Mordfall Ursula Herrmann: Tonbandgerät steht im Mittelpunkt des Prozesses

Vor 27 Jahren soll Werner M. die zehnjährige Ursula Herrmann entführt und in einer Kiste vergraben haben: In dem Mordprozess vor dem Landgericht Augsburg geht es nun um den wichtigsten Beweisgegenstand - ein Tonbandgerät, das bei der Erpressung von Ursulas Eltern eine wichtige Rolle spielte.

Augsburg - Dieses alte Tonbandgerät steht seit Donnerstag für die nächsten acht Verhandlungstage im Augsburger Ursula-Herrmann-Prozess im Mittelpunkt. Es gilt als wichtigstes Beweismittel der Staatsanwaltschaft in dem aufwendigen Indizienprozess um den Mord an Ursula Herrmann, die 1981 im Alter von zehn Jahren entführt worden war.

Angeklagt ist Werner M. wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge. Er soll Ursula entführt und in die im Wald vergrabene Kiste gesperrt haben. Seine 62 Jahre alte Ehefrau Gabriele muss sich wegen Beihilfe zur Tat verantworten.

Die robuste Kiste war über Batterien mit einer Beleuchtung und einer kleinen Sitzbank ausgestattet. In ihr fanden die Ermittler unangetastet Kekse, Schokolade und Getränke, einen Jogginganzug sowie Romane und Comic-Heftchen als Lesestoff. Die 1,35 Meter hohe sargähnliche Kiste war in einem Walddickicht vergraben, mit Bäumen zusätzlich getarnt und mit einer etwa acht Zentimeter dicken Erdschicht bedeckt.

Das Tonbandgerät, um das es nun in dem Prozess geht, war bei einer Hausdurchsuchung beim 59-jährigen Angeklagten gefunden und danach phonetisch untersucht worden. Phonetik-Experten des bayerischen Landeskriminalamts haben Spuren gefunden, die darauf hindeuten, dass die Erpresseranrufe darauf mitgeschnitten wurden.

Doch der Hauptangeklagte und seine mitangeklagte Ehefrau bestreiten vehement, mit dem Tod und der Entführung des Mädchens etwas zu tun zu haben. Das sichergestellte Tonbandgerät will der Angeklagte erst vor ein paar Jahren auf einem norddeutschen Flohmarkt gekauft haben. Ein Nachweis dafür konnte sich trotz aufwendiger Nachfragen der dort zuständigen Polizei nicht erbringen lassen. Im Prozess sind auch ein Polizeibeamter aus Höxter sowie weitere Vernehmungsbeamte geladen.

Das besondere Problem im Zusammenhang mit dem Tonbandgerät besteht darin, dass der Entführer bei seinen Anrufen bei der erpressten Familie Herrmann nichts gesprochen hat, sondern jeweils nur eine Erkennungsmelodie vom Verkehrsfunk des Senders Bayern3 zu hören war.

Alleine an voraussichtlich drei von insgesamt acht Verhandlungstagen, die für den Komplex Tonbandgerät reserviert sind, soll vom 20. Oktober an die Phonetik-Sachverständige des LKA gehört werden. Das Verfahren wird voraussichtlich in diesem Jahr nicht mehr abgeschlossen werden können. In mühevoller Kleinarbeit muss das Gericht alle nur denkbaren Indizien abgleichen und versuchen, das Jahrzehnte zurückliegende Verbrechen durch Zeugenbefragungen aufzuhellen. Das ist ein ausgesprochen schwieriges Unterfangen, da einige Zeugen bereits gestorben sind und das Erinnerungsvermögen bei anderen deutlich verblasst ist in den zurückliegenden 28 Jahren.

Der Fall Ursula Herrmann
Das Verbrechen an Ursula Herrmann war eines der spektakulärsten in der deutschen Kriminalgeschichte: Das Leben des Mädchens endete an einem Dienstagabend in einem Wald nahe des bayerischen Ammersees.

Es ist der 15. September 1981, der erste Schultag nach den Ferien. Ursula Herrmann, zehn Jahre alt, geht nach der Schule zunächst zur Turnstunde im Nachbarort Schondorf, danach besucht sie ihre Tante. Auf dem Heimweg wird sie entführt.

Ein Unbekannter verschleppt sie in ein Waldstück zwischen Schondorf und Eching und zwängt sie in eine Holzkiste, die 1,60 Meter tief in den Waldboden eingelassen ist. In die Plastikrohre für die Belüftung sind 2400 Löcher gebohrt, die Kiste wird über eine Autobatterie beleuchtet. Das Innere ist mit rosafarbenem Stoff ausgekleidet, auf dem Boden liegen Kinderbücher, Comics, Gebäck und Kinderkleidung.

Ursula wird nichts essen, nicht in den Büchern lesen. Die Zehnjährige erstickt qualvoll - bereits sechs Stunden, nachdem sie vom Rad gezerrt worden war.
Einige Tage nach der Entführung geht bei Ursulas Eltern ein aus Zeitungsbuchstaben zusammengestückelter Erpresserbrief ein: Sie sollen zwei Millionen Mark Lösegeld für die Freilassung ihrer Tochter zahlen.

Es folgt ein weiterer Brief, in dem der Erpresser detaillierte Übergabemodalitäten angibt, und neun Telefonanrufe, auf denen lediglich die Bayern 3-Verkehrsfunkmelodie zu hören ist. Sie sollen Ursulas Eltern die Möglichkeit geben, sich zu den Forderungen zu äußern. Immer wieder beteuern die Herrmanns, das Geld - eine Summe, über die sich nicht einmal im Ansatz verfügten - irgendwie zu beschaffen. Dann bricht der Kontakt zum Entführer ab.

Am 4. Oktober, 19 Tage nach Ursulas Verschwinden, finden Ermittler die Holzkiste mit der Leiche des Mädchens.
Werner M., ein gelernter Maler, wurde am 28. Mai 2008 in seiner Wohnung in Kappeln in Schleswig-Holstein festgenommen. Zur Tatzeit lebte er in Eching am Ammersee, im selben Ort wie Ursulas Familie. Wenige Wochen nach der Tat war er erstmals ins Visier der Ermittler geraten: Ein anonymer Hinweisgeber hatte ihn beschuldigt, doch eine Hausdurchsuchung blieb ergebnislos. Zudem hatte der Verdächtige ein Alibi, das die Ermittler trotz aller Zweifel nicht entkräften konnten. Jahrelang hatte er ein Radio-Fernseh-Geschäft geführt, sich verschuldet und den Laden schließlich geschlossen. "Der Tatverdacht gegen ihn war nie ausgeräumt", sagt Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz.

Das Landgericht Augsburg verurteilte den 59-Jährigen nun zu lebenslanger Haft.

jjc/ddp/dpa

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