Entführtes Kind Anwalt fordert neues Gutachten im Fall Ursula Herrmann

Ursula Herrmann wurde 1981 entführt und in einer Kiste im Wald vergraben, die Zehnjährige erstickte. Ihr Bruder fordert Schmerzensgeld vom verurteilten Täter - doch ging bei den Ermittlungen alles rechtens zu?

Werner M. im Landgericht Augsburg (Archiv)
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Werner M. im Landgericht Augsburg (Archiv)


Für den Mann, der Ursula Herrmann auf dem Gewissen haben soll, ist es eine Chance. Seit sieben Jahren sitzt Werner M. in Haft. Das Landgericht Augsburg sprach ihn schuldig, am 15. September 1981 an einem Uferweg des bayerischen Ammersees die Zehnjährige vom Fahrrad gezerrt und entführt zu haben. Der Täter sperrte sie in eine mit Luftlöchern versehene Holzkiste und vergrub diese im Wald. Doch Laub und Erde verstopften die Siebe an den Löchern, Ursula Herrmann erstickte.

Werner M. gehörte von Beginn an zu den Verdächtigen, die Beweise überführten ihn jedoch nicht. 27 Jahre später wurde M. in Kappeln in Schleswig-Holstein verhaftet und in einem Indizienprozess wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Werner M. bestreitet bis heute, Ursula Herrmann entführt und getötet zu haben.

Damals urteilte eine Strafkammer, nun geht es vor einer Zivilkammer erneut um den Fall: Michael Herrmann, der Bruder des Opfers, fordert von Werner M. 20.000 Euro Schmerzensgeld. Er habe durch die Tat und den Strafprozess schwere psychische Schäden und einen Tinnitus bekommen, sagt Michael Herrmann. Für ihn als Musiklehrer und Musiker sei die Erkrankung eine zusätzliche Belastung.

Eingang zum unterirdischen Verlies im Fall Herrmann
DPA

Eingang zum unterirdischen Verlies im Fall Herrmann

Zuletzt wurde im vergangenen Sommer in dieser Sache verhandelt, seither herrschte Stillstand. Dabei könnten im Rahmen des Zivilverfahrens endlich die Ungereimtheiten in der Ermittlungsarbeit zur Sprache kommen: Denn es gibt etliche Zweifel, ob Werner M. wirklich der Entführer des Mädchens ist.

So spielte bei der Überführung Werner M.s ein Aufnahmegerät der Marke Grundig TK 248 eine Rolle. Der Entführer hatte von der Familie zwei Millionen Mark Lösegeld gefordert - erst mithilfe zweier Erpresserbriefe, dann per Telefon. Insgesamt elfmal wurde auf dem Festnetz der Familie Herrmann angerufen. Dabei wurde als Erkennungszeichen die Verkehrsmelodie des Radiosenders Bayern 3 abgespielt - von einem Tonbandgerät.

Die akustischen Merkmale dieser Aufzeichnungen ließen sich nach Ansicht des Landeskriminalamtes (LKA) dem Aufnahmegerät zuordnen, das die Polizei nach einer Durchsuchung bei Werner M. sicherstellen konnte.

Anwalt fordert neues Gutachten

Dieses belastende LKA-Gutachten will Werner M.s Anwalt Walter Rubach an diesem Donnerstag vor Gericht auseinandernehmen: "Der Entführer von Ursula Herrmann hat definitiv einen anderen Verkehrsfunk-Jingle verwendet als das LKA in seinem Gutachten", sagt Rubach.

Es gebe deutliche Unterschiede: die Amplitudenverhältnisse der einzelnen Töne untereinander, die Frequenzen aller Töne, die Zusammensetzung der Obertöne und die sogenannte Einschwingcharakteristik der Töne. "Die Ermittler haben eine Tonträgerversion verwendet, die für Rundfunkhörer nicht zugänglich ist", sagt Rubach und fordert ein neues gerichtliches Sachverständigengutachten.

Rubach will sich zudem an diesem Verhandlungstag nach der enormen Pause einen pensionierten Polizeibeamten vorknöpfen, der bei der Vernehmung des Hauptbelastungszeugen Klaus P. dabei gewesen war.

Ursula Herrmann
DPA/ LKA Bayern

Ursula Herrmann

Klaus P. sagte bei der Polizei aus, er habe im Auftrag Werner M.s das Loch ausgraben müssen, in das später die Kiste mit dem Mädchen gestellt wurde. Drei Stunden später widerrief Klaus P. sein Geständnis. Das Gericht stützte seine Verurteilung dennoch auf das zurückgezogene Geständnis. Klaus P. selbst kann nicht mehr befragt werden, er ist 1992 verstorben.

Rechtsanwalt Rubach hat deshalb die Fachpsychologin für Rechtspsychologie Renate Volbert beauftragt, zu prüfen, ob sich aus aussagepsychologischer Sicht Anhaltspunkte dafür ergeben, dass es sich um ein falsches Geständnis handeln könnte. Volberts Einschätzung: Das ist durchaus möglich.

Mit Argumenten der inhaltlichen Qualität lasse sich ein Erlebnisbezug des Geständnisses aus aussagepsychologischer Sicht zumindest nicht belegen. Allerdings ergebe sich aus ihrer Beurteilung noch keine Ableitung über die Täterschaft des Werner M. Aber es verstärkt den Verdacht, dass bei den Ermittlungen nicht alles mit rechten Dingen zuging.

Mysteriöse DNA-Spur

Die möglichen Schlampereien beim Gutachten des Tonträgers und der Vernehmung des alkoholkranken Klaus P. sind nicht die einzigen Rätsel: Im Münchner Mordfall Charlotte Böhringer, einer vermögenden Parkhaus-Besitzerin, wurde an einem Glas die Spur J 73.03.3 sichergestellt - sie enthält die identische DNA wie eine Spur an einer Schraube der Holzkiste, in der Ursula Herrmann erstickte.

2008 wurde Böhringers Neffe, Benedikt Toth, ebenfalls in einem Indizienprozess wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Doch dessen DNA war es nicht. War es die eines Komplizen? Noch immer ist diese Spur nicht aufgeklärt. Auch Toth beteuert bis heute, seine Tante nicht getötet zu haben.

Der Bundesgerichtshof hat die Urteile gegen Toth und gegen Werner M. bestätigt. Der Zivilprozess am Landgericht Augsburg birgt zumindest für Werner M. die Chance, Munition für ein Wiederaufnahmeverfahren zu sammeln.



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