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Mordprozess gegen Ex-Krankenpfleger: Der Wunsch, erwischt zu werden

Von , Oldenburg

Angeklagter Niels H. vor Gericht: Alkohol gegen das schlechte Gewissen Zur Großansicht
DPA

Angeklagter Niels H. vor Gericht: Alkohol gegen das schlechte Gewissen

Krankenpfleger Niels H. hat nach eigenen Angaben 30 Patienten auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst getötet und den Tod weiterer 60 in Kauf genommen. Ein Gutachten gibt Einblick in das Motiv des Angeklagten.

Niels H. hat sich entschieden, das Einzige zu tun, was er jetzt noch für die Hinterbliebenen seiner Opfer tun kann: ihnen Gewissheit geben. So vertraute sich der 38-Jährige dem forensischen Psychiater Konstantin Karyofilis an und schilderte ihm in allen Details, wie 30 Patienten der Intensivstation des Delmenhorster Klinikums durch sein Zutun gestorben seien und weitere 60 überlebt haben sollen. Niels H. arbeitete dort in den Jahren 2003 bis 2005 als Krankenpfleger. Das Gericht wertete die Einlassung gegenüber dem Gutachter als Geständnis.

Niels H. gab im Gespräch mit dem Sachverständigen zu, Patienten das Medikament Gilurytmal (Wirkstoff Ajmalin) in die Vene gespritzt zu haben - ein Herzmittel, das überdosiert zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen und Blutdruckabfall führen kann. So verschlechterte sich der gerade stabilisierte Zustand eines Schwerkranken rapide. Niels H. will dann versucht haben, die in Lebensgefahr Schwebenden zu reanimieren. Angeklagt ist er wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs, erst im Verlauf des Prozesses waren die anderen Verdachtsfälle bekannt geworden.

Psychiater Karyofilis fasste die stundenlangen Explorationsgespräche in einem Gutachten zusammen, das er am Donnerstag in Saal 1 des Landgerichts Oldenburg vorstellte. Mehr als drei Stunden skizzierte Karyofilis die Lebensgeschichte des Niels H., das dem Angeklagten vorgeworfenen Tatgeschehen. Am Ende gab der Experte seine Prognose bekannt: Er erklärte Niels H. für voll schuldfähig, sprach sich aber gegen eine Sicherungsverwahrung aus, da keine Rückfallgefahr bestehe. Niels H. selbst halte sich nicht für psychisch krank.

"Patienten ausgesucht, denen es medizinisch extrem schlecht ging"

Wichtig war dem ehemaligen Krankenpfleger klarzustellen, dass er - anders als es ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft - seine Patienten nicht aus Langeweile getötet habe. Vielmehr habe er die Menschen auf der Intensivstation nicht mehr als solche wahrgenommen. Er habe sich "Patienten ausgesucht, denen es medizinisch extrem schlecht ging und die eine extrem schlechte Prognose hatten". Das habe ihm die Entscheidung leichter gemacht, sagte er im Gespräch mit Karyofilis.

Irgendwann sei der Wunsch hinzugekommen, "erwischt zu werden". Niels H. habe gewusst: "Ich tue etwas Falsches." Seine Verzweiflung ertränkte er im Alkohol, an manchen Tagen trank er zwei bis drei Flaschen Korn. Wenn er dann den "richtigen Pegel" gehabt habe, habe sich dieses Gefühl in Luft aufgelöst.

Karyofilis hält die Aussagen des Angeklagten für glaubhaft. Etwa, dass Niels H. in anderen Krankenhäusern, einem Seniorenheim und als Rettungssanitäter nicht getötet haben will. Nach Angaben des niedersächsischen Justizministeriums werden jedoch derzeit insgesamt 178 Verdachtsfälle untersucht. Eine vom Klinikum Oldenburg in Auftrag gegebene Überprüfung kommt zu dem Schluss, dass Niels H. mindestens in zwölf Fällen für den Tod von Patienten verantwortlich gewesen sein könnte.

Niels H. folgte den Ausführungen des Gutachters regungslos, meist blätterte er in dem 186-Seiten-Gutachten mit, das vor ihm auf dem Tisch lag. "Ich bin bereit, Fragen zu beantworten", sagte er zum Vorsitzenden Richter Sebastian Bührmann. "Zu jedem Zeitpunkt." Am kommenden Donnerstag wird die Verhandlung mit der Befragung fortgesetzt.

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