Mordfall Ursula Herrmann Lebendig begraben in einer engen Kiste

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2. Teil: Werner M. - "Speziell", zynisch, brutal


Werner M. ist ein großer, kräftiger Mann mit Vollbart, er lebte zum Zeitpunkt der Entführung keine 300 Meter von der Familie Herrmann entfernt. Eine Geschichte aus dem Jahr 1975, die man sich über ihn erzählt und die auch sein Anwalt nicht dementiert, spricht von seiner Brutalität. Damals soll M. seinen Hund in die Tiefkühltruhe gesteckt haben - aus Wut darüber, dass der den Inhalt des Küchenmülleimers auf dem Fußboden zerstreut hatte. M. holte das Tier erst wieder aus dem Eisfach, als es tot war.

"Eine üble Geschichte, keine Frage", sagt M.s Verteidiger, Rechtsanwalt Walter Rubach aus Augsburg. "Aber allein daraus zu schließen, er habe Ursula Herrmann vergraben, halte ich für verwegen." Werner M. sei eben ein "spezieller Typ", diesem Umstand sei auch seine Ausdrucksweise geschuldet, als er den Ausdruck "Betriebsunfall" benutzte. "Er ist eben ein Mensch, der bisweilen eine grobe, zynische Sprache benutzt", sagt Rubach.

Auch dass sein Mandant damals Schulden hatte, hält Rubach als mögliches Motiv für wenig überzeugend. Seiner Meinung nach ging es im Entführungsfall Herrmann nicht unbedingt um Geld. Ein weiterer Tatverdächtiger, der mittlerweile gestorbene Münchner Polizist Harald W., habe ebenso Gründe gehabt für die Tat; und zudem einen Kollegen, der sie ihm zutraute - "nicht des Geldes wegen, sondern weil er es seiner ehemaligen Behörde mal zeigen wollte", sagt Rubach. "Harald W. wird sogar von einem Zeugen als Charakterschwein beschrieben: Er habe nachts Jagd auf Obdachlose gemacht, sie von den Parkbänken geprügelt. Einen soll er sogar so lange unter Wasser gedrückt haben, bis der zu ertrinken drohte."

So lässt sich aus der Sicht des erfahrenen Strafverteidigers nahezu jedes Indiz gegen, aber auch zugunsten Werner M.s auslegen.

Der Tatverdächtige und seine Ehefrau sind bereits vorbestraft

Was ist sonst von Werner M. bekannt? Er ist zum zweiten Mal verheiratet und Vater zweier Kinder. Seine Tochter hat Ursula gekannt und auch mal mit ihr gespielt. Mit seinem Werkstattladen für Rundfunk- und Fernsehtechnik in Eching ging er pleite, Gläubiger und Banken wollten damals mehr als 150.000 Mark.

Ein Jahr nach Ursulas Tod zog das Ehepaar M. weg vom Ammersee. Es heißt, die knapp 1600 Einwohner Echings hätten Werner M., Mitglied im ortsansässigen Schützenverein, trotz seines Alibis der Tat beschuldigt und ausgegrenzt.

Der gebürtige Oberhausener und Sohn eines Polizisten lebte anschließend mit seiner Frau zuerst in einem Dorf im Bayerischen Wald, danach zogen sie an die Ostsee, nach Kappeln an der dänischen Grenze, wo Werner M. ein Geschäft für Bootszubehör eröffnete. Die Ermittler behielten ihn fortwährend im Auge.

Beide, Werner und Gabriele M., sind vorbestraft und zu Bewährungsstrafen verurteilt: Er wegen Urkundenfälschung und Betrugs, sie wegen falscher uneidlicher Aussage. Die Staatsanwaltschaft wirft Gabriele M. vor, die Erpresserschreiben verfasst zu haben. "Ein prozesstaktischer Schachzug", sagt Verteidiger Rubach: Somit könne Frau M. nicht von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen, ihre bisherigen Aussagen seien dennoch verwertbar.

Ungewöhnlich für einen reinen Indizienprozess: Werner M. werde zum Auftakt am Donnerstag nicht schweigen, sondern sich umfassend zum Tatvorwurf äußern, kündigte sein Rechtsanwalt an. Gegen das Ehepaar aus Rheinland-Pfalz, das den M.s zum Zeitpunkt der Entführung ein Alibi gegeben hat, wird in einem getrennten Verfahren ermittelt.

"Völlig neutral und fair ins Verfahren"

Ursulas Eltern werden nicht am Prozess teilnehmen. Ihre Anwältin Marion Zech wird versuchen, auch bei ihrer Zeugenbefragung die Öffentlichkeit auszuschließen. Ursulas Bruder, heute 45 Jahre alt, wird im Namen der Familie als Nebenkläger an bestimmten Verhandlungstagen im Gerichtssaal sitzen.

