einen Antrag auf Hausdurchsuchung wegen des Vorwurfs der Kinderpornografie.
Akten in Hannover
Freitag, 9. Dezember 2011: Die Akten aus Aurich gehen bei der Staatsanwaltschaft Hannover ein, da diese in Niedersachsen für den Tatbestand Kinderpornografie zuständig ist.
Durchsuchungsbeschluss
Dienstag, 20. Dezember 2011: Das Amtsgericht Hannover erlässt auf Antrag der Staatsanwaltschaft einen Beschluss zur Hausdurchsuchung. Es soll nach kinderpornografischen Bildern gesucht werden. In der Akte findet sich auch der Verweis auf sexuellen Missbrauch. Doch die dafür zuständige Staatsanwaltschaft in Aurich wird darüber nach bisherigen Erkenntnissen nicht informiert, so dass die Nacktaufnahmen von der Justiz nicht weiter verfolgt werden.
Eingang in Aurich
Freitag, 30. Dezember 2011: Der Beschluss zur Hausdurchsuchung geht bei der Polizei in Aurich ein, doch er wird nicht umgesetzt. Auf Basis von Erfahrungswerten wird eine Frist von drei Monaten für die Durchsuchung und Auswertung vorgegeben. Laut einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts wird die Vollstreckung eines Durchsuchungsbeschlusses nach sechs Monaten unzulässig.
Wiedervorlage
Dienstag, 20. März: Der Fall landet als Wiedervorlage bei dem zuständigen Sachbearbeiter der Staatsanwaltschaft Hannover. Dieser stellt fest, dass noch nichts passiert ist, und verlängert die Frist um einen Monat. Laut Justizministerium ist dieses Vorgehen nicht unüblich.
Mädchenleiche
Samstag, 24. März: Am Abend wird in einem Parkhaus im ostfriesischen Emden die Leiche eines elfjährigen Mädchens gefunden. Die Polizei geht von einem Gewaltverbrechen aus.
Fahndung läuft an
Montag, 26. März: Auf einer Pressekonferenz bestätigen die Ermittler, dass die Straftat einen sexuellen Hintergrund hat. Die Bilder der Überwachungskameras werden ausgewertet. Die Beamten fahnden nach einem dunkel gekleideten jungen Mann. Am Abend halten die Menschen in Emden eine Schweigeminute für das elfjährige Mädchen ab.
Polizei veröffentlicht Überwachungsvideo
Dienstag, 27. März: Die Polizei veröffentlicht Ausschnitte von Videoaufnahmen aus dem Parkhaus. Für Hinweise zur Ergreifung des Täters setzt die Stadt Emden eine Belohnung in Höhe von 10.000 Euro aus. Am Abend wird ein Tatverdächtiger festgenommen. Im Internet werden daraufhin Lynchaufrufe verbreitet. Rund 50 Menschen belagern stundenlang das Polizeigebäude in Emden, in dem der Verdächtige vernommen wird.
Tatverdächtiger sagt aus
Mittwoch, 28. März: Der junge Mann sagt nach anfänglichem Schweigen aus, legt aber kein Geständnis ab. Am Abend wird Haftbefehl gegen ihn erlassen. Der junge Mann bestreitet weiterhin, die Tat begangen zu haben.
Behörden geben Pressekonferenz
Donnerstag, 29. März: Auf einer Pressekonferenz teilt die Polizei mit, dass der Verdächtige für die Tatzeit kein Alibi besitzt. Außerdem soll sich der junge Mann bei den Vernehmungen in Widersprüche verwickelt haben. Die Polizei veröffentlicht eine neue Videoaufnahme, auf der der mutmaßliche Täter zu sehen ist.
17-Jähriger wird freigelassen
Freitag, 30. März: Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit, dass der festgenommene 17-Jährige unschuldig ist und aus der Untersuchungshaft entlassen wird. Das getötete Mädchen wird in Emden beigesetzt.
Festnahme des 18-Jährigen
Samstag, 31. März: Die Ermittler nehmen den 18-Jährigen fest. Hinweise aus der Bevölkerung hätten den Tatverdacht konkretisiert, das Ergebnis einer DNA-Analyse den Verdacht untermauert, so die Polizei.
Geständnis
Sonntag, 1. April: Die Ermittler geben bekannt, dass der 18-Jährige die Tötung des elfjährigen Mädchens zugegeben hat.
Ermittlungsfehler
Dienstag, 3. April: Die Polizei räumt eine schwere Panne ein und berichtet darüber, dass die Wohnung des 18-Jährigen trotz des Beschlusses nicht durchsucht worden ist. Die Gründe für die Panne sollen bei polizeiinternen Ermittlungen geklärt werden.
Gedenkveranstaltung
Donnerstag, 12. April: In Emden versammeln sich Schüler, Lehrkräfte und Eltern an der Emsschule zu einer Gedenkveranstaltung. Gegen vier weitere Beamte werden Disziplinarverfahren eingeleitet.
Urteil wegen Aufrufs zur Lynchjustiz
Mittwoch, 30. Mai: Der 18-jährige Berufsschüler, der bei Facebook zum Lynchmord aufgerufen hat, wird zu zwei Wochen in Dauerarrest verurteilt. Er erhält zudem eine Verwarnung nach Jugendstrafrecht.
Prozessauftakt
Montag, 20. August: Vor dem Landgericht Aurich beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Lena. Dem 18-Jährigen wird neben der Tötung und dem sexuellen Missbrauch auch die versuchte Vergewaltigung einer Joggerin im November 2011 vorgeworfen. Der Prozess beginnt unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Quellen: dpa/dapd

Urteil
Mittwoch, 7. November: Das Landgericht Aurich spricht den Angeklagten schuldig und ordnet seine Einweisung in eine psychiatrische Klinik an. Der 19-Jährige wird wegen Mordes und versuchten sexuellen Missbrauchs verurteilt.