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Mordprozess um V-Mann: "Im Auto mit drei Leichen, das war ein Horror"

Aus Frankenthal berichtet

In Fußketten vor Gericht: Zwei Männer sollen drei georgische Autohändler ermordet und ihre Leichen im Rhein versenkt haben. Einer der Angeklagten war V-Mann des LKA Rheinland-Pfalz. Zum Prozessauftakt packten nun beide Beschuldigten aus.

Frankenthal - Mit kleinen Schritten trippeln sie in den Schwurgerichtssaal des Landgerichts Frankenthal. An ihren Knöcheln rasseln Fußfesseln. Die Justizvollzugsbeamten, die sie hereinführen, tragen schusssichere Westen. Umständlich, weil sie Handschellen tragen, verstecken die Angeklagten ihre Gesichter. Ahmed H. und Talib O. sind des dreifachen Mordes angeklagt. Der Fall löste bundesweites Interesse aus - aus mehreren Gründen.

"So eine Panik hatte ich noch nie": Ein Justizmitarbeiter führt am Montag den wegen Mordes und schweren Raubs angeklagten Ahmed Hamud M. in den Verhandlungssaal dea Landgerichts in Frankenthal
DDP

"So eine Panik hatte ich noch nie": Ein Justizmitarbeiter führt am Montag den wegen Mordes und schweren Raubs angeklagten Ahmed Hamud M. in den Verhandlungssaal dea Landgerichts in Frankenthal

Talib O., 40 Jahre alt, Iraker mit deutschem Pass, hat für das rheinlandpfälzische Landeskriminalamt (LKA) als Verbindungsmann gearbeitet. Er soll die deutschen Behörden jahrelang mit Erkenntnissen aus der Islamisten- und Terrorszene versorgt haben.

Der zweite Angeklagte, Ahmed H., 26 Jahre alt, Somalier, der sich seit Jahren um seine Einbürgerung bemüht, wurde im Auftrag des LKA von Talib O. bespitzelt.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft sollen die beiden gemeinsam am 30. Januar 2008 die drei Georgier Pavle Egadze, 48, Spartak Arushanov, 39, und Giorgi Gabroshvili, 28, aus Habgier ermordet haben. Die drei Gebrauchtwagenhändler waren zwei Tage zuvor nach Ludwigshafen gekommen, um dort auf dem regionalweit bekannten Automarkt auf dem Giulini-Platz, auf dem gefeilscht wird wie auf einem Basar, Autos zu kaufen.

Sie trafen auf Talib O., den zwei der Osteuropäer von früheren Besuchen in Ludwigshafen kannten und der seinen Lebensunterhalt mit Autogeschäften bestritt. Er soll, nach Ansicht der Staatsanwaltschaft, den drei Georgiern einen Mercedes E-Klasse für 6500 Euro angeboten haben, der jedoch im 30 Kilometer entfernten Heppenheim abgestellt sei.

"Das sind Kinder der Affen und Schweine"

"Die sonst sehr vorsichtig agierenden Georgier wollten zunächst selbst fahren", sagte Staatsanwalt Lutz Pittner. Doch dann ließen sie sich überreden, bei O. ins Auto einzusteigen.

Unterwegs soll Talib O. seinen Kumpel Ahmed H., mit dem er sich vor zwei Jahren im Auftrag des LKA angefreundet hatte, in Frankenthal aufgelesen haben. Zu fünft fuhren sie zu einem einsamen Gehöft im Odenwald bei Heppenheim. Und zwar in dem weißen Ford Escort Kombi mit Mannheimer Kennzeichen, einem betagten Modell aus dem Jahr 1998, das Talib O. vom LKA zur Verfügung gestellt bekommen hatte und das mit einem GPS-Sender ausgestattet war.

Nahe des Jochimsees sollen sie die Georgier getötet, ihnen zwischen 9000 und 12.000 Euro Bargeld abgenommen und die Leichen im Altrhein bei Mannheim-Sandhofen im Rhein versenkt haben, so Staatsanwalt Pittner.

Beide Angeklagten sagten am Montag vor der Kammer unter dem Vorsitz von Michael Wolpert aus - und beschuldigten sich gegenseitig: Ahmed H. behauptet, V-Mann Talib O. habe die drei Männer ermordet, um ihnen ihr Bargeld zu rauben. Talib O. beschuldigt den muslimischen Somalier, die Georgier aus religiösen Gründen getötet zu haben.

Dabei tischte der V-Mann, der 1996 mit seiner Frau nach Deutschland einreiste und einen Asylantrag stellte, eine verwirrende Geschichte auf: Demnach habe Ahmed H. während der Fahrt religiöse Lieder gesungen und wissen wollen, warum er "mit diesen Ungläubigen" Geschäfte mache. Mit dem Ausspruch "Das sind Kinder der Affen und Schweine", habe Ahmed H. die drei Autohändler gemeinsam mit zwei vermummten Männern, die plötzlich auf der Bildfläche erschienen, getötet.

"Sie gehorchten, ohne sich zu wehren"

Um die Geschichte möglichst glaubhaft zu präsentieren, fielen dem 40-Jährigen, der sich nur mithilfe eines Dolmetschers verständigen konnte, auch Details ein, an die er sich bei seiner Festnahme im Februar nicht annähernd hatte erinnern können.

Ahmed H. - seit seinem achten Lebensjahr in Deutschland, Realschulabschluss - schilderte den Tattag als zufällige Begegnung. Er war nach der Schule, die er im Rahmen seiner Ausbildung besuchte, zur Beratung im Zentrum für Arbeit und Bildung in Frankenthal gewesen, als Talib O. vorschlug, ihn abzuholen.

