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Früheres Urteil aufgehoben: Freispruch für Ulvi K. im Mordfall Peggy

Angeklagter Ulvi K.: In Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen Zur Großansicht
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Angeklagter Ulvi K.: In Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen

Ulvi K. war für den Mord an der kleinen Peggy verurteilt worden - nun wird der Richterspruch aufgehoben. Das Landgericht Bayreuth hat den 36-Jährigen im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen. Die Tat konnte ihm nicht nachgewiesen werden.

Bayreuth - Im erneuten Mordprozess um die seit 13 Jahren verschwundene Peggy hat das Landgericht Bayreuth das Urteil verkündet: Freispruch für Ulvi K. Damit hoben die Richter die frühere Verurteilung des geistig behinderten Mannes wegen Mordes an dem Mädchen auf. "Er ist aus tatsächlichen Gründen freizusprechen; ein Tatnachweis ist nicht möglich", sagte der Vorsitzende Richter Michael Eckstein. "Natürlich wäre es sehr schön gewesen, wenn wir neue Erkenntnisse erhalten hätten." Unterstützer von Ulvi K. reagierten im Gerichtssaal mit Applaus und Bravo-Rufen auf das Urteil.

Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung hatten in ihren Plädoyers einen Freispruch für den 36-Jährigen beantragt. In dem neu aufgerollten Strafverfahren ging es ausschließlich um die Frage, ob Ulvi K. die Tat nachgewiesen werden kann. In seinem Schlusswort sagte er: "Ich hab die Peggy nicht umgebracht. Mein Wunsch ist, dass sie noch lebend gefunden wird."

Die damals neun Jahre alte Schülerin aus dem oberfränkischen Lichtenberg wird seit dem 7. Mai 2001 vermisst. Drei Jahre später wurde Ulvi K. in einem Indizienprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Landgericht Hof sah es als erwiesen an, dass der Gastwirtssohn die Schülerin tötete, um einen vier Tage vorher begangenen sexuellen Missbrauch an ihr zu vertuschen. Er hatte die Tat im Juli 2002 gestanden, einige Monate später aber widerrufen. Ulvi K. wurde im Oktober 2002 wegen sexueller Übergriffe auf Jungen aus der Nachbarschaft in die geschlossene Forensik gebracht.

Keine Beweise, keine Leiche

Peggys Leiche wurde trotz vieler Suchaktionen, unter anderem mit Beteiligung von Kampfjets der Bundeswehr, nie gefunden. Im Dezember 2013 ordnete das Landgericht Bayreuth die Wiederaufnahme an. Dafür gab es zwei Gründe: Ein wichtiger Belastungszeuge räumte im September 2010 ein, falsch ausgesagt zu haben. Er hatte 2004 behauptet, Ulvi K. habe ihm den Mord an Peggy gestanden. Beim damaligen Prozess war zudem nicht bekannt, dass die Ermittler eine Tathergangshypothese erstellt hatten. Sie war dem späteren Geständnis von Ulvi K. auffallend ähnlich. Der Verdacht lag nahe, dass der Angeklagte nur eine ihm vorgegebene Version wiedergegeben hat.

Auch ein psychiatrischer Gutachter hielt es - anders als vor zehn Jahren - für "wissenschaftlich denkmöglich", Ulvi K. könne sich das Geständnis auch ausgedacht haben. Der Vorsitzende Richter beendete die Beweisaufnahme im neuen Prozess vorzeitig. Seine Begründung: "Bis zum heutigen Tag ist kein einziger Sachbeweis für das damalige Geständnis von Ulvi K. gefunden worden."

"Das Geständnis mit Divergenzen und Ungereimtheiten kann keine Grundlage für eine Verurteilung sein", sagte Richter Eckstein. Ulvi K. habe sein Geständnis in unterschiedlichen Versionen mit zum Teil lebensfremden Schilderungen abgegeben: Dass Peggy auch nach ihrem angeblichen Sturz mit dem Schulranzen weitergelaufen sein soll, "ist für uns schwer nachvollziehbar".

Mehrere Verdächtige im Visier der Ermittler

Der Angeklagte habe möglicherweise Parallel-Erlebnisse in seine Geständnisse eingebaut, sagte Eckstein. Bei seiner psychiatrischen Untersuchung sei seine hohe Phantasiebegabung aufgefallen. "Er war imstande, detailreiche Geschichten zu vorgelegten Bildern zu entwickeln. Und dies sogar an Folgetagen zu wiederholen."

Seit Sommer 2012 wird in dem Fall neu ermittelt. Eine Spur brachte die Polizei auf einen Mann aus Halle in Sachsen-Anhalt. Der ehemalige Bekannte von Peggys Familie sitzt derzeit wegen sexuellen Missbrauchs seiner Tochter in Haft. Er habe eingeräumt, sich auch an seiner Nichte mehrmals vergangen zu haben, gab ein Polizeibeamter an. Auffällig daran ist, dass die Nichte im gleichen Haus wie Peggy wohnte und der Missbrauch wenige Wochen vor Peggys Verschwinden stattfand. In der Haftzelle des Mannes fanden Polizisten ein Foto des Mädchens.

Zum Kreis der Tatverdächtigen zählen außerdem der Halbbruder des Mannes und ein Lichtenberger, der bereits wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt wurde. "Ohne Vorliegen eines einzigen Beweises wurden andere Tatverdächtige von den Ermittlern ausgeblendet", kritisierte Ulvi K.s Verteidiger Michael Euler. Nach 13 Jahren sei es nun nahezu unmöglich, "einen der spektakulärsten Kriminalfälle Deutschlands" aufzuklären.

wit/dpa/AFP

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