Mordprozess in Oldenburg Das Geheimnis des Krankenpflegers

Wie viele Menschen hat der Krankenpfleger Niels H. auf dem Gewissen? Ermittler gehen inzwischen mehr als 200 Verdachtsfällen nach. Der Richter am Landgericht Oldenburg überraschte mit einem eindringlichen Appell an den Angeklagten.

Von , Oldenburg

Krankenpfleger Niels H.: "Nur im Job war er sich etwas wert"
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Krankenpfleger Niels H.: "Nur im Job war er sich etwas wert"


Als Niels H. ins Klinikum Oldenburg zum Bewerbungsgespräch kam, empfing ihn ein Mitarbeiter der herzchirurgischen Intensivstation. Der Mann trug einen blutverschmierten Kittel, Niels H. war schockiert. Als Krankenpfleger auf "normalen Stationen", auf denen er bislang gearbeitet hatte, hatte er den Tod als etwas erlebt, das weit weg war.

So äußerte sich Niels H. in 38 Einzelgesprächen mit Denise G., der Psychologin der Justizvollzugsanstalt Oldenburg, in der der 37-Jährige seit fünf Jahren und acht Monaten einsitzt - wegen versuchten Totschlags eines Patienten. Während seiner Inhaftierung wurde er zusätzlich wegen Mordes in drei Fällen und Mordversuchs in zwei Fällen angeklagt, die Taten soll er während seiner Zeit am Klinikum Delmenhorst begangen haben. Für sie muss er sich zurzeit vor dem Landgericht Oldenburg verantworten.

Niels H. soll Patienten das Medikament Gilurytmal (Wirkstoff Ajmalin) in die Vene gespritzt haben - ein Herzmittel, das überdosiert zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen und Blutdruckabfall führen kann. So verschlechterte sich der gerade stabilisierte Zustand von Schwerkranken rapide. Niels H. soll dann die in Lebensgefahr Schwebenden versucht haben zu reanimieren. Um sich zu profilieren - und manchmal sogar aus Langeweile.

Es geht mittlerweile um weit mehr als die Fälle, für die Niels H. verurteilt wurde und für die er derzeit vor Gericht steht: Die Ermittler gehen inzwischen mehr als 200 Verdachtsfällen an der Klinik und weiteren Arbeitsstätten des Mannes nach.

Am Donnerstag sagt Denise G. vor dem Landgericht Oldenburg aus. Dabei war sie der festen Überzeugung, dass sie aufgrund ihrer Schweigepflicht von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen könne. Als Diplom-Psychologin gehört sie allerdings laut Paragraf 53 StPO nicht zu der Gruppe der Berufsgeheimnisträger mit Recht auf Aussagefreiheit. "Das bringt meinen Beruf als Anstaltspsychologin in Gefahr", so die 37-Jährige. Auch die Verteidigerin von Niels H. hatte versucht, die Befragung zu verhindern. Es half nichts.

"Es musste ganz viel Blut dabei sein"

Niels H. sei aus "großer innerer Überzeugung" Krankenpfleger geworden, sagt nun also die Psychologin. Er habe seiner Großmutter und seinem Vater nachgeeifert, die ebenfalls als Krankenpfleger gearbeitet und sich aufgeopfert hätten.

Nach dem Schock mit dem blutigen Kittel beim Einstellungsgespräch habe Niels H. begonnen, die Ärzte und das Pflegepersonal auf der Intensivstation zu bewundern, wie sie "mit der heftigen Situation dort umgingen" - und eiferte ihnen nach.

"Er wollte beweisen, dass auch er das kann", sagt Denise G. Er schaffte es nur mit viel Alkohol nach Feierabend und Schlaf- und Schmerztabletten, mit denen er sich berauschte, wenn er nicht im Dienst war. Er arbeitete zu viel, vernachlässigte seine Ehefrau und das gemeinsame Kind, nachts fuhr er im Rettungswagen als Assistent mit. Die Psychologin spricht von "innerer Verwahrlosung" und "Überforderungssituation".