Überrascht sei er gewesen, als er die drei Georgier im Auto entdeckte. Bereits während der Fahrt habe Talib O. nervös gewirkt, sei zu schnell gefahren und habe eine Zigarette nach der anderen geraucht.

Völlig unerwartet habe Talib O. dann an dem einsamen Gehöft gehalten, habe sofort den Motor ausgeschaltet, aus dem Kofferraum eine Waffe geholt und den drei Osteuropäern befohlen, sich auf den Bauch zu legen. "Sie gehorchten, ohne sich zu wehren", sagte Ahmed H. Ihm selbst habe Talib O. befohlen, die Männer mit Stricken Beine und Arme zu fesseln. Aus Angst habe er gehorcht, sagte der 26-jährige Somalier unter Tränen.

Talib O. habe versucht, einen der Männer zu erdrosseln. Da währenddessen die beiden anderen zu fliehen versucht hätten, habe er den einen sofort erschossen und den anderen verfolgt und zurückgebracht. Dann habe sich dieser erneut hinlegen müssen, obwohl er heftige Gegenwehr geleistet habe, und Talib O. habe ihm in den Kopf geschossen. Anschließend habe er den dritten Gebrauchtwagenhändler mit einem schwarz-weißen Palästinenser-Tuch erdrosselt.

Flehentlicher Satz vorm Tod: "Bitte, ich habe drei Kinder!"

"So eine Panik hatte ich noch nie", weinte Ahmed H. auf der Anklagebank. Nur deshalb habe er dem Iraker geholfen, die Leichen in den Wagen zu hieven. "Im Auto mit den drei Leichen, das war so ein Horror", sagte der Somalier. "Das war ein sehr schreckliches Ereignis. Es ist wie ein Alptraum, der nicht endet." Das Bild der Getöteten verfolge ihn ständig, ebenso der flehentliche Satz eines der Georgier kurz vorm Tod: "Bitte, ich habe drei Kinder!"

Immer wieder betonte Ahmed H., dessen Familie geschlossen im Zuschauerraum saß und ihm beisteht, er habe einen "großen Fehler" gemacht, "große Schuld" auf sich geladen, aber keinen Menschen getötet. "Ich hatte noch nie eine Waffe in der Hand, weiß gar nicht, wie man damit umgeht."

Es ist der Beginn eines aufwändigen Indizienprozesses ohne Tatwaffe und eindeutige Spurenlage. Viele verwirrende Sachverhalte werden geklärt werden müssen - es ist allerdings fraglich, ob das gelingt. Das Innenministerium hat alle Akten zur Tätigkeit Talib O.s als V-Mann aus Gründen der Staatssicherheit gesperrt. "Das LKA hält damit eindeutig Beweise zurück", sagte Rechtsanwalt Gerhard Härdle, der Ahmed H. verteidigt, SPIEGEL ONLINE.

"Das LKA muss befürchten, nicht in günstigem Licht zu erscheinen", sagte der Verteidiger des V-Mannes, Stefan Allgeier, SPIEGEL ONLINE. "Trotz der bekannten Spielleidenschaft meines Mandanten wurde er ganz bewusst in Spielcasinos geschickt und wurde offenbar mit fehlerhaften Überwachungsmitteln geführt." Zudem habe Talib O. alles andere als "eine äußerst stabile Lebenssituation", die ein V-Mann aber aufweisen müsse. Anwalt Allgeier gibt zu bedenken, dass gerade in einem Indizienprozess die Indizien von Ermittlungsbehörden präsentiert würden, "welche möglicherweise ganz eigene, apokryphe Interessen am Ausgang des Verfahrens haben".

"Früher war die Moschee auch ein Mittelpunkt für mich"

Unklar blieb bereits am heutigen Montag, warum Talib O. überhaupt auf den Somalier angesetzt wurde. Ahmed H. bezeichnete sich selbst vor Gericht als gläubigen Muslim. "Früher war die Moschee auch ein Mittelpunkt für mich." Erklären kann er sich jedoch nicht, warum er ins Visier des LKA geraten ist. "Das würde ich auch gern wissen."

Talib O. gab dazu an, er habe den Auftrag gehabt, die Gesinnung Ahmed H.s sowie dessen Umfeld zu erforschen. Der Somalier habe nach einer Pilgerreise terroristische Gedanken gehegt und gegen die USA gewettert. Dabei war Talib O. derjenige, der, als es um seinen Asylantrag 1996 ging, harsch sagte: "Jeder in der Welt kennt die politische Lage im Irak. Warum haben die USA denn den Irak provoziert?"

Ein weiteres Rätsel wabert in diesem Verfahren mit, das aber nicht Bestandteil des Prozesses sein wird: An dem Wagen des V-Mannes wurde eine DNA-Spur gesichert, die mit der Spur übereinstimmt, die bei dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter gesichert worden war. Das bedeutet: In dem Auto, das das LKA seinem V-Mann Talib O. im Oktober 2007 zur Verfügung stellte, saß die derzeit meistgesuchte Frau Deutschlands, die Polizistenmörderin von Heilbronn.

Die Ermittler gehen davon aus, dass die "Phantom" genannte Frau nichts mit dem Dreifachmord zu tun hat. Aber es ist durchaus möglich, dass Talib O. sie kennt. Oder zumindest jemanden, der Kontakt zu ihr hatte, weil sie eventuell auch im Autodealer-Milieu agiert.

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