Für die Angehörigen sei es wichtig, dass sie am Ende des Prozesses restlos von der Schuld des Angeklagten überzeugt seien, sagt Anwältin Zech. "Meine Mandanten haben sich noch keine Meinung gebildet, sie gehen völlig neutral und fair ins Verfahren. Sie wollen sich erst am Ende der Beweisaufnahme ein Urteil bilden."

Mit Hilfe eines "engmaschigen Informationssystems" werden Ursulas Eltern "ohne Wertung" von allen Details aus dem Verfahren unterrichtet, so Zech. "Natürlich liegt ganz klar ein Tatverdacht gegen Herrn M. vor, aber ob er sich tatsächlich verdichten lässt, wird erst die Hauptverhandlung zeigen."

Für die Nebenklage-Vertreterin steht fest: "Wenn meine Mandanten nicht von der Täterschaft des Herrn M. überzeugt sind, werde ich nicht gegen ihre Überzeugung plädieren."

Die Familie gilt als tief gläubig. Während einer der Erpressertelefonate sollen Ursulas Eltern ihrem stummen Anrufer gesagt haben: "Wir verzeihen Ihnen." Allerdings klammerten sie sich da noch an die Hoffnung, ihr Kind sei am Leben.

Der Fall Ursula Herrmann
Das Verbrechen an Ursula Herrmann war eines der spektakulärsten in der deutschen Kriminalgeschichte: Das Leben des Mädchens endete an einem Dienstagabend in einem Wald nahe des bayerischen Ammersees.

Es ist der 15. September 1981, der erste Schultag nach den Ferien. Ursula Herrmann, zehn Jahre alt, geht nach der Schule zunächst zur Turnstunde im Nachbarort Schondorf, danach besucht sie ihre Tante. Auf dem Heimweg wird sie entführt.

Ein Unbekannter verschleppt sie in ein Waldstück zwischen Schondorf und Eching und zwängt sie in eine Holzkiste, die 1,60 Meter tief in den Waldboden eingelassen ist. In die Plastikrohre für die Belüftung sind 2400 Löcher gebohrt, die Kiste wird über eine Autobatterie beleuchtet. Das Innere ist mit rosafarbenem Stoff ausgekleidet, auf dem Boden liegen Kinderbücher, Comics, Gebäck und Kinderkleidung.

Ursula wird nichts essen, nicht in den Büchern lesen. Die Zehnjährige erstickt qualvoll - bereits sechs Stunden, nachdem sie vom Rad gezerrt worden war.
Einige Tage nach der Entführung geht bei Ursulas Eltern ein aus Zeitungsbuchstaben zusammengestückelter Erpresserbrief ein: Sie sollen zwei Millionen Mark Lösegeld für die Freilassung ihrer Tochter zahlen.

Es folgt ein weiterer Brief, in dem der Erpresser detaillierte Übergabemodalitäten angibt, und neun Telefonanrufe, auf denen lediglich die Bayern 3-Verkehrsfunkmelodie zu hören ist. Sie sollen Ursulas Eltern die Möglichkeit geben, sich zu den Forderungen zu äußern. Immer wieder beteuern die Herrmanns, das Geld - eine Summe, über die sich nicht einmal im Ansatz verfügten - irgendwie zu beschaffen. Dann bricht der Kontakt zum Entführer ab.

Am 4. Oktober, 19 Tage nach Ursulas Verschwinden, finden Ermittler die Holzkiste mit der Leiche des Mädchens.
Werner M., ein gelernter Maler, wurde am 28. Mai 2008 in seiner Wohnung in Kappeln in Schleswig-Holstein festgenommen. Zur Tatzeit lebte er in Eching am Ammersee, im selben Ort wie Ursulas Familie. Wenige Wochen nach der Tat war er erstmals ins Visier der Ermittler geraten: Ein anonymer Hinweisgeber hatte ihn beschuldigt, doch eine Hausdurchsuchung blieb ergebnislos. Zudem hatte der Verdächtige ein Alibi, das die Ermittler trotz aller Zweifel nicht entkräften konnten. Jahrelang hatte er ein Radio-Fernseh-Geschäft geführt, sich verschuldet und den Laden schließlich geschlossen. "Der Tatverdacht gegen ihn war nie ausgeräumt", sagt Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz.

Das Landgericht Augsburg verurteilte den 59-Jährigen nun zu lebenslanger Haft.



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