Mordprozess ohne Leiche Schöne, heile Welt

Emanuel B. ist wegen Totschlags an seiner Frau angeklagt, eine Leiche wurde nie gefunden. Vor Gericht zeichnet eine forensische Psychiaterin nun das Bild eines unterkühlten Mannes in einer scheinbar perfekten Welt.


Vielleicht wäre Britta B. nicht verschwunden, gäbe es das mondäne Haus am Waldrand von Schlangenbad-Wambach im Rheingau-Taunus-Kreis nicht. Es ist ein elegantes Anwesen von 2500 Quadratmetern, ein Garten mit prächtigen Pflanzen. Jahrelang drehte sich für Britta B. alles um die Bebauung dieses Grundstücks. Es war ihr Lebensinhalt im doppelten Sinn: ihr Leben und gleichzeitig ihr Halt.

Hier in dem Wohngebiet wurde Britta B. zuletzt gesehen. Seit Juni vergangenen Jahres muss sich ihr Ehemann Emanuel B., 40, in einem aufwendigen Indizienprozess wegen Totschlags vor dem Landgericht Wiesbaden verantworten. Er soll Britta B. laut Anklage am 16. Februar 2014 im Streit getötet, ihre Leiche zerstückelt und die einzelnen Teile entsorgt haben. Bis heute fehlt von der Frau jede Spur.

Emanuel B. bestreitet die Tat. Er schweigt vor Gericht, sprach aber mit der forensisch-psychiatrischen Sachverständigen, die im Auftrag der 2. Strafkammer ein Gutachten über den Angeklagten erstellt und nun vorgestellt hat. Ihre Einschätzung soll das Schwurgericht bei der Aufklärung des Falls unterstützen.

Prunkvoll und seelenlos

Ausführlich schilderte Emanuel B. demnach, wie er Britta B. im Jahr 2003 über eine Internetplattform kennenlernte, wie sie schon wenige Monate später zusammenzogen, Jahre danach heirateten. Britta B. plagten Panikattacken, sie reduzierte ihren Job bei einer Fluggesellschaft, kündigte schließlich ganz und sollte sich - so erzählt es ihr Ehemann der Gutachterin - ab 2009 um den Bau des gemeinsamen Domizils kümmern, während er für den Unterhalt des Paares arbeiten ging. Das Haus als monomane Fixierung.

Es entstand eine Villa, von der viele Zeugen, nicht nur Nachbarn, vor Gericht schwärmten: so modern, so pompös, so perfekt. Aber ohne Leben. Ein prunkvolles, aber seelenloses Heim. Britta B. kümmerte sich um die extravagante Einrichtung, die Dekoration und das Ambiente, verwarf alles wieder und gestaltete es neu. Der Grad des Perfektionismus, den sie, aber wohl auch ihr Ehemann als Maßstab nahmen, übersteigt die übliche Vorstellung.

Die Villa brachte dem Paar kein Glück. Britta B. erfüllte diese Aufgabe nicht oder sie überforderte sie. Ihre Angstzustände nahmen nach Angaben von Emanuel B. zu, bestimmten den Alltag, das Eheleben. Das Paar isolierte sich, verlor den Anschluss an die Gesellschaft, war sich selbst genug.

"An der Spitze wird es einsam"

Ihr Plan, so schildert es Emanuel B.: Wenn endlich das Haus mit allem Drumherum fertig ist, nehmen sie einen Anlauf in ein neues Leben: wieder Freunde finden, Urlaube machen. Doch als es fast fertig schien, dachte Britta B. bereits über den nächsten Umbau nach.

Die Gutachterin beschreibt Emanuel B. aufgrund der Zeugenaussagen vor Gericht als ehrgeizig, zielstrebig, arrogant. Einer, der Handwerker herumkommandiert, weil er sie dafür bezahlt, und der Wert auf Ordnung legt. Aber auch ein höflicher, zuvorkommender Mensch, liebevoll im Umgang mit seiner Ehefrau und voller Rücksicht auf ihre Labilität.

Auffällig ist, aus Sicht der Psychiaterin, dass Emanuel B. keine vertrauensvollen Beziehungen pflegte - außer zu seiner Ehefrau. Sie scheint die einzige Person gewesen zu sein, der er sich öffnete und anvertraute. Eine Zurückhaltung, die er bereits als Kind hatte: Er galt als Einzelgänger, ohne Interesse an Verbündeten. Mit 14 Jahren verließ Emanuel B. sein französisches Heimatdorf, besuchte eine Hotelfachschule in Straßburg mit angeschlossenem Internat und bastelte an seiner Karriere als Manager.

Alle anderen Kontakte in Emanuel B.s Umfeld wertet die Gutachterin als flüchtig und oberflächlich. Offenbar ein bewusster Zustand, denn Emanuel B. bemühte sich auch nicht um Freundschaften oder Bekanntschaften. Ebenso wenig seine Ehefrau. Das unterschiedliche "Niveau" habe sie davon abgehalten. "An der Spitze wird es einsam", sagte Emanuel B. der Gutachterin und meinte seinen exklusiven Lebensstil, den er und Britta B. präferierten. Lieber mit Leuten anbandeln, deren Couchtisch auch 12.000 Euro gekostet hat, bloß nicht mit Menschen, die einen für 400 Euro besitzen.

Verteidiger: Motiv "weit und breit" nicht erkennbar

Die Ermittler hatten sich schnell auf Emmanuel B. als Täter festgelegt. Im Sommer 2014 war schon einmal Anklage gegen ihn erhoben worden, doch das Landgericht Wiesbaden lehnte damals eine Eröffnung des Verfahrens ab, es gab zu wenige Indizien. Emmanuel B. ging ins Ausland. Staatsanwaltschaft und seine Schwiegereltern, die als Nebenkläger in dem Prozess auftreten, legten Beschwerde gegen die Entscheidung ein. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main gab ihnen im Januar 2015 recht. Emmanuel B. wurde daraufhin in Brüssel festgenommen, kam in Untersuchungshaft.

Emanuel B. soll im Zusammenhang mit dem Verschwinden seiner Ehefrau die Überwachungsanlage im gemeinsamen Haus manipuliert, seine Schwiegereltern belogen und falsche Spuren gelegt haben. Sollten die Ermittlungen stimmen, spreche dies für ein berechnendes, empathieloses Verhalten, so die Gutachterin.

Vielleicht war Emanuel B. auch nur an einem Punkt angekommen, an dem er realisiert hatte, dass sich mit der Fertigstellung des Eigenheims nichts ändern werde. Sondern dass sich sein Leben und insbesondere seine Ehe weiterhin im Kreis drehen würden. Sein Verteidiger Axel Küster aus Wiesbaden sagt, ein Motiv für eine mögliche Tat sei "weit und breit" nicht erkennbar. "Die Sachverständige hat die Liebe und starke Bindung zu seiner Ehefrau bestätigt."

Ende Februar könnte die Kammer das Urteil verkünden.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.