Mordserie: Neun tote Männer und ein mysteriöser Verfassungsschützer

Von Andrea Kinzinger

Die Opfer sind Gemüsehändler, Dönerbudenbesitzer und Internetcafé-Betreiber. Neun Männer griechischer oder türkischer Herkunft wurden seit 2000 erschossen - alle mit derselben Waffe. Die Polizei ist ratlos; sogar ein Verfassungsschützer wird verdächtigt.

Hamburg - Halit Yozgat hat sein Internet-Café an der Holländischen Straße in Kassel eben erst eröffnet - mit dem geliehenen Geld seines Vaters. Am Nachmittag des 6. April 2006 sitzen vier Gäste vor den Computern und surfen im Internet. Unbemerkt feuert der Killer zwei Schüsse auf den 21-jährigen Deutschtürken ab. Tödlich getroffen bricht der junge Mann zusammen. Einer der Gäste will einen dumpfen Knall gehört haben, doch habe er sich dabei nichts gedacht. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel - wieder einmal. Denn der Mord an Halit Yozgat ist der vorerst letzte in einer beispiellosen Mordserie.

Zwei Wochen nach der Tat nehmen die Fahnder einen Verdächtigen fest - einen Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, wie jetzt bekannt wurde. Der Mann hatte sich trotz mehrfachen Fahndungsaufrufs nicht bei der Polizei gemeldet, bestätigt Oberstaatsanwalt Hans-Manfred Jung SPIEGEL ONLINE. Deshalb seien Ermittlungen eingeleitet worden, in Folge derer der Verfassungsschützer verhört wurde. Ein Zeuge will den Verfassungsschützer im Internet-Café mit einer Tüte gesehen haben.

"Er gab an, rein zufällig und aus privaten Gründen das Internet-Café besucht zu haben", sagt Jung. Unmittelbar vor der Tat habe er es verlassen und erst einige Tage später durch die Zeitung von dem Mord erfahren. "Es gibt keine Veranlassung, ihm nicht zu glauben", so der Oberstaatsanwalt. Die Tatsache, dass es sich um einen Mitarbeiter des Verfassungsschutzes handelte, habe für die Ermittlungen keine Rolle gespielt. "Deshalb haben wir das zunächst auch nicht bekannt gegeben."

Fahnder stellen Fachliteratur über Serienmorde sicher

Bei der Durchsuchung der Wohnung des Beamten stellten die Fahnder Fachliteratur über Serienmorde sicher, so Jung. Allerdings sei das kein Grund, den Mann festzuhalten: "Es gibt viele Menschen, die sich für dieses Phänomen interessieren", sagt der Oberstaatsanwalt. Zudem gebe es bislang keine Verbindung zu den anderen Morden. Der Verfassungsschützer sei nur "gering" tatverdächtig und längst wieder auf freiem Fuß. Nur weil die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen seien, bleibe er "formell verdächtig".

Die Soko "Bosporus", die im Juli 2005 gegründet wurde, die Mordkommission "Café" und das Bundeskriminalamt ermitteln in der kaltblütigen Mordserie. Diese beginnt am 9. September 2000 in Nürnberg. Enver Simsek steht mit seinem Blumen-Mobil an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. Zufällig, denn er vertritt nur einen Kollegen. Am Nachmittag wird er in seinem Lieferwagen gefunden - erschossen.

Neun Monate später hören die Nachbarn von Abdurrahim Özüdogru, dass sich zwei angeblich osteuropäisch wirkende Männer mit dem Schneider in dessen Ladenwohnung in Nürnberg-Steinbühl streiten. Zwei Schüsse fallen. Kurz danach wird Özüdogru tot aufgefunden. Bei diesen wie auch bei den sieben darauf folgenden Morden in Hamburg, München, Rostock, Dortmund und Kassel verwendet der Mörder ein und dieselbe Waffe, eine Ceska, Typ 83, Kaliber 7.65.

Kaum Gemeinsamkeiten zwischen den Opfern

Alle Opfer sind griechischer oder türkischer Herkunft und leben schon lange in Deutschland, sind fleißig und unauffällig. Ansonsten gibt es kaum Gemeinsamkeiten zwischen ihnen. Auch einen religiösen oder politischen Hintergrund schließen die Ermittler aus.

Der "Bild"-Zeitung zufolge hat der Serienkiller seine Schüsse stets durch eine Plastiktüte abgefeuert, damit die Patronenhülsen nicht auf den Boden fallen.

"Die Mordkommission ermittelt in alle Richtungen", sagt Jung. Nach der Freilassung des Verfassungsschützers suche sie im Mordfall Halit Yozgat vor allem nach einem Mann südländischen Typs. Er soll zur Tatzeit vom Internetcafé quer über die vielbefahrene Holländische Straße in Richtung Kasseler Hauptfriedhof gelaufen sein. Doch die Fahndung blieb bislang ohne Erfolg - trotz einer ausgesetzten Belohnung von mittlerweile 300.000 Euro.

Fall schlägt politische Wellen

Für den in Verdacht geratenen Verfassungsschützer haben die Ermittlungen in jedem Fall Folgen. Das Hessische Innenministerium teilte heute mit: Dem Beamten ist unmittelbar nach Bekanntwerden des Verfahrens die Führung der Dienstgeschäfte verboten worden. "Disziplinarische Maßnahmen sind eingeleitet", so Sprecher Michael Bußer zu SPIEGEL ONLINE. "Er darf nicht mehr zur Arbeit." Dies sei das gängige Verfahren, sobald gegen einen Beamten ermittelt werde.

Derweil schlägt der Fall auch politische Wellen. Die FDP-Fraktion im hessischen Landtag beantragte für kommende Woche eine Sondersitzung der Parlamentarischen Kontrollkommission. Die Kommunikationspolitik des Innenministeriums sei "unerträglich", schimpft der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Hessischen Landtag, Jörg-Uwe Hahn. Es könne nicht angehen, dass die Parlamentarier erst aus den Medien erfahren, dass gegen einen Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes wegen Mordverdachts ermittelt werde.

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