Irgendwann habe Niels H. den Bezug zu Menschen und seine Intention, sich um Kranke zu kümmern, aus den Augen verloren. Bei Reanimierungsversuchen entwickelte er schließlich einen beispiellosen Arbeitseifer, posierte vor Lernschwestern, mantelte sich auf, gerierte sich als Chef. Blut am Kittel war auf einmal kein Problem mehr. "Es mussten ganz viel Blut und viele Leute dabei sein", so die Psychologin.

"Sie würden die Angehörigen beruhigen"

Die Wertschätzung als Ehemann, Vater oder Sohn habe ihm nicht gereicht, er habe nach Bewunderung im Job gegiert. "Nur da war er sich selbst etwas wert, hat sich gespürt", sagt die Psychologin. In den Gesprächen mit Niels H. habe sie den Eindruck gewonnen, dass es mehr Fälle gebe als den, wegen dem er 2008 verurteilt wurde. Ein Geständnis habe er ihr gegenüber aber nie abgelegt.

Niels H. spielt jedoch mit dem Gedanken. Er bittet am Donnerstag den Vorsitzenden Richter Sebastian Bührmann um eine Bewertung der bisherigen Erkenntnisse. "Nur Sie wissen, was Sie getan haben, Herr H.", sagt Richter Bührmann. "Ich kann mir vorstellen, dass ein großer Druck auf Ihnen lastet." Dies dürfe aber nicht dazu führen, dass Niels H. ein falsches Geständnis ablege.

Für ein Geständnis - "wenn es etwas zu gestehen gibt" - gebe es mehrere Gründe: "Es wäre erstmals seit Langem, dass Sie etwas Richtiges machen: Sie würden anderen Leuten helfen", sagt Bührmann. Es herrsche große Unsicherheit, viele Angehörige hätten gern Gewissheit. "Sie würden sie beruhigen." Zudem könne Niels H. endlich die "Geister der Toten", die ihm offenbar im Traum erscheinen, wie er einem Mithäftling anvertraut haben soll, vertreiben.

Eindringlich schärft der Vorsitzende Niels H. ein, dass das Gericht "zu jeder unkonventionellen Art der Kommunikation" bereit sei, dass er zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit habe, Kontakt zu Menschen aufzunehmen, mit denen er sprechen wolle.

Sämtliche Arbeitsstätten werden überprüft

Und eines betont Richter Bührmann auch: Das Gericht werde intensiv prüfen, ob die Ermittlungen in dem Fall verschleppt wurden. Denn seit drei Tagen ist bekannt, dass Niels H. möglicherweise auch am Klinikum Oldenburg Patienten getötet hat. In zwölf Fällen gebe es Ungereimtheiten, teilte die Klinikleitung am Dienstag mit. Diese Patienten könnten demnach durch Fremdeinwirkung gestorben sein.

Warum schlugen die Kollegen des Klinikums Oldenburg nicht Alarm? Hätten die Taten in Delmenhorst verhindert werden können? Vor allem die Staatsanwaltschaft Oldenburg gerät zunehmend unter Druck. Hat sie das Ausmaß des Falles nicht zeitnah erkannt? Bereits 2005, als Niels H. erstmals in Verdacht geriet, hatte ein Oberarzt die Behörde darüber informiert, dass es weit über 100 Verdachtsfälle gebe. Die Staatsanwaltschaft hatte diese Hinweise jedoch weitestgehend ignoriert. Lediglich die derzeit zu verhandelnden Fälle wurden damals ermittelt.

Der Generalstaatsanwalt hat die Staatsanwaltschaft Osnabrück beauftragt, gegen zwei ehemalige Dezernenten der Staatsanwaltschaft Oldenburg Ermittlungen wegen Strafvereitelung im Amt einzuleiten. Eine Sonderkommission unter der Leitung des Kriminaloberrats Arne Schmidt hat mit der Überprüfung sämtlicher Arbeitsstätten von Niels H. begonnen, selbst Verdachtsfälle aus seinen Zeiten beim Rettungsdienst werden untersucht. Es könnte zu weiteren Exhumierungen möglicher Opfer kommen.

"Niemand weiß, was gewesen ist", wendet sich Richter Bührmann an Niels H. "Nur Sie."

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