Mordprozess gegen Arztgattin Eine tödliche Affäre

Sie trafen sich heimlich, sie wurde schwanger, dann eskalierte die Affäre: In Bochum steht die Gattin eines Arztes vor Gericht, weil sie ihren Liebhaber erstochen haben soll. Es ist die Geschichte einer Frau, die viel vom Leben wollte - und die Kontrolle verlor.

Prozessauftakt in Bochum: Nicole S. soll ihren Liebhaber ermordet haben
dapd

Prozessauftakt in Bochum: Nicole S. soll ihren Liebhaber ermordet haben

Von und Simone Utler, Bochum und Hamburg


Der Saal C 240 im Bochumer Landgericht ist ein Raum groß und ungemütlich wie eine Turnhalle. Parkettboden, Neonlicht, ein Wall aus Panzerglas. Dahinter sitzen fünf Reihen Menschen, die an diesem Montagmorgen mit unverhohlener Neugier die mutmaßliche Mörderin anstarren und sich auch sonst wie das ganz und gar unempathische Publikum einer Gerichtsshow aufführen. Sie lachen, jauchzen, klatschen gar. Und später sagt eine von ihnen über die Angeklagte: "Die tickt doch nicht mehr sauber."

Die Stimme des Volkes, ihr verfahrensfreies Urteil, gilt einer Frau, die so aussieht, als versänke sie in diesem Augenblick am liebsten im Boden. Nicole S., 32, ist eine zierliche Person, die ihr Gesicht hinter einer großen Sonnenbrille versteckt. Sie trägt eine schwarze Mütze, presst ihre Hände zusammen, gekrümmt, schluchzend hockt sie neben ihrem Verteidiger und hört, was der Staatsanwalt ihr vorwirft: Es geht um den Mord an ihrem Liebhaber.

Markus R. war 36, als er starb. Ein gutmütiger, freundlicher, charmanter Mann, der in Frankfurt als Börsenmakler arbeitete und das weitgehend verpflichtungsfreie Leben eines Junggesellen lebte. An Wochenenden fuhr er nach Hause, nach Bochum, und schaute mit seinen Freunden Fußball.

So war das, bis er Nicole S. traf.

Er konnte der attraktiven Frau mit dem strahlenden Lächeln nicht widerstehen

In der Praxis ihres Mannes lernten sie sich kennen. Sie arbeitete dort, Markus R. kam als Patient. Ende 2009 machte Nicole S. ihm plötzlich Avancen, schickte SMS, denen es an Eindeutigkeit nicht mangelte.

Der Umgarnte zweifelte zwar, ob er sich auf eine Affäre mit der Ehefrau seines Hausarztes einlassen sollte. "Markus war ein sehr korrekter Typ", sagt ein Freund. Doch widerstehen konnte er der attraktiven Brünetten mit dem strahlenden Lächeln auch nicht. Und so entwickelte sich eine ebenso leidenschaftliche wie quälende Affäre, von der sich Markus irgendwann deutlich mehr versprach. Er war verliebt.

Nicole S. hingegen blieb ziemlich cool, in vielerlei Hinsicht. Angst davor, dass ihr Mann von dem Nebenbuhler erfahren könnte, hatte sie anscheinend nicht. Sie traf sich mit R. in der Öffentlichkeit, sie gingen zusammen in seine Stammkneipe "Onkel Martin", sie hielten Händchen und küssten sich. Es schien, als sei sich Nicole S. immer sicher gewesen, alles unter Kontrolle zu haben.

Vielleicht aber machte sie sich auch einfach nicht viele Gedanken um ihren Lebenswandel und genoss, was sich ihr bot: die Sicherheit und den Status als Frau eines angesehenen Arztes, die verbotene Ekstase der Ehebrecherin, die Abhängigkeit mehrerer Männer. Das ganze pralle aufregende Dasein, das ihr, der Krankenschwester aus kleinen Verhältnissen, inzwischen gehörte.

Im Laufe ihrer elfjährigen Ehe soll Nicole S. immer wieder Liebhaber gehabt haben, jeden einzelnen hatte sie im Griff. "Denen erzählte sie alles Mögliche", so der Nebenklage-Vertreter Reinhard Peters. Einem habe sie gesagt, sie studiere Medizin, einem anderen, sie gehe als Ärztin nach Afrika. Ihrem Gatten erklärte sie wiederum, sie sei bei Freunden, wenn sie diese Männer traf, mindestens einmal habe ihr auch eine Kollegin ein Alibi gegeben, so der Rechtsanwalt.

Doch dann wurde Nicole S. schwanger.

