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Mordfall Yvan S.: Ermordet, zerstückelt, einbetoniert

Von , Stuttgart

Ein perfider Mordplan, unvorstellbare Grausamkeit und ein schockierendes Geständnis. Drei junge Männer und eine 17-Jährige stehen in Stuttgart vor Gericht, weil sie Yvan S. getötet, zerstückelt und einbetoniert haben sollen - woher rührte ihr hemmungsloser Hass auf den 19-jährigen Schüler?

Stuttgart - Im Sommer des vergangenen Jahres kam das Verbrechen an dem 19-jährigen Gymnasiasten Yvan Schneider aus Rommelshausen im Remstal, einer Gemeinde im Hinterland von Stuttgart, ans Licht. Nicht nur Eltern, Geschwister und Klassenkameraden des Opfers wurden von fassungslosem Entsetzen überwältigt, sondern gleichermaßen die Ermittler, ja die gesamte Öffentlichkeit, so weit sie von der Bluttat erfuhr.

Denn der völlig arglose Schüler war am Abend des 21. August 2007 offenbar von einem sechzehnjährigen Mädchen aus dem Haus gelockt und auf einer Wiese von zwei ihm unbekannten jungen Männern auf äußerst brutale Weise mittels eines Baseballschlägers niedergeschlagen und zu Tode getreten worden. Angebliches Motiv: Eifersucht. Die Sechzehnjährige soll dabeigestanden und zugeschaut haben.

Freunde des ermordeten Yvan vor dem Landgericht in Stuttgart: Sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Gewalt hilft niemals weiter" und "Yvan 10" für die Rückennummer, die der ehemalige Handballspieler trug
DPA

Freunde des ermordeten Yvan vor dem Landgericht in Stuttgart: Sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Gewalt hilft niemals weiter" und "Yvan 10" für die Rückennummer, die der ehemalige Handballspieler trug

Den Toten sollen die Täter anschließend zu einem Fabrikgelände in Stuttgart-Bad Cannstatt geschafft haben, wo der Vater des mutmaßlichen Haupttäters über einen Lagerraum verfügte. Dort wurde die Leiche mit Hilfe eines dritten jungen Mannes in 14 Teile zerstückelt, das junge Mädchen soll die Blutspuren beseitigt haben. Doch nicht genug damit: Die in Folie verpackten Einzelteile sollen die Täter zwei Tage später in die Kellerwohnung eines Mehrfamilienhauses im Stuttgarter Osten gebracht, dort in Blumenkübel einzementiert und am 25. August bei Plochingen in den Neckar geworfen haben.

Nur den Torso, den sie ebenfalls einzementieren wollten, wegen des Gewichts aber nicht tragen konnten, legten sie in einem Waldstück bei Großbottwar bei Ludwigsburg ab, wobei der Vater des mutmaßlichen Haupttäters geholfen haben soll. Die Polizei klärte das Verbrechen relativ schnell auf, da aus der Kellerwohnung starker Verwesungsgeruch drang und die Täter dort Zement, Blut und Leichenflüssigkeit zurückgelassen hatten.

Heute begann vor der 3. Strafkammer des Landgerichts Stuttgart, einer Jugendstrafkammer mit dem Vorsitzenden Richter Jörg Hettrich, der Prozess gegen vier Angeklagte. Drei von ihnen berichteten am Vormittag über ihre Herkunft, ihren Werdegang, über das also, was im Juristendeutsch "Einlassung zur Person" heißt.

Das Thema Herkunft ist heikel. Wer es aufgreift, setzt sich in der gegenwärtig aufgeheizten politischen Situation geradezu reflexhaft dem Vorwurf der Voreingenommenheit, ja des Rassismus aus. Dennoch kann es nicht totgeschwiegen werden, weil das Gericht bei der Aufklärung der Tat nach Einstellungen, Lebenssituation und Formen des Verhaltens im Mit- und Zueinander der Angeklagten zu suchen hat.

Der 19-jährige mutmaßliche Haupttäter Deniz E. stammt aus einer türkisch-kroatischen Familie. Er ist gegenwärtig im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg wegen latenter Selbstmordgefahr untergebracht. Sein Verteidiger, Maximilian Pauls aus München, hatte zu Prozessbeginn beantragt, die Verhandlungsfähigkeit seines Mandanten von einem der anwesenden Jugendpsychiater prüfen zu lassen. Professor Michael Günther untersuchte E. daraufhin und stellte zwar eine "krankheitsbedingte Verlangsamung und Einschränkung seiner Möglichkeiten, sich zu äußern" fest, aber nicht eine komplette Verhandlungsunfähigkeit. Daraufhin erklärte der Verteidiger, E. werde gegenwärtig keine Angaben machen.

Der Vater des Mädchens - ein gebrochener Mann

Die Eltern des heute 17 Jahre alte Mädchens kamen vor 26 Jahren aus Eritrea nach Deutschland. Der Vater ist Frührentner und sitzt als gebrochener Mann zusammen mit seiner Frau neben der Verteidigerin der Tochter. Sie hätte Rechtsanwaltsgehilfin werden sollen. Aber dann war ihr "anderes wichtiger" und sie geriet in Kontakt mit Deniz, der sie mit einem Sportwagen durch die Gegend kutschierte, beschenkte und langsam aber sicher auf die schiefe Bahn zog.

Der 18 Jahre alte Roman stammt aus Kasachstan. Was er über den Alkoholismus seines Vaters, seines Großvaters, ja aller Männer in seiner Herkunftsfamilie erzählt, ist erschütternd. Als der Vater als Familienoberhaupt in Deutschland ausfiel, weil er nur noch betrunken und gewalttätig war, übernahm der älteste Sohn Pflichten, die ihn naturgemäß überforderten.

Und dann gibt es noch Kai M., 23 Jahre alt, gebürtig in Polen. Sein Vater hat sich längst aus dem Staub gemacht. Seine Mutter ist inzwischen zum vierten Mal verheiratet. Was heute "Migrationshintergrund" genannt wird - hier ist die hässliche Fratze dieses Modewortes zum Greifen, zum Begreifen nahe.

Den vier Angeklagten wirft die Staatsanwaltschaft gemeinschaftlichen Mord vor. Gegen den 44 Jahre alten Vater Deniz E.s, einen weiteren 36 Jahre alten Mann sowie die mit einem der Angeklagten befreundete Mieterin der Kellerwohnung, die von dem Tatplan gewusst haben sollen, wird gesondert ermittelt.

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Fall Yvan S.: Einbetonierte Leichenteile, trauernde Freunde

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