Kriminalität Polizei rätselt über steigende Mordraten in US-Metropolen

Jahrelang sanken die Mordraten in den USA, doch nun gehen die Zahlen in den 35 größten Metropolen wieder hoch. Liegt es an einem "Ferguson-Effekt"?

Schauplatz eines Verbrechens in New York: Steigende Mordzahlen
AFP

Schauplatz eines Verbrechens in New York: Steigende Mordzahlen

Von , New York


Zweimal schon war Chrispine Phillips noch davongekommen. Im September 2013 und November 2014 wurde der 27-jährige New Yorker angeschossen, überlebte aber. Dann erwischte es ihn vorige Woche beim Wasserpfeiferauchen in einer Sisha-Bar.

Die Buda Lounge in Brooklyn war rappelvoll, als es zum Wortwechsel zwischen Phillips und einem anderen Mann kam. Drei Schüsse trafen Phillips, der Unbekannte verschwand im Gewühl, weiter um sich schießend. Drei andere Gäste wurden leicht verletzt.

Phillips war einer von mindestens 209 New Yorkern, die dieses Jahr tödlicher Gewalt zum Opfer fielen. Das sind 19 mehr als im gleichen Zeitraum 2014, ein Anstieg von zehn Prozent. Das Phänomen verblüfft selbst Experten: Während die Statistiken für die meisten anderen Straftaten sinken, nehmen Mord und Totschlag auf einmal zu.

"Der Krieger kapituliert", titelte das Boulevardblatt "New York Post" über Polizeichef Bill Bratton. "Diese Erhöhung ist relativ gering", hielt der in einem Essay für die Zeitung dagegen, als zudem bekannt wurde, dass die Zahl aller Schießereien sogar um 20 Prozent gestiegen war.

"Seit Jahrzehnten nicht gesehen"

Nicht nur Bratton muss sich rechtfertigen. In Dutzenden US-Großstädten ist die Lage ähnlich, wenn nicht schlimmer. Das ist mehr als die übliche Kriminalitätswelle während der Sommerhitze, die die Gangs ins Freie treibt: Nach jüngsten Erhebungen des Polizeichefverbands Major Cities Chiefs Association (MCCA) nahm die Zahl der Tötungsdelikte in den 35 größten Metropolen Amerikas bisher im Schnitt um 19 Prozent zu - und die der nicht tödlichen Schießereien sogar um 62 Prozent.

Betroffen sind Los Angeles (20 Prozent mehr Tötungsdelikte), Washington (23 Prozent), Baltimore (58 Prozent) - Städte, die sich zuletzt eigentlich wegen sinkender Verbrechensraten feiern ließen. Washingtons Polizeichefin Cathy Lanier sprach von einem "Gefühl der Dringlichkeit, weil die Leute sterben", als die Statistiken bei einem MCCA-Krisentreffen erstmals bekannt wurden: "Was wir jetzt erleben, das haben wir seit Jahrzehnten nicht gesehen."

Die "New York Times" hat bei den Polizeibehörden nachgefasst (siehe Grafik) - und den Trend bestätigt: "Dieser Sommer ist besonders blutig."

So wurden in New Orleans bis Ende August 120 Menschen umgebracht, 22 mehr (23 Prozent) als im Vorjahreszeitraum. In Baltimore waren es 215 (77 mehr, 56 Prozent), so viele wie seit 1972 nicht mehr. In St. Louis - dessen Vorort Ferguson zum Brennpunkt der Proteste gegen rassistische Polizeigewalt wurde - waren es 136 (51 mehr, 60 Prozent). In Milwaukee, mit 600.000 Einwohnern die größte Stadt im ansonsten idyllischen Milch- und Käsestaat Wisconsin, stieg die Zahl der Todesopfer um 76 Prozent - von 59 auf 104. Bereits jetzt ist sie höher als im gesamten vergangenen Jahr.

