Mordfall Ursula Herrmann Bruder wirft Gericht mangelnden Aufklärungswillen vor

Die zehnjährige Ursula Herrmann erstickte 1981 in einer vergrabenen Kiste. Ihr Bruder bezweifelt die Schuld des verurteilten Entführers - und kritisiert die Aufarbeitung des Verbrechens in einem offenen Brief.

Die zehnjährige Ursula Herrmann (1981)
DPA/ LKA Bayern

Die zehnjährige Ursula Herrmann (1981)


Der Bruder der 1981 entführten und in einer Kiste erstickten Ursula Herrmann erhebt schwere Vorwürfe gegen die bayerische Justiz. In einem offenen Brief schreibt Michael Herrmann, vieles "spricht dafür, dass ein Unschuldiger seit zehn Jahren im Gefängnis sitzt. Die Menschen, die den Tod meiner Schwester zu verantworten haben, leben in Freiheit."

Der Fall des getöteten Mädchens gilt als einer der größten Kriminalfälle in der Geschichte der Bundesrepublik. Das Mädchen war 1981 am Ammersee verschleppt worden.

Nachdem die Ermittlungen jahrzehntelang erfolglos geblieben waren, wurde 2008 ein Verdächtiger in Kappeln in Schleswig-Holstein verhaftet. Eine Strafkammer des Augsburger Landgerichts verurteilte Werner M. nach einem Indizienprozess 2010 wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. M. bestreitet, der Täter zu sein.

Michael Herrmann (r., Archiv)
DPA

Michael Herrmann (r., Archiv)

Ende 2013 reichte Michael Herrmann Zivilklage gegen Werner M. ein. Er verlangt von M. 20.000 Euro Schmerzensgeld wegen psychischer Schäden und Tinnitus - laut Herrmann Folgen der Belastung durch den Strafprozess gegen M.

Allerdings hat das Zivilverfahren auch einen anderen Zweck: Durch Herrmanns Klage muss sich erneut ein Gericht mit dem Fall befassen. Für Werner M. ist der Prozess daher eine Chance, dass Ungereimtheiten nochmals diskutiert werden.

Denn auch Michael Herrmann hat große Zweifel an der Täterschaft des Mannes - der Zivilprozess könnte ihm Munition für ein Wiederaufnahmeverfahren liefern. "Das Schicksal meiner Schwester begleitet mich nun seit 37 Jahren und noch immer ist unklar, wer wirklich verantwortlich ist für ihren Tod", schreibt er in dem offenen Brief. Er wolle sich nicht damit abfinden, dass die Verantwortlichen frei seien.

Im Strafverfahren gegen Werner M. habe er erleben müssen, "wie ein einseitiges und unvollständiges Gutachten zu einem alten Tonbandgerät zur lebenslänglichen Verurteilung des Mannes führte. Über zwingend beteiligte Mittäter wurde gar nicht nachgedacht. Es lag zwar ein Geständnis eines labilen Alkoholikers vor, der für einen halben Tag behauptete, das Loch für die Kiste gegraben zu haben, aber der widerrief diese Aussage Stunden später und blieb auch bei seinem Widerruf."

Unterirdisches Verlies in einem Waldstück bei Schondorf (Archiv)
DPA

Unterirdisches Verlies in einem Waldstück bei Schondorf (Archiv)

Damit spielt Michael Herrmann auf Klaus P. an, einen alkoholkranken Kleinkriminellen. Er hatte ausgesagt, im Auftrag Werner M.s das Loch für die Kiste ausgegraben zu haben. Drei Stunden später aber widerrief Klaus P. auf dem Revier sein Geständnis. 1992 starb er.

Zudem gibt es von Klaus P.s Aussage kein offizielles Protokoll, das Klaus P. - wie es bei der Polizei üblich ist - unterschrieb. Es gibt nur ein Gedächtnisprotokoll, angefertigt von einem Ermittler, dessen Fokus nach eigenen Angaben schnell auf Werner M. und Klaus P. gefallen war. Im Strafprozess gegen Werner M. stützte das Augsburger Landgericht die Verurteilung auf ein Gutachten zu einem Tonbandgerät und dieses zurückgezogene Geständnis. Der Verstorbene Klaus P. war der Hauptbelastungszeuge.