Sie sagte es ihrem Mann, hielt aber die Affäre weiter geheim. Sie gestand es Markus R., doch der verlangte nun plötzlich einen Vaterschaftstest. Vielleicht hoffte er darauf, dass seine Freundin doch noch zu ihm ziehen würde, wenn der gehörnte Gatte sie hinausgeworfen hätte. Das allerdings wollte Nicole S. unbedingt verhindern. Sie trickste und täuschte, sie erfand eine Fehlgeburt, sie erzählte Markus R., nun wieder schwanger zu sein, diesmal aber ganz sicher von ihrem Mann. R. aber ließ sich nicht abschütteln.

Doch auch Nicole S. brachte nicht die Kraft auf, wirklich konsequent zu sein. Sie spielte weiter mit den Männern, schickte im August 2011 ihrem Liebhaber ein Foto des Babys. Markus wiederum verlangte daraufhin immer vehementer einen Vaterschaftstest, er drohte damit, die Beziehung auffliegen zu lassen, ihrem Mann alles zu gestehen. "Ich sah eine Gefahr für meine Familie", sagte Nicole S. bei der Polizei. Vier Tage nach der Geburt ihres Sohnes besuchte sie Markus R.

Laut Anklage brachte sie ihm Kakao mit Amaretto mit, in den Becher mischte sie Beruhigungsmittel, Bromazanil. Markus R. wurde schwummrig, er stolperte ins Schlafzimmer, sie stützte ihn. Als er aufs Bett gefallen war, soll sie ihm Morphium gespritzt haben, zwei oder drei Ampullen, genau wusste sie das hinterher nicht mehr. Angeblich hatte sie Angst, dass er wieder zu sich kommen könnte. Sie ging wohl in die Küche, holte ein Messer und stach zu, 14-mal. Sie traf R. ins Herz.

Besonders glaubhaft wirkt die Version der Angeklagten nicht

"Ich habe alles kaputt gemacht. Ich weiß nicht, was ich gedacht habe. Ich war in dem Moment nur so wütend", sagte Nicole S. keine drei Wochen später einem Kriminalhauptkommissar. Die Ermittler hatten bereits einen Tag nach der Tat ihre Wohnung durchsucht und blutige Kleidungsstücke gefunden. Eigentlich habe sie ihren Liebhaber nur für das Wochenende außer Gefecht setzen wollen, so S. bei der Polizei, weil er auf einen Vaterschaftstest bestanden und sie damit bedrängt habe. "Ich wollte ihn nur ruhigstellen."

Die Kammer unter Vorsitz des erfahrenen Richters Hans-Joachim Mankel wird beurteilen müssen, ob S. wirklich im Affekt getötet hat oder ob sie einem Vorsatz folgte. Besonders glaubhaft wirkt die Version der Angeklagten nicht.

Was hätte Nicole S. ihrem Liebhaber denn erzählen wollen, wenn der wieder zu sich gekommen wäre? Warum hatte sie Einweghandschuhe dabei? Und hätte die Krankenschwester nicht wissen müssen, dass die verabreichte Morphium-Dosis bereits tödlich gewesen wäre? "Es gibt zahlreiche Widersprüche", so Nebenklage-Vertreter Peters. "Viele Dinge, die sie getan hat, sind nicht logisch."

Inzwischen ergab ein Gutachten, dass tatsächlich Markus R. der Vater des Kindes ist. Der Junge, inzwischen ein halbes Jahr alt, lebt bei dem Ehemann der mutmaßlichen Mörderin. Von Gesetz wegen ist er der Vater.



insgesamt 108 Beiträge
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hermes69 13.02.2012
1. ...
Überflussgesellschaft ... die Abgründe menschlicher Dummheit ...
vogtnuernberg 13.02.2012
2. Nee, ist klar, Empathie...
Zitat von hermes69Überflussgesellschaft ... die Abgründe menschlicher Dummheit ...
Viel vom Leben wollen, daher den richtigen Mann heiraten, der am meisten Geld verspricht. Ein Mann, der seine schwangere Frau getötet hätte, weil er sein Börsenmakler Leben unbeschwert geniessen wollte, würde keine Empathie erwarten können, auch nicht von SPON. Lebenslang mit Sicherungsverwahrung! Die Frau ist angesichts Ihres Lügengebäudes eine Gefahr für die Gesellschaft! Bleibt zu hoffen, dass die Autoren bei einem Todesfall in ihrem Lebensumfeld auch so emphatisch sein mögen.
Death666Angel 13.02.2012
3.
Tragisches Schicksal für eine Handvoll Menschen, aber wirklich Nachrichtenwürdig ist es nicht.
vogtnuernberg 13.02.2012
4. Das muss aber ein verdammt langer Affekt sein.
Mord im Affekt, wenn man das Opfer vorher betäubt und dann ersticht? Das muss aber ein verdammt langer Affekt sein.
CitizenTM 13.02.2012
5. Naja
Zitat von hermes69Überflussgesellschaft ... die Abgründe menschlicher Dummheit ...
Diese Geschichten gab's auch schon im 19. Jahrhundert und im Mittelalter.
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