Opfer wie Täter sind in der Regel junge Afroamerikaner aus den ärmsten Vierteln. Meist ist das Motiv nur ein banaler Streit. "Ich muss einen Weg finden, damit diese Kids verstehen, dass sie ein Teil der Gesellschaft sind", klagte Bürgermeister Tom Barrett in der "New York Times".

Der "Ferguson-Effekt"?

Die exakten Ursachen der steigenden Mordraten bleiben unklar - wobei die Auslöser immer willkürlicher zu werden scheinen. Social-Media-Kleinkriege, Rivalitäten zwischen Drogengangs, grassierende Armut, illegale Waffen, eine Kultur der Gewalt. Noch zerbrechen sich Soziologen und Kriminologen die Köpfe.

Eine ebenso weitverbreitete wie umstrittene These ist der "Ferguson-Effekt": Seit den Protesten gegen rassistische Polizeiübergriffe, heißt es da, hielten sich die Cops bewusst zurück, während Kriminelle ungestörter ihrem Handwerk nachgehen könnten. Sprich: Die Polizei gibt die Straßen auf. Bürgerrechtler kritisieren diese Theorie jedoch als politisch motiviert.

Zumal jede Stadt ihre eigenen Probleme hat: In New York ist das Klima zwischen dem progressiven Bürgermeister Bill de Blasio und der Polizei vergiftet: Die Beamten werfen ihm vor, sie mit seinem Verständnis für die Proteste verraten zu haben. In Washington zieht sich die Kluft durch die Polizeitruppe selbst: Dort sprachen jetzt 98 Prozent der Cops der eigenen Polizeichefin Lanier ihr Misstrauen aus.

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2wwk 03.09.2015
1. Es ist ein Obama und Holder Effekt
es hat damit angefangen Trayvon Martin als Sohn zu erklaeren und kriminelle Aktivitaeten von Schwaerzen damit zu erklaeren, dass sie ja von Weissen immer unterdrueckt wurden und werden. Dann kam die Luege ueber Brutalitaet der Polizei gegen Schwarze, die von keiner Statistik unterstuetzt wird. Es werden mehr Weisse von der Polizei getoetet als Schwarze. Aber die LinksProgressiven interessieren sich nicht fuer Fakten
Frank Zi. 03.09.2015
2.
Vielleicht haben die Gangbanger besseren aim als früher? Wie hoch ist denn die kill-ratio, also das Verhältnis zwischen dead/wounded?
bruno bär 03.09.2015
3.
"Bürgerrechtler kritisieren diese Theorie jedoch als politisch motiviert" politisch motiviert dürfte vorallem die Kritik an dieser These sein. Getreu dem Moto: "ich weiß nicht was es ist, aber ich weiß was es nicht ist, weil das nicht sein darf" Ich halte es für sehr gut möglich, dass durch die Proteste die Gewaltschwelle insgesamt gesunken ist, und wenn die Polizei sich tatsächlich zurückgezogen hat und vorsichtiger geworden ist, wird dieses Vakuum von Gangs und Kriminellen gefüllt. Die Frage ist also, hat sich die Polizei zurückgezogen? Hier wäre es sinnvoll bei der Polizei zu recherchieren, sowohl ob es neue policies gibt und auch ob Polizisten persönlich auf die Proteste ihr Verhalten geändert haben.
P-Centurion 03.09.2015
4.
Ich habe eher über den Rückgang gerätselt. So wie es jetzt wieder ist, ist es normal dort drüben.
Bondurant 03.09.2015
5. tja
Eine ebenso weitverbreitete wie umstrittene These ist der "Ferguson-Effekt": Seit den Protesten gegen rassistische Polizeiübergriffe, heißt es da, hielten sich die Cops bewusst zurück, während Kriminelle ungestörter ihrem Handwerk nachgehen könnten. Das glaube ich sofort. Mindestens in den Wohngebieten der Afroamerikaner dürfte es die Polizei nach "Ferguson" etwas ruhiger angegangen sein. Nach dem Motto: "Ihr mögt uns ja sowieso nicht." So geht's natürlich nicht, aber so wird es wohl sein.
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