"Dürftiges Ergebnis des Strafverfahrens"

All dies nährt Michael Herrmanns Zweifel an der Schuld von Werner M. - zumindest aber an der Theorie vom Einzeltäter. Entsprechend hart übt er Kritik: "Kann es sein, dass der Augsburger Justiz nicht an wirklicher Aufklärung des Falles Ursula Herrmann, dem Tod meiner kleinen Schwester, gelegen ist? Die Details und das dürftige Ergebnis des Strafverfahrens und die seit nunmehr fünf (!) Jahren schleppende Prozessführung des Zivilverfahrens legen diesen Schluss nahe."

Konkret kritisiert Herrmann, dass die Zivilkammer ihm nicht glauben wollte, ein im Herbst 2010 - nach dem Urteil gegen Werner M. - erstmals aufgetretener Tinnitus sei Folge der Belastung durch das Strafverfahren. "Immer noch weckt mich das Ohrgeräusch frühmorgens auf quälende Weise und es sieht nicht danach aus, dass sich das ändert. Meinen Lehrerberuf und meine Stundenzahl musste ich inzwischen deswegen deutlich zeitlich einschränken."

Herrmann wirft dem Gericht vor, die Zivilkammer habe zu seinem Leiden ein Gutachten in Auftrag gegeben, diesem aber nicht geglaubt. Erst habe der Gutachter den Richtern deutlich machen müssen, "dass seine Untersuchungsergebnisse eindeutig waren". Für Herrmann ist klar: Die Zivilkammer spielt auf Zeit.

Der Brief kommt für die Augsburger Richter zu einem brisanten Zeitpunkt: Für den kommenden Donnerstag ist der nächste Verhandlungstag in dem Fall angesetzt. Möglicherweise verkündet das Gericht dann schon sein Urteil in dem Zivilverfahren.

ulz



insgesamt 17 Beiträge
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gammoncrack 27.07.2018
1. Eine wirklich bittere Sache in der deutschen Rechtsgeschichte.
Hieg ging es dem Gericht und den Ermittlern offensichtlich nur darum, vor der Verjährungsfrist bei vielleicht nur möglichem Strafbestand "erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge" von 30 Jahren jemanden hinter Gitter zu bringen. Liest man sich einmal die Einzelheiten zu diesem Fall bei https://de.wikipedia.org/wiki/Entführung_von_Ursula_Herrmann durch, dann fragt man sich verzweifelt, ob hier Richter und Ermittler nur eines Erfolges wegen, einen Unschuldigen verurteilt haben. Und nun weiterhin eine Zivilklage so zu boykottieren, dass das alte Urteil weiterhin Bestand haben kann. Natürlich weiß auch ich nicht, ob nicht doch der Richtige verurteilt wurde. Aber angesichts des gesamten Ablaufes wäre meiner Meinung nach ein "in dubito pro reo" eher angebracht gewesen.
der Guru 27.07.2018
2. und nun?
Worauf werden die Zweifel gestützt? Irgendwie ein sehr dürftiger Artikel, da viel zu wenig Infos...
SPONU 27.07.2018
3. Da graust es mir heute noch
....das war einer der ersten Fälle die ich als Teenager in der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst mitverfolgt hatte. Ich sehe die Bilder noch vor mir mit der Kiste und ihrem Röhrensystem zur Belüftung, welches so konstruiert wurde damit kein Schrei nach aussen dringen konnte. Leider hatte der/die Täter das bewusst/unbewusst so konstruiert, dass nicht ausreichend Luft in die Kiste kam. Beim Gedanken daran eingegraben zu ersticken....schrecklich. Einfach nur schrecklich. Ich hoffe dass die Wahrheit ans Licht kommt, entweder die Schuld bestätigt wird oder der wahre Verbrecher (oder die) gefunden wird.
Frida_Gold 27.07.2018
4.
Zitat von der GuruWorauf werden die Zweifel gestützt? Irgendwie ein sehr dürftiger Artikel, da viel zu wenig Infos...
Wieso, steht doch da - die Verurteiltung beruht letztlich auf dem Gedächtnisprotokoll eines zurückgezogenen Geständnisses eines Alkoholkranken.
nmu 27.07.2018
5. Ganz schön wirrer Artikel
Der Bruder des Opfers bezweifelt also die Schuld des Verurteilten, verklagt ihn aber auf Schmerzensgeld? Wie passt denn das bitte zusammen? Darauf geht der Artikel in keiner Weise ein. Und dann das: "Möglicherweise verkündet das Gericht dann >>schon
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